Meine Tochter — Figlia Mia

Laura Bispuri erzählt von den Spannungen, die eine Heranwachsende aushalten muss

»Ich bin wie die Erde, wenn es regnet: je näher du mir kommst, desto mehr sinkst du ein.« Alba Rohr-wacher ist in »Figlia Mia«, der zweiten Zusammenarbeit mit der italienischen Regisseurin Laura Bispuri, kaum wiederzuerkennen. Musste sie in »Sworn Virgin« (2015) in einem albanischen Bergdorf ewige Jungfräulichkeit schwören, um ein Leben mit den Rechten eines Mannes leben zu können, spielt sie in Bispuris neuem Film die Hauptfigur Angelica. Abgelegen und abgebrannt lebt sie in einem verfallen-en Haus inmitten der sardischen Insel-einöde, hofft auf einen, der sich ihrer annehmen möge und trinkt dabei viele Biere. Die Frisur ist ein wilder Knoten, die Kleidung hängt nur dürftig am Körper. 

 

Die erste Begegnung mit Angelica fällt schockartig aus, denn Bispuri zeigt sie in animalischer Verschlingung mit einem Mann von der Gestalt einer Bestie. Die Szene wird aus der Perspektive eines Mädchens gezeigt, das zu-fällig um die Ecke biegt. Vittoria (Sara Casu) sieht Angelica erstaunlich ähnlich. Sofort ist klar, dass zwischen den beiden eine Verbindung besteht. Und wie von einem Instinkt geleitet, beginnt das Mädchen, das noch keine Frau ist, aber bald eine sein wird, sich an Angelica zu hängen. Ganz zum Unmut ihrer Mutter Tina (Valeria Golino), die Vittoria vor dem Einfluss der als vulgär Empfundenen schützen möchte. 

 

»Figlia Mia« erzählt von den Spannungen, die eine Heranwachsende aushalten muss, wenn sie eben genau das tut: heranwachsen. Aber auch von Erwachsenen, welche mit einem jähen Verlust an Kontrolle konfrontiert sind. Wie bei der Mutter, die den Verlust ihrer Tochter befürchtet, und auch bei Angelica, die nicht damit gerechnet hat, dass sich ihr ein junges Mädchen zuwendet. Keine der beiden Frauen ist auf die neue Situation gefasst. Die fürsorgliche Tina badet in Ängsten. Und Angelica wird zum Schlamm. Das Gespann Angelica-Vittoria erinnert an jenes aus Marco Ferreris »Storia di Piera« (1983): Hanna Schygulla und Isabelle Huppert als amoralisches Paar — die Tochter (Huppert), fasziniert vom Freiheitsbegehren der Mutter (Schygulla), ist bereit, es ihr in jeglicher Hinsicht gleichzutun. Die Jüngere lernt von der Älteren die Liebe, die Erotik. Ganz so weit geht Bispuri nicht. Aber auch sie schont nicht, bringt Vittoria in Gefahr. Denn Angelica will ihr die Furchtlosigkeit beibringen. Und die gibt es nicht ohne Risiko. Das winzige, finstere Loch im Felsen, durch das Vittoria einmal für sie steigen soll, es steht sinnbildlich jedenfalls für alle. 

 

 

Meine Tochter — Figlia Mia (Figlia Mia) I/D/CHE 2018, R: Laura Bispuri, D: Alba Rohrwacher, Sara Casu, Valeria Golino, 100 Min. Start 31.5.