Köln nach dem Krieg: Groß St. Martin und Stapelhaus, Aufnahme von Wilhelm Born aus dem Jahr 1952

Wettlauf mit dem Sperrmüll

Amateurfilme sind wichtige Quellen für die Stadtgeschichte. Die Kölner Filmerbe Stiftung will sie retten

Es kann kaum einen besseren Ort geben als das Open-Air-Kino im Rheinauhafen, um »Köln nach dem Krieg in Farbe« vorzuführen. Hermann Rheindorfs Dokumentarfilm zeigt das Leben in der Stadt zwischen Kriegsende und dem sogenannten Wirtschaftswunder, für das emsig Trümmer beiseite geräumt werden, auch weil die Kölner*innen nach der Nazi-Zeit rasch wieder Platz schaffen möchten für Karnevalszüge und anderen Frohsinn. Mitunter sind die Szenen so irreal, etwa die vom Dom als letztem noch stehenden Gebäude inmitten der Trümmer, dass der Blick immer wieder von der Kathedrale auf der Leinwand in Richtung der echten hinter der Leinwand wandert, um diese beiden zeitversetzten Realitäten abzugleichen. Das perfekte Setting, um Anfang Juli die Kölner Filmerbe Stiftung vorzustellen.

Vor zwei Jahren von der noch im Gründungsjahr verstorbenen Kölnerin Georgia Friedrich ins ­Leben gerufen, soll gesammelt, ­digitalisiert, archiviert und der ­Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, wie sich die Stadt in Filmen von Amateuren und Hobbyfilmern darstellt. »Diese Filme sind ein wichtiger Baustein für die visuelle Geschichtsschreibung der Stadt«, erklärt Hermann Rheindorf als Stiftungsbeauftragter, der mit der Stiftung forciert, was ihn bereits seit zwanzig Jahren als Filmemacher umtreibt: aus der ganzen Welt Filmaufnahmen des alten Kölns zusammenzutragen, aufzubereiten und zu Langfilmen zu editieren. Nicht immer sei es ihm gelungen, Filmmaterial vor Vernichtung und Verlust zu schützen: »Oft bin ich zu spät gekommen, Filme waren bereits auf dem Sperrmüll gelandet.« Doch das lässt ihn nicht aufgeben. Von der Stiftung erhofft er sich noch mehr Aufmerksamkeit für den historischen Wert, der in alten Filmdosen lagert.

Die ergiebigsten Quellen seien Menschen, die bei jeder Gelegenheit die Kamera ausgepackt hätten. Da sei der »spontane Familienfilmer«, der durchaus spannende Inhalte auf Film festgehalten habe, oder der »ambitionierte Amateurfilmer«, der mit Konzept und Kamera raus auf die Straße ging. »Aber irgendwann müssen sich deren Kinder um den Nachlass kümmern und wissen mit den alten Filmrollen nichts anzufangen«, weiß Rheindorf aus vielen Gesprächen — im besten Fall sei die Stiftung in Zukunft dann die erste Anlaufstelle. Darauf wiesen bei der Vorstellung für den Stiftungsvorstand auch Friederike Bing, Professorin an der Kölner Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft, und für das Kuratorium Renate Beckmann hin, die das hundert Jahre umspannende Filmarchiv ihres ­Vaters und Großvaters aus der Textildynastie Brügelmann hütet.

Um zu erklären, wie selbst ­private Filmaufnahmen für die Stadtgeschichte wichtige Szenen enthalten können, hat sich Rheindorf ein schönes Szenario zurechtgelegt: »Stellt euch vor, ein Kind kriegt zu Weihnachten einen Roller«, erklärt er, »damit fährt es in einem alten Super-8-Film um den Weihnachtsbaum. Dann die zweite Szene: Das neue Geschenk wird auf der Straße ausprobiert! Schon hast du im besten Fall eine Wohnstraße oder ein Viertel im Bild, das so noch nie gefilmt wurde.« Nicht nur Privatleute wüssten den Wert oft nicht zu schätzen, der in verstaubten Filmdosen schlummert. »Der Vorgänger von KölnTourismus war das Kölner Verkehrsamt mit einem großen Bestand an ­alten Filmen aus der Stadt. Der ist im Zuge der Renovierung entsorgt worden — ich habe eine Woche zu spät angerufen.« Rheindorfs ­Bilanz: »Auf einen Treffer kommen zwanzig Fehlversuche, vielleicht sind es sogar fünfzig.«


Das Kölner Verkehrsamt hatte einen großen Bestand an alten ­Filmen aus der Stadt. Der ist im Zuge der Renovierung entsorgt worden

Hinter den privaten Super-8-Kameras standen mehrheitlich Männer, eine Frau, die immer wieder die Kamera in die Hand nahm, war Georgia Friedrich, Kölnerin und Kosmopolitin. Die Psychologin war beruflich in der Evangelischen Familienberatung tätig, ­bevor sie mit ihrem Mann, dem Bickendorfer Pastor Helmut Friedrich, durch Krisengebiete der ­ganzen Welt reiste vom Balkan bis in den Nahen Osten, wo das Paar seelsorgerisch und beratend tätig war. Immer dabei hatte sie Fotoapparat und Kamera, aus über hundert Ländern brachte sie Filme mit, zu sehen in einer Playlist beim YouTube-Kanal »Filmschätze aus Köln«. Ihr letztes großes Projekt war die Gründung der Filmerbe Stiftung, die auch ihren Nachlass betreuen soll. Georgia Friedrich verstarb im März 2020, nur wenige Wochen nachdem sie mit einem strahlenden Lachen die Anerkennungsurkunde für die Stiftung in Empfang nehmen durfte.

Ihren Sitz hat die Stiftung in Räumen in Bickendorf, wo auch Hermann Rheindorf seine Medien­produktion unterhält. Hier werden die der Stiftung zukommenden Filme gesichtet und begutachtet, digitalisiert und vor Verfall und Vergessen bewahrt. Durch die ­Anerkennung als gemeinnützig sei es jetzt auch möglich, für die kostspielige Langzeitarchivierung Fördermittel zu beantragen. Die ersten Reaktionen auf die Stiftungsarbeit seien ermutigend, so herrsche gerade Vorfreude auf Aufnahmen aus dem nur selten gefilmten einstigen Restaurant im Colonius und auf eine 1961 ­eröffnete für die Zeit typische Eckkneipe in Höhenberg. Regionale Geschichten, die in der Summe Regionalgeschichte ergeben. »Wir erwarten nicht den einen Film, der alles zeigt, aber wir hoffen, aus vielen Puzzleteilen ein Gesamtbild schaffen zu können«, sagt Rheindorf.

Gelagert werden die empfindlichen Filmfunde am Stiftungssitz in einem Hochlager mit konstanten Temperaturen und ohne Sonneneinstrahlung sowie in einem benachbarten Luftschutzbunker. Die Filmerbe Stiftung setzt auf ­Digitalisierung — die Digitalisate auf leistungsstarken LTO-Laufwerken versprechen eine Haltbarkeit von sechzig Jahren. Einige hundert Stunden Film seien ­bereits zusammengekommen, präzisere Angaben zum realen Köln-Anteil lassen sich allerdings kaum machen, wenn ein Film mit Aufnahmen aus Braunsfeld beginnt, die nächsten Minuten aber die Familie beim Strandurlaub in Rimini zeigen.

Der Kölner Filmamateur Hermann Nick hat der Stiftung mehr als 30 Filmrollen vermacht und ist einer der Glücksfälle. Nick hat von den 50er bis in die 70er Jahre in Köln und Umgebung gefilmt, mit Ansprüchen ans Sujet und durchaus mit visuellem Ehrgeiz. Auswüchse des Konsumrauschs hielt er genauso fest wie Trinker im Park. Diese und andere Impressionen schon bald der Öffentlichkeit zu präsentieren, ist neben Filmvorführungen in Seniorenheimen und Schulen sowie dem Ausbau des eigenen YouTube-Kanals ein erklärtes Ziel der Kölner Filmerbe Stiftung. 

koelnerfilmerbestiftung.de