Priska Pasquer in der aktuellen Ausstellung »On Equal Terms II«

»Ich rate, sich Ge­danken über neue Mo­delle zu machen«

Die Galerie Priska Pasquer feiert 2020 ein Doppel-Jubiläum — ohne Geburtstagsparty.

Springen wir zwanzig Jahre zurück: Was hat Sie damals bewogen, eine eigene Galerie aufzumachen?

Das hat sich so ergeben, ohne eine direkte Absicht. Ich habe schon während meines Kunstgeschichtsstudiums und bis 1996 bei der Galerie Rudolf Kicken gearbeitet, da ist der Funke übergesprungen. Nach der Geburt meiner Tochter habe ich freiberuflich mit Kunstberatung angefangen und hatte 2000 die Möglichkeit, eine tolle Altbauwohnung in der Goebenstraße zu mieten, wo ich alles miteinander verbinden konnte. Als alleinerziehende Mutter war es auch eine Notwendigkeit, um über die Runden zu kommen.

Ihre Galerie ist spezialisiert auf drei prägnante Phasen: die 20er bis 30er Jahre, die 60er bis 70er und aktuelle Positionen, von Fotografie über Malerei bis Video und Installation. Wie kam es zu diesen Setzungen?

Ich stehe immer für Fotografie, aber ich habe mich auch seit zwanzig Jahren dagegen gewehrt, nur über das Medium definiert zu werden. Mir ist aufgefallen, dass ich mich bei allem, was ich gemacht habe, immer damit auseinandergesetzt habe, wie Künstler*innen auf Umbruchszeiten reagieren. Auf einmal war das wie eine Überschrift, die über allem steht. Ob die 20er Jahre in Deutschland oder später die 60er und 70er in Japan. Um 2011/12 gab es eine Neuorientierung, da wurde mir klar, dass es weniger darum geht, neue Fotos in die Welt zu setzen, sondern eher darum zu schauen, was mit den Bildern ist, die schon da sind, was für eine politische Macht sie haben. Was passiert jetzt, in diesem digitalen Umbruch, wie gehen die Künstler*innen damit um, unabhängig vom Medium. Auf einmal stand ein Konzept, woraus sich dann alles aufgebaut hat, was ich in den letzten sieben Jahren gemacht habe, wie ein Kompass.

Ein Anliegen Ihrer Galeriearbeit ist die Sichtbarkeit und Förderung von Frauen in der Kunst, was auch programmatisch die Ausstellungsreihe »FEMININE« zeigte.

Auf jeden Fall, das geht zurück bis zu den Frauen in den 20er Jahren, mit denen ich mich beschäftige, wie Annelise Kretschmer, die in Dortmund ein Fotostudio hatte und als eine der ersten Frauen ihren Lebensunterhalt damit bestritten hat. Das gilt aber auch für Japan. Es gibt die großen Männer — Shomei Tomatsu, Daido Moriyama usw. —, mit denen wir schon früh Ausstellungen gemacht haben, und es gibt Frauen, die hier niemand kennt, wie Rinko Kawauchi oder Mika Ninagawa. Es ist die Generation der 70er und 80er Jahre, die gemerkt hat, was sie über die Fotografie bewirken kann. Das war ein Befreiungsmoment. Da sehe ich starke Parallelen zu den Frauen aus der Bauhaus-Zeit.

Wie beobachten Sie die derzeitige Umbruchszeit für die Kunst?

Der riesengroße Umbruch, wo das Analoge ins Digitale gekippt ist und das iPhone omnipräsent wurde, der passiert schon seit Jahren. Ich finde es unglaublich spannend, was Künstler*innen in dieser Zeit zu sagen haben und wie sie damit umgehen, auch über mein Programm hinaus. Ich glaube, dass dieser Beitrag noch wichtiger werden wird. Was mir momentan Sorge macht, ist die Angst, anderen Menschen zu begegnen, die diese Krise verursacht. Auch nur auf der Straße. Was heißt das für eine Galerie oder für Museen, die davon leben, dass Menschen dort zusammenkommen? Ich glaube nicht, dass die Welt, wenn das alles vorbei ist, noch dieselbe sein wird.

Wie verändert die Krise konkret Ihre Arbeit?

Es ist eine Herausforderung. Wir machen jeden Mittag einen Live-Talk auf Instagram, das ist uns sehr wichtig, um dranzubleiben. Wir nehmen uns jetzt aber auch mal die Zeit für die Dinge, zu denen man sonst oft nicht kommt, können mal inne halten und durchatmen. Aber für uns und unsere Künstler*innen ist es natürlich überhaupt nicht schön, weil alles abgesagt oder verschoben ist — eigentlich hätten wir am 17.4. die Jubiläumsausstellung eröffnet!

Was halten Sie von den vielen digitalen Showrooms, die Kunstmessen und Galerien jetzt anbieten, ist das eine Alternative oder eher ein Behelf?

Eine wirkliche Alternative? Das glaube ich nicht. Wir waren schon sehr früh digital aufgestellt, mit einer umfangreichen Website samt Online-Shop und auf verschiedenen Online-Plattformen, Social Media sowieso. Diese 3-D-Rundgänge auf Artland sind wirklich fantastisch, man steht ganz nah vor den Werken. Wir kriegen darüber viele, auch internationale Anfragen und haben schon darüber verkauft. Man knüpft darüber Kontakte, die man sonst nicht geknüpft hätte. Aber ob das reicht? Ob es das Erlebnis, die Begegnung mit dem Kunstwerk und die Vermittlung ersetzen kann? 

Was würden Sie einer jungen Kollegin raten, die heute mit dem Gedanken spielt, eine Galerie zu eröffnen?

(lacht) Macht was anderes! Ich habe neulich gelesen, 90 Prozent der Galerist*innen würden diesen Beruf nicht wieder wählen. Ich glaube, ich würde ihnen raten, sich über neue Modelle Gedanken zu machen. Das traditionelle Modell funktioniert so nicht mehr. 

Welchen Rat hätten Sie gerne bekommen, vor zwanzig Jahren?

Gute Frage! Im Rückblick hat mir manchmal der Mut gefehlt. Das ist auch ein Frauen-Ding, leider. Ulrike Rosenbach etwa hätte ich nie angesprochen, wenn sie nicht mal hier gewesen wäre. Das wäre noch ein Rat an die junge Generation: Keine Angst vor großen Namen, traut euch!


Die Galerie residiert seit 2015 in den Räumen der ehemaligen Galerie Zwirner in der Albertusstraße 18,
info(at)priskapasquer.de, Tel. 952 63 13

Aktuell Di–Fr jeweils 14 Uhr PRISKA PASQUER INSIGHTS: Artist-Talk live auf Instagram, @gallerypriskapasquer