Die Übermacht der Phantasie

Simon Solbergs Don Quijote ist urkomischer Kommentar auf die Gegenwart

Irgendwo in der Mancha legt ein verarmter Landjunker sein normales Leben ab und gibt sich die heroische Identität des Ritters Don Quijote. Klingt nach astreinem Eskapismus, um dem Übel der Welt etwas entgegen zu halten? Vielleicht. Doch im Depot 1 des Schauspiels gerät der Klassiker von Miguel de Cervantes zum schizophrenen Wettlauf gegen die Empirie — frei nach dem Motto: Wer zuerst um Luft (oder Erklärungen) ringt, hat seine eigene Weltsicht dem Verrat preisgegeben.

 

Kein Wunder also, mit welch rasanter Geschwindigkeit Don Quijote (Stefko Hanushevsky) und sein Schildknappe Sancho Pansa (Nikolaus Benda) auf der Bühne im Depot 1 des Schauspiels der Realität vorneweg eilen: Zwar bereiten die beiden statt Pferden bloß Autoreifen, doch im Blick des (Anti)Helden flammt bereits der Wahnsinn auf. Windmühlen werden zu Riesen, ein Bauernmädchen aus der Kindheit zur edlen Prinzessin Dulcinea von Toboso — und Täuschungen zum bösen Zauber des Erzfeindes Fristón. Irgendwie muss Don Quijote seine fantastische Fiktion ja konsistent halten. Spektakulär sind die Kämpfe, die er zu bestehen glaubt, dennoch: Nah an den Zuschauerrängen lässt sich Stefko Hanushevsky an einem Seil durch die Luft wirbeln und kämpft im zuckenden Stroboskoplicht gegen Umzugskartons, die er für eine Armee feindlicher Soldaten hält.

 

Dem grandios gespielten Duo aus Ritter und Knappe stellt Regisseur Simon Solberg drei Protagonisten der empirischen Welt gegenüber: Barbier (Justus Maier), Dorfpfarrer (Benjamin Höppner) und die Hausangestellte Teresa (Annika Schilling) versuchen den verloren geglaubten Irren mit allerlei Tricks übers Ohr zu hauen, um ihn von seiner Rückkehr zu überzeugen. Doch dabei gleiten sie selbst — mit starwarsesken Inszenierungen, schrillen Kostümen und aberwitzigen Argumenten  — immer tiefer
in die Fantasterei ab. Das ist häufig so komisch, dass sich selbst die Schauspieler das Lachen verkneifen müssen.

 

Doch statt sich im Spektakel zu verlieren, gelingt Simon Solberg mit seiner modernen Adaption des »Don Quijote« auch ein kluger Kommentar der Gegenwart. Sind die Braunkohlebagger im Hambacher Forst die modernen Windmühlen, gegen die wir kämpfen müssen? Das Stück stellt dies zumindest in Aussicht und lässt seinen tapferen Protagonisten, nachdem dieser verprügelt aus einem Kampf zurückkehrt, mit erhobenem Haupte erklären: »Für die Freiheit darf und muss man das Leben wagen.«