Gegenstrebige Fügung

Mit »Counterpole« organisiert Carl Ludwig Hübsch die Konfrontation

Vor fünfzig Jahren experimentierten Schriftsteller mit sogenannten Stereo-Hörspielen, pro Kanal eine Spur, die auch jeweils für sich schlüssig gewesen wäre. Der Schlagzeuger Sven-Åke Johansson improvisierte einst mit seinem Quartett, während neben ihnen Mechaniker fachgerecht ein Auto zerlegten. Und die Volksbühnen-Demiurgen Matthias Lilienthal und Carl Hegemann organisierten im Theater Events, bei denen zig Aufführungen und Performances parallel stattfanden. Das Prinzip: sinnliche und kognitive Überforderung, um transzendentale Erlebnisse zu provozieren. 

 

»Counterpole«, der vom Kölner Tuba-Spieler, Improvisator und Musikdenker Carl Ludwig Hübsch konzipierte Abend, kann man in gewisser Hinsicht in diese Tradition der Parallelmontage einreihen und geht doch darüber hinaus. Denn was er nebeneinander stellt, ist nicht nur jeweils in sich abgeschlossen — es will dies auch in emphatischem Sinne sein! »Counterpole« präsentiert dem Publikum zeitgleich und räumlich vereint zwei Aufführungen: Es spielt das bereits 2008 von Carl Ludwig Hübsch zusammengestellte Ensemble X — freie Improvisationen ohne Absprachen. Und es spielt das Ensemble E-MEX zwei Stücke: Eiko Tsukamotos »Mit dem Ei« und Hans Tutschkus »Moments Before The Eruption« (die beide nicht für diesen Abend komponiert wurden). Das Konfrontative dieser Situation ist gewollt, sagt Hübsch: »Es ist natürlich ein absurdes Unterfangen, in dem Sinne, dass eine Komposition nicht dafür gedacht ist, dass man dazu improvisiert. Und umgekehrt eine Improvisation auch nicht dazu, dass eine Komposition dazu gespielt wird. Sie sind ja in sich vollständig. Aber ich hatte das Bedürfnis, beides parallel stattfinden zu lassen, damit das Publikum die unterschiedlichen Energien und Informationsströme ganz direkt erfährt.«

 

Viele dürften bei dieser Konfrontation sofort bestimmte Klischees im Kopf haben, und diese sollen verwirrt werden. Zum Beispiel beim Autor dieser Zeilen, der nach dem Störpotenzial der Improvisation für die zeitgleich stattfindende Interpretation der Kompositionen fragt. »Muss man die Frage nicht genau andersherum stellen?«, fragt Hübsch zurück. »Stört die Komposition nicht die Improvisation?« Wichtig ist Hübsch, dass der Abend wirklich radikal offen konzipiert ist: Es sei nicht a priori gesetzt, dass er gelingen werde. Das hohe Risiko, die unentschiedene Situation sei ein Mittel der Verfremdung, um Hör-Muster beim Publikum — aber auch bei den Musikern selbst — zu durchkreuzen.

 

Dabei sind klangliche Überschneidungen durchaus erlaubt. Über das Stück von Hans Tutschku, Leiter des Studios für Elektroakustische Kunst an der Harvard University, sagt Hübsch: »Ein Schwanken zwischen aufgeregten Momenten und kurzzeitigem Entspannen, das Stück atmet, ist enervierend und beruhigt sich wieder. Es thematisiert Spannung, das ist sicher ein guter Anknüpfungspunkt für Improvisatoren.« Und die Improvisatoren, die Hübsch versammeln wird, sind allesamt bekannt für ihre klangsensible, formstrenge Improvisationshaltung — wiederum anschlussfähig für komponierte Musik. Nicht zuletzt wird der Counterpole-Abend auch ein wenig Didaktik bieten: Ein Set wird jeweils getrennte Performances von Improvisation und Komposition bringen, am Abend zuvor gibt es eine öffentliche Probe, bei der auch Werke von Iannis Xenakis oder -Giacinto Scelsi gespielt werden.

 

Hübsch, Jahrgang 1966, geboren in Freiburg, solide Grundausbildung als Rock-Schlagzeuger und Dead-Kennedys-Fan, ist seit einem Vierteljahrhundert eine feste Größe der Kölner Improvisationsszene. International gefragt ist er sowieso — freigeistige Tubaspieler gibt es nicht so viele, und Hübsch ist vielleicht der freigeistigste. Er ist kaum auf einen Stil, eine Haltung oder einen Ausdruck festzunageln, er ist ein großartiger Duo-Spieler (gerade erst ist eine unbedingt hörenswerte CD mit dem ewigen Stimmwunder Phil Minton erschienen) und er hat Orchester geleitet, er beherrscht die Reduktion am Rande des klanglichen Nichts und spielt hingebungsvoll expressiv. Die Pointe: In keiner Konstellation klingt Hübsch anbiedernd, immer scheint er seinem Weg zu folgen. Der sich häufig genug kreuzt mit den Songlines seiner Freunde und Nachbarn. »Man muss in der Lage sein, sich über Modelle hinwegzusetzen«, meint er dazu lakonisch. »Jemand, der improvisiert, wird sehr empfindsam sein gegenüber allem, was um ihn herum stattfindet. Was er daraus macht, ist natürlich ganz ihm und seiner Intuition überlassen.«

 

Gut spielen, weiß Hübsch, ist nicht nur, nicht mal in der Hauptsache, eine Frage der Virtuosität, sondern eine der Reflektion. Deshalb auch hat Hübsch seine Gedanken über Improvisation — das Einfache, was schwer zu machen ist — in zahlreichen Texten festgehalten. »Es muss in einer Gruppe von sagen wir: zwölf Musikern nur einer dabei sein, der kein Pausen aushalten kann — und die Gruppe wird nie Pausen spielen. Das kannst du auf alle musikalischen Parameter übertragen. Es führt dazu, dass sich improvisierende Großgruppen letztlich ähnlich anhören, es ist ihre innere Logik«, sagt er in unserem Gespräch. »Das ist das Problem des kleinsten gemeinsamen Nenners. Der wird immer wichtiger, je größer die Gruppe ist. Aber mein Ziel als Improvisator ist es ja, diesen Nenner zu verlassen, ich möchte zu einem Moment vorstoßen, der mich überrascht, der für mich neu und unberechenbar ist.« Um diese innere Logik mehrwertiger zu gestalten, sie vielleicht aufzuheben — dafür organisiert er Abende wie »Counterpole«. Der raffinierte Hörgenuss fürs Publikum ist dabei kein Nebeneffekt.