Letzter Schnaps vor der Ehe

Sie singen, sie grölen, sie tuten: Jungesellen­ab­schie­de. Seit einiger Zeit hat sich dieses Party-Phänomen im Kölner Straßenbild zum Massen-Event hochgeschaukelt. Junggesellenabschiede boomen, kurbeln den Städte-Tourismus an und sorgen für verrück­te bunte Bilder und auch viel nerviges Suff-Halleluja. Meike Wolf, Linus Volkmann und Jörn Neumann (Fotos) begleiten eine Damen- und eine Herren­runde auf ihrem Weg durch Köln. Peter Scheiffele hat Beth Montemurro interviewt, sie forscht über das aus den USA importierte Phänomen der Bachelor Partys.

Die Braut haut ins Auge

Meike Wolf (Girls) und Linus Volkmann (Boys) sind unterwegs im Dschungel der Junggesellen-Rituale

Dass es künftige Eheleute vor ihrem großen Tag noch mal richtig krachen lassen wollen, ist eigentlich nichts Neues. Den Übergang in eine neue Lebensphase mit Ritualen zu begleiten, ist fester Bestandteil vieler Kulturen: In einer ersten Phase löst sich der Teilnehmer des Rituals aus seiner Heimatgemeinschaft, trennt sich symbolisch von seiner Kleidung und seinem alten Leben und wird an einen fremden Ort gebracht. Dort gilt es, Prüfungen zu bestehen, Grenzen zu überwinden und Demütigungen zu ertragen. Nachdem diese Zwischenphase erfolgreich durchstanden wurde, folgt die Reintegration in die Gemeinschaft. Der neue Lebensabschnitt kann beginnen.

Während zu früheren Zeiten vor allem die kollektive Anerkennung eines neuen gesellschaftlichen Status im Vordergrund stand, ist es heute der Event an sich: der Abschied vom Junggesellendasein als Selbstzweck. So erlebt der archaische Brauch des Junggesellenabschieds derzeit eine gewaltige Renaissance, bei der es weniger um Inhalte als um die Form des Rituals geht. Von Freunden oder Geschwistern in die Großstadt entführt, mit mehr oder weniger albernen Kostümen versehen, muss sich der Junggeselle oder die Junggesellin mit bierseligen Prüfungen abplagen: Etiketten aus der Unterwäsche von Passanten sammeln, Küsse oder Kondome verkaufen und dann noch: saufen, saufen, saufen.

Los geht’s: Treffpunkt Domplatte

Girls
Der zünftig-touristische Start in unseren Junggesellenabschied beginnt auf der Domplatte. Schwarz würden sie gekleidet sein, die Mädels, hieß es im Vorfeld, und lustig. Vor allem lustig. Es herrscht Hochbetrieb auf der Domplatte, ein erster Junggesellenabschied streift an mir vorbei, der Bräutigam hat sich als Papst verkleidet und versucht, den weiblichen Touristen Kondome zu verkaufen. Und dann, dahinten, eine Gruppe schwarz gekleideter Frauen, und alle tragen kleine Krönchen. Das werden meine Prinzessinnen sein. Richtig, ich erkenne die Braut an ihrem goldenen T-Shirt-Aufdruck: »I will survive«, sie trägt die schönste Krone von allen: Königin Silke. Im wirklichen Leben eine Lehrerin (Sport und Bio), soll dieser Tag nur ihr gehören. Ihr Hofstaat: die Hockey-Mannschaft THC Rot-Weiß aus Bergisch-Gladbach. Lustig soll es werden, aber nicht peinlich. Bloß nicht peinlich: keine Kostüme, keine Stripper, kein Bauchladen voller Sex-Toys. Aber eben auch kein verschnarchter Abend in der Stammkneipe. »I will survive«: Augen zu und durch. Auch ich bekomme mein Krönchen zugeteilt und setze es tapfer auf. Die noch verhalten euphorische Stimmung unter den Mädchen heben wir mit Erdbeer-Limes. Geplant ist eine Kölsch-Rallye durch die Altstadt. Zwei Gruppen werden ausgelost und samt vierseitigem Fragenbogen in die Altstadt entlassen.

Boys
Samstagmittag – das fängt ja gut an. In den Wirren des ver­gnügungssüchtigen Domplattenpublikums hänge ich mich an den falschen Junggesellenabschied. Hässliche Bayern, die betrunken genug sind, den Irrtum nicht aufzuklären. Ich verschwende sogar mein Bräutigamsgeschenk an einen teigigen Typen in Sträflings­montur. Erst dann meldet sich die Gruppe, mit der ich das Blind Date habe: Die Jungs, eine ehemalige Thekenmannschaft, sind heute morgen im Bus aus Stuttgart angereist, haben auf der Fahrt bereits ein paar Kästen Bier beackert, sehen aber noch zurechnungsfähig und willens­stark aus. Sie tragen giftig rote Polohemden. Mir wird auch eins gereicht. Hinten drauf ein »L« – wie aufmerksam, denke ich wegen meines Vornamens noch, als Eugen, der Bruder des Bräutigams, ohren­betäubend in eine Art Plastik-Nebelhorn bläst. Es soll heute nicht das letzte Mal sein, dass ich dieses Geräusch höre. Dann brüllt er: »Aufstellung!« Die hoch motiverte Gesandtschaft purzelt durcheinander. Es gilt, mit den unterschiedlichen Rückenlettern das Wort »Junggesellen« – wir sind zwölf plus Bräutigam Willi – zu bilden. Ein ziemli­ches Spektakel. Das andere L heißt in echt Johnny, ihn merke ich mir sofort, damit ich diese Aufstellung nicht vermassele.

Auf dem Highway ist die Hölle los

Girls
Die Rallye entpuppt sich als harte Arbeit: »Erzählt einen Tünnes-und-Schäl-Witz (es kommen eine Palme und ein Löwe darin vor)«, »wen stellt das Reiterdenkmal auf dem Heumarkt dar?«, und »wie viele Kölsch-Sorten kennt ihr?« (nicht so viele, ehrlich gesagt). Wenn die Junggesellinnen nicht weiter wissen, fragt sich Silke am Nachbartisch durch. Ein Kölsch, zwei Kölsch, drei Kölsch später: Die Stimmung ist gut, die Krönchen sitzen. Nicht in allen Kneipen sind wir gerne gesehen, im Brauhaus Früh am Dom sind Junggesellabschie­de unerwünscht. »Ihr stört, Ladys!« weist uns der Köbes unwirsch ab. Dann eben weiter zu Sion. Zeit für eine Rast, noch ein Kölsch. Wir stoßen mit einem anderen Junggesellenabschied zusammen, ein hekti­scher junger Mann verkauft Souvenirs aus einem alten Schulranzen: Schnapsfläschchen, eine alte Brille, die obligatorischen Kondome. Agnes kauft zwei Schnäpse, der Junggeselle ist erfreut, bis ihn ein Kellner hektisch verscheucht: Hier wird nichts verkauft! Schon gut, wir ziehen weiter. 18 Uhr, in meinem Magen mischen sich Erdbeer-Limes, Jägermeister und Sekt auf ungewohnte Weise, die Blicke der Touristen sind mir langsam egal, die Altstadt füllt sich mit immer mehr Junggesellengrüppchen. Die Gäste der umliegenden Kneipen zeigen sich interessiert. Längst sind wir eine größere Attraktion als die Brunnen und Kopfsteinpflaster der Altstadt, zahlreiche Augen bestaunen unsere Aufmachung. Ist hier ein Nest? Es ist doch noch gar kein Karneval! Scharfe Bienen! Ja, schon klar, haha. Jemand hat Silke eine Rose geschenkt. Als wir in der Salzgasse ankommen, ist es halb sieben.

Boys
Das Problem, als Junggesellengruppe nicht überall Einlass zu erlangen, hat Eugen bei seiner Reservierung im Peters Brauhaus geschickt umschifft: Man erwartet uns als eine Gruppe Handelsvertreter. Da dies tatsächlich Eugens Beruf ist, handelt es sich nicht mal um eine Lüge. Die Tore öffnen sich uns, aber nicht ohne die Ermahnung: »Wenn ihr singt, fliegt ihr sofort raus!« Ein Dutzend fette Essen später bekommt Willi einen Overall angezogen, auf den Kreise gemalt sind, in denen Geldbeträge stehen. Wer den jeweiligen Preis bezahlt, darf den Teil der Kleidung rausschneiden, Knie kosten weniger als Arschbacke. Dazu trägt Willi noch eine Kiste mit der Aufschrift »Zwölf Biere aus aller Welt«, darin befindet sich allerdings nur Hannen Alt. Die gilt es nun zu verkaufen. Willi hängt sich viehisch rein und beweist, dass solche Gruppen an dem Abend ihre Unkosten mit Charme und Vehemenz locker einspielen können. Als ihm englische Touristinnen für zwanzig Euro den Schritt ausschneiden, bildet sich eine Traube fotografierender Menschen um uns. Junggesellenabschiede dominieren den gemütlichen Nachmittag am Altstadt-Rheinufer. Ein jugendlicher Goth spuckt entsetzt das Bier aus, was Willi ihm angedreht hat: »Mann, das is’ ja Alt, Alter!«

La Boum – die Fête geht weiter

Girls
Im Brauhaus en d’r Salzgass ist ein Tisch für uns reserviert. Unter lautem Gepolter bahnen wir uns den Weg in den zweiten Stock. Die erste Stange Kölsch erscheint auf dem Tisch: zicke-zacke, zicke-zacke, oi-oi-oi! Die Reiseleitung der Rallye wertet die Frage­bögen aus, eine der Prinzessinnen stimmt einen Willi-Ostermann-Song an: »Och wat war dat fröher schön!« Applaus, Gelächter, noch ein Kölsch. Gruppe zwei hat gewonnen. »Hallo!« versucht sich Hatty bei der Bedie­nung bemerkbar zu machen. Diese wirft ihr einen strengen Blick zu: »Auf Hallo reagiere ich nicht, das heißt Köbes!« Trotzdem wird irgendwann das Essen aufgetischt, deftig, der Abend wird schließlich lang: Halve Hahn und Bockwurst und Wiener Schnitzel. Über die Hochzeit wird wenig gesprochen, eigentlich gar nicht. Braut und Bräutigam haben ein gemeinsames Kind, erfahre ich, und wenig förmlich soll das Ganze werden, nur zum Standesamt. Dass wir nachher noch zum Karaoke gehen, weiß Silke nicht. Das »I will survive« auf ihrer Brust glitzert gol­den in der Abendsonne, als wir uns den Weg zum Rudolfplatz bahnen. Dann dämmert es Silke: »Kein Karaoke! Ihr schleppt mich doch nicht zum Karaoke?« Doch, Karaoke. Thai-Royal heißt unser Stopp: blass-grüne Cocktails aus großen Kübeln, ein Strohhalm für jede Prinzessin. Dichtes Gedränge wegen der zahllosen anderen Junggesellenabschiede, Zungenküsse gibt es dort für zweifuffzig zu kaufen, ohne Zunge nur zwei Euro! Schnell findet Silke ihr Lied auf der Menü-Karte: »I will survive«. Neben ihr drängen sich andere Junggesellen auf die Bühne, und schätzungsweise hundert Junggesellenkehlen stimmen ein, Fotoapparate werden gezückt, der Abend hat seine Bestimmung gefunden.


Boys
»Wir sind aus Schwaben und nicht aus Italien, wir haben mit Abstand die größten Genitalien!« grölen meine Stuttgarter Jungs wieder und wieder. Ich erfahre, dass die Stuttgarter eigentlich aus Bietigheim-Bissingen kommen, da war 1989 auch mal Landesgartenschau – aha. Man verbrüdert sich, was das Zeug hält. Nicht nur untereinander. Auf der Salzgasse explodiert das Phänomen Junggesellenabschied. Unzählige andere Gruppen verkaufen sich gegenseitig Küsse, String-Tan­gas und Pfläumchen-Schnaps. Your own private Karneval beherrscht die Straßen. In den Kneipen laufen bereits aufs Publikum abgestimmte Songs wie Sinatras »Love and Marriage« oder Verse wie »Wir machen durch, kommt Freunde, seid bereit / Wie schön war doch die Junggesel­lenzeit« aus Roland Kaisers »Sieben Fässer Wein«. Wir haben einen aus der Gruppe verloren. Er trug ein »G«, muss das andere eben doppelt arbeiten. In bierseeligem Schneckentempo führt unser Weg von der Altstadt über den Neumarkt auf den Ring. Dort sehe ich Partystätten wie Die Klapsmühle zum ersten Mal von innen. Auch hier alles voll mit witzig uniformierten Abschieden. Willi erzählt, dass seine Braut letzte Woche zu ihren Ehren einen Stripper bekam und dass das jetzt einen Besuch in der Strip-Bar Dollhouse rechtfertigt. Ich verabschiede mich herzlich, aber vorzeitig. Schöne Hochzeit aber, Jungs!

Sie dürfen den Bräutigam jetzt küssen

Allen Respekt vor der beseelten Trinkfestigkeit der vielen auswärtigen Junggesellengruppen! Und natürlich auch Respekt vor den Kölnern, die das alles auszuhalten bereit sind. Aber wo, wenn nicht an diesem Party’n’Touristik-Phänomen, könnte der in Köln beschworene Wandel von der Medien- zur Eventstadt besser sichtbar werden? Und wenn Ihr das nächste Mal von Betrunkenen an der Schwelle zum Bund der Ehe angesprochen wer­det und sie Euch nasse Küsse oder Handschellen mit rosa Plüsch andre­hen wollen, seid milde – vielleicht haben Ihr ja gerade sowieso ein Kuss­de­fizit. Und dann trifft es sich doch ganz gut. Außerdem kommen einem Partys, an denen man selbst teilnimmt, nie so schrecklich laut und unsäglich vor wie die der anderen.

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