Installationen, Brailleschrift und vibrierende Bänke: Szene aus »Re:Construction« , Foto: © Lucie Ella Photography

Ästhetik der Zugänglichkeit

Die n-Label Performing Arts Company bringt Barrierefreiheit auf die Bühne

Das Theater ist kein Ort für alle Menschen. Denn manchen wird der Zugang erschwert: durch Türen, die sich nicht automatisch öffnen lassen, Treppenstufen im Foyer und enge Sitzreihen. 2009 hat sich Deutschland mit der Anerkennung der EU-Behindertenkonvention dazu verpflichtet, Wege zur uneingeschränkten Teilhabe am kulturellen Leben zu schaffen. Doch auch mehr als zehn Jahre später klaffen Anspruch und Realität auseinander, schon bei der Architektur vieler Theaterhäuser. Und wenn es um die Inszenierungen geht? Wie macht man das eigentlich, ein Theaterstück möglichst barrierefrei zu gestalten?

»Barrierefreiheit verlangt nach neuen Methoden in der darstellenden Kunst«, schreibt Lisette Reuther in einem Beitrag für den Sammelband »Tanz, Diversität Inklusion«, der 2018 erschienen ist. Reuther ist künstlerische Leiterin des Kölner Netzwerkes »Un-Label Performing Arts Company«. Im Anschluss an ein zweijähriges, von der EU-gefördertes Projekt wurde das Kollektiv 2017 gegründet, ein freier Zusammenschluss von Künstler*innen aus ganz Europa, die »mixed-abled« sind, wie die Gruppe in ihrer Selbstbeschreibung erklärt. Das Netzwerk will das künstlerische Schaffen von Menschen mit und ohne Behinderung auf hohem professionellen Niveau ermöglichen und fördern, auch mit dem im Frührjahr 2018 ins Leben gerufenen Projekt »ImPArt«.

»Menschen mit Behinderung werden durch die parallele Darstellung des Sicht- und Hörbaren oftmals des atmosphärischen und künstlerischen Erlebens beraubt«, schreibt Lisette Reuther. Sie kritisiert den Umgang, klassische Hilfsmittel von Barrierefreiheit, etwa Untertitelung oder Gebärdensprache, einfach als Zusatz zur Inszenierung zu liefern und fordert ein gene­­relles Umdenken. Das Projekt »Im­­PArt« liefert hierzu erste Versuche.

Von vorne herein nahm die Gruppe Methoden, die ein Stück für alle Menschen erlebbar machen, in ihre Inszenierungen auf und entwickelte auf diese Weise einen neuen Begriff von Barrierefreiheit: eine »Ästhetik der Zugänglichkeit«, bei der Inklusion immer schon am Anfang des künstlerischen Prozesses steht.

In einem Werkstattgespräch mit Christof Seeger-Zurmühlen, Leiter der Bürgerbühne am Düsseldorfer Schauspielhaus, erzählt Lisette Reuther, wie die Arbeit an »ImPArt« aussah. Anschauen kann man sich dieses Gespräch online, auf der Videoplattform Vimeo. Darin erzählt Reuther auch von den Stücken, die im Rahmen von »ImPArt« entstanden sind. Da ist zunächst das Tanzduett »Gravity«: Audiodeskriptionen und Gebärdensprache bilden hier die poetische Grundlage für die Performance der Tänzer*innen. »Re:Construction« dagegen ist eine Installationsarbeit. An mehreren Stationen durchläuft das Publikum einen Parcours, der zwar thematisch ähnlich gelagert ist, aber mithilfe von vibrierenden Bänken, Brailleschrift und Gebärdensprache unterschiedliche ästhetische Zugangsformen anbietet. Re:Contruction« ist ebenfalls als Dialogort gedacht: »Jeder Zuschauer kreiert und erfährt dort eine andere Geschichte und kann sich mit anderen über die unterschiedlichen Wahrnehmungen austauschen«, erzählt Reuther.

Und dann ist da noch »Der kleine Prinz«. Der Kinderbuchklassiker von Antoine de Saint-Exupéry wurde vom Ensemble als Bühnenstück inszeniert. Auch hier werden inklusive Hilfsmittel zu künstlerischen Stilmitteln: Mit Visuals werden Untertitel als Tagebucheinträge auf die Bühne projiziert, ­Ventilatoren blasen Gerüche in den Publikumsraum, und eine mechanische Schlange lehrt den Zuschauer*innen nicht nur visuell, sondern auch akustisch und haptisch das Fürchten.

»Das war eine große technische Herausforderung«, sagt Reuther. Inspiration und Hilfe holten sie sich dabei vor allem aus Großbritannien. Dort wird das Konzept der »aesthetic of access« schon seit einigen Jahren praktiziert: Barrieren werden nicht als Hindernisse, sondern als ästhetische Herausforderungen gesehen. Die zu meistern, ist manchmal gar nicht so einfach. Nils Rottgart, einer der Regisseure, erzählt in einem Trailer zum Premierenabend vom »Kleinen Prinz« in Athen: »Alles war aufgebaut, die Kunst war stimmig, die Barrierefreiheit als künstlerisches Mittel war stimmig. Und dann kommt auf einmal ein Mann im Elektro-Rolli — zwei Meter lang, eineinhalb Meter breit — und passt nicht durch die Eingangstür. Da sieht man: Die Auseinandersetzung mit Barrierefreiheit ist nie ein fertiges Produkt, sondern mehr eine Haltung zu einem Prozess.«

Momentan ist dieser Prozess, wie so viele andere, zum Erliegen gekommen. Die Corona-Pandemie verhinderte den Auftritt beim Sommerblut Festival. Auch die Europatour, die für diesen Sommer geplant war, wird vorerst ausfallen müssen. Im Oktober sollen zumindest zwei der Produktionen nachgeholt werden. Auch ein digitales Format ist geplant, falls die Lockdown-Maßnahmen den Theaterbetrieb weiterhin in Schach halten.

Die Arbeit der »Un-Label Performing Arts Company« stößt in der Theaterszene auf positives Feedback. Als nächstes planen Reuther und ihr Team deswegen ein Beratungskonzept: Drei Theater in Nordrhein-Westfalen sollen bei ihren Produktionen begleitet werden.

un-label.eu