Dumm gelaufen: Emilio Sakraya als Xatar

Rheingold

Fatih Akin inszeniert Xatars Leben als Mix aus Gangsterepos, Musikfilm und Jugenddrama

Givar Hajabi sitzt in der JVA Rheinbach und spricht, akustisch geschützt durch seine Steppdecke, echt krasse Lyrics in ein Diktiergerät, die dann — auf SD-Karte herausgeschmuggelt — sein kongenialer Produzent zu jenem Album mischt, das seinen Ruhm als »Xatar« zementierte. Vorzeigemacker des migrantischen Gangsta-Raps. Die illegale Produktionsweise erinnert an Yilmaz Güney, den kurdischen Filmemacher, der seine Sozialdramen aus dem türkischen Knast heraus dirigierte. Nur saß der Bonner Kurde Xatar nicht wegen seiner politischen Gesinnung ein, sondern wegen eines Raubüberfalls, der so sagenumwoben ist wie seine gesamte Lebensgeschichte, mit der er 2015 einen Bestseller landete. Fatih Akin erzählt sie als raues und rasantes Märchen, das sich über mehrere Länder erstreckt: Die dramatische Flucht der Eltern aus dem revolutionären Iran, Hajabis Aufwachsen im irakischen Knast und das Ankommen als Flüchtlingskind, die lebenslang andauernde Liebe zu der schönen Shirin aus dem Block gegenüber, auch ein persisches Flüchtlingskind.

Vor allem interessiert Akin die kriminelle Laufbahn, die Xatar mehrfach in den Knast, ins Amsterdamer Exil und nach dem absurd-legendären Überfall auf einen (Zahn-)Goldtransporter, bis nach Ägypten und Irak-Kurdistan führt, wo er nach eigener Aussage gefoltert wird.

Der Hamburger Filmemacher mit Herz für das harte Milieu zeichnet originelle Figuren und gelungene Szenen, neben dem Hauptdarsteller Emilio Sakraya überzeugt Ugur Yücel als Amsterdamer Pate. Stilistisch, inszenatorisch haut Akin einiges raus, erzählt vor allem im ersten Teil dynamisch, elliptisch, mit einigen kleinen Juwelen, später eher ausladend. »Rheingold« ist ein bisschen Schelmengeschichte und Musikfilm, Gangsterepos, Flucht-, Migrations- und auch Jugenddrama. Wer kurz innehält, dem fehlt ein übergeordneter Bogen und ein Verständnis dafür, warum Givar Hajabi — bei aller Diskriminierungserfahrung immerhin Sohn eines klassischen Komponisten — überhaupt so tief absteigen musste, um sich dann als Musiker zu läutern. Zum Schluss steigt Xatar, dieser ausgefuchste Rapper und Produzent, Unternehmer, Verleger und Gastronom, in seinen monströsen SUV-Jeep. Wrumm! Und wo das Rheingold liegt, weiß immer noch niemand.

D 2022, R: Fatih Akin, D: Emilio Sakraya, Kazim Demirbas, Julia Goldberg, 138 Min.