Der »Zürcher Sprayer« in Köln: »Totentanz«, 1979, Foto: © Museum Schnuetgen

Geheimnisvolle Verschlossenheit

Das Museum Schnütgen zeigt den Graffiti-Pionier Harald Naegeli

Dass der Außenseiter für seine Rolle auch mitverantwortlich sei, predigten selbst die langhaarigen 68er-Pädagogen damals, in jenen Tagen, als eine Zürcher Nachtgestalt auf sich aufmerksam machte. Was sprühte sie im Schutz der Dunkelheit für Schmiereien an die Wände ihrer Stadt? Schwarze Strichmännchen und Tierwesen? Eine Verbundenheit zur Kunst der Avantgarde, der grafischen Abstraktion, auch der Groteske des frühen Disney oder jener James Ensors ist in den Sprühbildern von Harald Naegeli (*1939) offensichtlich. Nicht selten gleichen seine Figuren tanzenden Schattenbildern von Giacomettis Plastiken. Doch was Naegeli tat, war verboten — und so musste er sich immer wieder dem Zugiff der Schweizer Behörden entziehen.

Exil fand er im Rheinland. Oft sah man seine Werke in Düsseldorf, in Köln schuf er, bei Kunstfreunden untergekommen, bereits 1979 seinen »Totentanz«. Gleich Keith Haring entwickelte Naegeli eine distinktive Zeichensprache, vermochte sie aber nie zu vermarkten. 2017 waren in der Kulturkirche in Buchforst Arbeiten auf Leinwand und Papier zu sehen, die in kreativer Zartheit Naegelis Verbundenheit mit der frühen Moderne wie auch mit den gegenstandslosen Seelenlandschaften des Tachismus aufzeigten. Doch 2019 lehnte die Kunstsammlung NRW eine umfangreiche Schenkung ab, denn auch die Kunstwelt hat längst ihre Probleme mit Außenseitern, besonders, wenn die Stadt sie kurz zuvor wegen des Aufsprühens von zartroten Flamingomotiven verklagte. Tatsächlich ist der Marktwert Naegelis Kunst (noch) lächerlich niedrig.

Nun würdigt das Schnütgen Museum, entgegen aller Marktvorgaben, Naegelis Arbeit in ihrer Qualität als eine Kunst für die Menschen, trotz ihrer geheimnisvollen Verschlossenheit. Es zeigt, im Dialog mit der eigenen Sammlung, eine Auswahl aus der Schenkung Naegelis im Jahr 2018 von 102 Zeichnungen und einem Mappenwerk mit Radierungen. Was seine Kunst dem Mittelalter verdankt, wird hier deutlich. Kunst ohne Dünkel, zugleich Kunst eines immerwährenden Mysteriums, auf der Suche nach den großen Fragen von Leben und Tod. In Zürich arbeitet man an einer virtuellen Rekonstruktion seines kaum noch an den Fassaden erhaltenen Oeuvres. Wäre dies nicht auch eine Idee für Köln?

»Harald Naegeli in Köln — Sprayer und Zeichner«, Museum Schnuetgen, Di–So 10–18, Do 10–20 Uhr, 1. Do im Monat 10–22 Uhr, 9.3.–12.6. Zur Ausstellung erscheint ein Katalogbuch im Verlag der Buchhandlung Franz und Walther König