Sublimierter Flugzeugschrott: Michail Pirgelis Abstraktion Agnes Mountain, 2022

Eine Ahnung ­mensch­licher Hybris

Michail Pirgelis in der Fuhrwerkswaage

Personalmangel, Pilotenstreik, unterbrochene Lieferketten — zahlreiche Gründe werden angeführt, um zu erklären, warum die Urlaubsflieger am Boden bleiben. Beim Besuch der Ausstellung von Michail Pirgelis (*1976) in der Fuhrwerkswaage beschleicht einen unversehens der dezente Verdacht, dass es vielleicht auch noch andere, nicht öffentlich geäußerte Gründe hierfür geben mag.

Besteht doch das Material der Arbeiten, welche den lichten hohen Ausstellungsraum in seinem Erscheinungsbild gewaltig transformieren, aus den sorgsam zerteilten Fragmenten eben besagter Urlaubsflieger. Zur Entlastung sei jedoch angemerkt, dass der in Köln lebende Pirgelis bereits während seines Kunststudiums vor mehr als 20 Jahren die Flugzeugfriedhöfe in den Wüsten des US-amerikanischen Westens durchstreifte, immer auf der Suche nach tauglichen Utensilien für seine Arbeiten.  

Die Ausstellung in der Fuhrwerkswaage wird dominiert von einem knapp dreieinhalb Meter hohen Raumteiler. Er besteht aus den aufgerichteten Kompartimenten der Fußbodenkonstruktion einer Passagiermaschine. Nahezu die Hälfte verfügt noch über einen dunkelblauen Teppichboden, der Rest ist mit Spuren der verbleibenden Klebebänder versehen. Ein schmaler Durchgang gibt den Blick frei auf eine nahezu quadratische Aluminiumfläche. Wohl aus einem Tragflächensegment geschnitten, abgeschliffen und poliert, bildet die Arbeit einen riesigen Spiegel. Neben kleinformatigeren Tafeln mit Farbsegmenten des ehemals blauweiß bemalten Flugzeugrumpfes befinden sich weitere zurechtgeschnittene Bauteile an der Außen­fassade der Fuhrwerkswaage zu einem Fries gereiht.

In ihrer Erscheinungsweise nähern sich Pirgelis Arbeiten den heroisch monumentalen Malereien aus der Hochphase der Abstraktion an, verleugnen jedoch niemals ihre materielle Herkunft aus den Arsenalen der Luftfahrt. Wünsche, Sehnsüchte, Ängste und Abenteuer, die Ahnung menschlicher Hybris — damit ist die Fliegerei seit Anbeginn behaftet. Diesen ambivalenten Gefühlsfuror macht sich der Künstler zu Nutze und lädt damit seine streng formalen Raumbesetzungen auf. In der Welt der Luftfahrt stehen die Industrieerzeugnisse für ein Versprechen, in der Welt der Kunst für eine Behauptung. »Ephemera« — der Titel der Ausstellung suggeriert, mit einem Augenzwinkern, für beides ein Verfallsdatum.

Kunstraum Fuhrwerkswaage
Bergstr. 79, Köln-Sürth,
Fr 16–19 Uhr, Sa + So 12–18 Uhr, bis 18.9.
fuhrwerkswaage.de

Parkhaus Maastrichter

Straße 10 Michail Pirgelis »LOST«  
Episode 05 — The Explorer, Odyssey