Zusammen ist man weniger allein

Die freie Kunstszene hat ein neues Netzwerk: »AIC«, die Art Initiatives Cologne. Ein Gespräch über »Do It Yourself« und die Kölner Off-Kultur

Stefanie, Du gibst das Magazin MOFF heraus und organisierst »10qm«, eine Ausstellungsreihe im öffentlichen Raum. Kannst Du beides kurz erklären?

 

Stefanie Klingemann: Es geht in beiden Fällen darum, eine Plattform für Künstlerinnen und Künstler zu schaffen und Austausch zu bieten. MOFF erscheint zweimal im Jahr und ist kostenlos verfügbar, dazu erscheint mit jeder Ausgabe eine MOFF-Edition. Für »10qm« setzen sich die Künstler mit einer vorgefundenen Situation auseinander: eine kleine asphaltierte Fläche in einem Grünstreifen in Nippes, die einmal im Monat bespielt wird. Die eingeladenen Künstler reagieren sehr individuell, so dass jedes Mal eine andere Atmosphäre entsteht.

 

Heike, Glasmoog, das Du als Kuratorin leitest, ist eigentlich gar kein typischer Off Space, sondern der Ausstellungsraum der Kunsthochschule für Medien. Frei oder institutionell?

 

Heike Ander: Tja, gute Frage. Frei und institutionell. Glasmoog ist an die KHM angebunden, Programm und Ausrichtung zielen aber immer über die KHM hinaus. Da geht es um eine unabhängige Perspektive, darum, Themen und Positionen im erweiterten Feld medialer Künste zu fokussieren.

 

Anfang des Jahres hat sich jetzt erstmals erfolgreich ein gemeinsames Netzwerk gegründet. Wozu braucht man das?

 

Ander: Die Idee gab es schon früher immer wieder, weil sie naheliegend ist: Aus der Notwendigkeit heraus eine bessere interne Vernetzung zu erreichen und zweitens um nach außen mehr Sichtbarkeit zu erzeugen. In ihren Szenen, ihren Vierteln sind die Initiativen sehr wohl bekannt, aber vielleicht im Nachbarstadtteil und über Köln hinaus noch nicht. Das liegt auch daran, dass ehrenamtliche Initiativen gar nicht die Power haben, sich durch Werbekampagnen oder Anzeigen in Kunstmagazinen überregional sichtbar zu machen.

 

Klingemann: Es ist auch die Frage, inwieweit man das als freie Initiative, die eher im Underground verhaftet ist, überhaupt auf der Agenda hat. Ich finde das Schöne an AIC, dass wir uns untereinander viel besser vernetzen: Wir sind jetzt dreißig bis vierzig Leute, darunter viele, wo man immer dachte, klar, die Arbeit kenne ich, aber dich kenne ich noch nicht! Das hat sich durch AIC geändert.

 

Unter den Mitgliedern sind Kunstvereine, nomadische Projekte, Atelierhäuser, alteingesessene Räume wie die Fuhrwerkswaage oder junge Off Spaces. Auch die Programme sind sehr unterschiedlich. Gibt es da überhaupt einen gemeinsamen Nenner?

 

Klingemann: Was uns alle vereint ist natürlich, dass wir Bock haben unsere Arbeit zu machen — in Teilen eben schon zwanzig Jahre lang oder erst zwei Jahre. Dass da Menschen aus vielen Richtungen und Arbeitsfeldern zusammenkommen, sehe ich eher als Vorteil, wenn es darum geht Energien und Ideen austauschen.

 

Ander: Ich denke die Situation ist, dass viele traditionelle Kategorien in der zeitgenössischen Kunst derzeit aufgelöst werden. Das spiegelt sich auch in AIC. Die Initiative Brückenmusik ist neu dabei, ein Festival, das sich mit Sound-Installation und Klangkunst beschäftigt. Auch PAErsche, ein nomadisches Performance-Projekt haben wir aufgenommen. Über die Aufnahme-Anträge entscheiden wir gemeinsam, daraus entwickeln sich interessante Debatten.

 

Frühere Offensiven von Netzwerken sind schnell versandet. Warum hat es jetzt geklappt?

 

Ander: Man muss sagen: Es gab diesmal auch große Unterstützung aus dem Kulturamt. Die zuständige Referentin Nadine Müseler hat sich sehr engagiert und — das ist wichtig — es gab eine Anschubfinanzierung als Förderung: Ohne ein Budget zur Einrichtung einer Website gäbe es die eben nicht — weil die Leute ja schon ehrenamtlich ihre Räume und Projekte auf die Beine stellen. 

 

Klingemann: Darüber kann man dann auch so professionell auftreten, dass sich auch andere Unterstützer und Geldgeber akquirieren lassen. Das hoffen wir für die Zukunft.

 

Diesen Monat findet die erste dreitägige AIC-Veranstaltung statt. Was erwartet die Besucher? 

 

Klingemann: Wir wollen einladen neue Orte zu entdecken, vielleicht auch ein ganz neues Publikum motivieren, die Arbeit der Freien Szene kennenzulernen. Das Programm steuern wir nicht zentral: Jeder kann selber entscheiden, was er anbietet, damit stellt man seine Initiative dar. Es gibt laufende Ausstellungen und Eröffnungen, Specials wie Lesungen, Konzerte, Performances und Aktionen.

 

Zum Abschluss von jedem ein Kollegentipp: Was soll ich mir anschauen?

 

Ander: Ich empfehle die Ausstellung von Thorsten Schneider und Jürgen Krause bei Tyson. Und für den Samstag das Sun Ra-Special mit Wolfgang Brauneis und Frank Dommert von a-Musik in der »Tiefgarage« am Ebertplatz.  

 

Klingemann: Die Performances im Fotoraum und in der Baustelle Kalk! Und ich freu mich auf ein Konzert von Andreas Oskar Hirsch im Jagla Ausstellungsraum, in der Ausstellung von Tamara Lorenz!

 

Interview: Melanie Weidemüller

 

»AIC 2016«

 

Termin: 21.10.–23.10. (Fr Innenstadt,
Sa Nordstadt, So Touren in die
Außenbezirke)

 

27 Initiativen nehmen teil,
Orte und Timetable auf aic.cologne
und dem AIC2016-Flyer

 

Das Netzwerk AIC

 

Art Initiatives Cologne hat sich 2016
als e.V. gegründet und hat aktuell
37 Mitglieder. Im Juni ging die Website
aic.cologne online. 

 

Vorstand: Heike Ander (Vorsitzende, Glasmoog), Petra Giehler (Matjö),
Stefanie Klingemann (MOFF/10qm), Anne Mager (New Talents/Fuhrwerkswaage), Maria Wildeis (Tiefgarage)