Mitten im Peinlichen!

1. September, 20 Uhr. Ausstellungseröffnung von Thomas Kapi­elskis »Reckermann’s Kunstgöthe« (sic). Galerist Reckermann ist aufgekratzt und verkündet, in wenigen Minuten werde Thomas Kapielski höchstpersönlich eine Fü­hrung durch seine eigene Ausstellung machen. Freudige Erregung. Kapielski blickt sich wenig später mit listigem Blick um und beginnt mit schnarrender Stimme seine Verkaufsveranstaltung.

Bloß nicht mit Wasserwaagen

Also – er kaufe immer nur Leinwände und Rahmen, die sich gut mit dem Kleinwagen trans­portieren lassen, Kunst muss handlich sein! Er benutze zum Aufhängen der Bilder stets einen popeligen kleinen Haken, »Aufhängen muss schnell gehen, bloß nicht mit Wasserwaagen hantieren.« Kauft er sich beim Künstlerbedarf ein ungewöhnlicheres Bildformat, hat er gleich mit Schwierigkeiten zu kämpfen, gibt er ehrlich zu. Aber Kapielski, der meistert sie alle! Ungewöhnliche Formate erzielen gute Preise, weiß der Künstler noch mitzuteilen.

Die Leute kichern, und doch werden sie die ganze Zeit brüskiert. Kapielski entzaubert die Aura des genialisch-einzelgängerischen Künstlers, eine Aura, die sich ja auch der Sammler gerne an­eignen möchte. Der Kreuzberger Kneipenrebell Kapielski führt die Kategorien künstlerischer Arbeit konsequent auf Profanes, Allzuprofanes zurück. Seine Kunst siedelt im Banalen, Verächtlichen, Peinlichen. Aber der Weg dahin ist so lustig wie die besten Sketche Monty Pythons.

Spoerri-Installation auf HartzIV-Niveau

In Reckermanns Keller hat Kapielski Jutetaschen über Keilrahmen gespannt. Zum Beispiel eine von ihm nicht verfremdete, aber dafür leicht verschmutzte Tasche mit dem Wappen des Freistaates Bayern und dem Aufdruck: www.bayern.de/Europa. Dann hat Kapielski eine dicke Schmalzstulle gemalt, seine zärtlich-zynische Auseinandersetzung mit der Künstlerinsel (»Lehrerparadies«) Hombroich. Oder: Kapielski malt eine Tischdecke (»Ist mir hier mal richtig gut gelungen.«), legt ein paar Bierdeckel aus seiner Sammlung drauf (»Se­hen Sie die Striche? Habe ich alles selbst ertrunken.«) und gießt ordentlich Kleber drüber – sieht aus wie eine Installation von Daniel Spoerri runtergebrochen auf Neuköllner HartzIV-Niveau.

Schließlich die Zentralmetapher: Der Verlag 2001, bei dem Kapielski seine Tagebücher veröffentlicht, hat mal eine Plastiktüte nur mit seinem Konterfei produziert. Diese Tüte mit Visage, leicht zerknittert, wird ge­rahmt und kommt hinter Glas. Auf das Glas wird ein Saugnapf gepresst. Na klar, es ist die Kunst, die den Künstler aufsaugt. Mensch, Kapielski, geht es auch etwas weniger platt? Aber sicher. Einem Pantoffelschuh hat Kapielski vorne ein Gebiss eingesetzt. Heißt: »Avantgarde«. Die Bedeutung bleibt unklar, ist halt avantgardistische Kunst.

Galerie Reckermann, Albertusstr. 16, Di-Fr 11-18, Sa 11-16 Uhr, bis 28.10.