Völlig losgelöst

David Lynch tourt mit seiner Stiftung »Foundation for Consciousness-Based Education and World Peace« durch Europa – und hat in Köln vorbei­ge­schaut.

 

»Wenn die Leute durch meine Filme psychisch krank werden, dann müssen sie meditieren.« Sagt David Lynch. Der 61-jährige Regisseur hat durch Filme wie »Blue Velvet«, »Lost Highway« und »Mullholland Drive«, die weit über die herkömmlichen Formen des filmischen Erzählens hinausgehen, Kinogeschichte geschrieben. Dafür wurde ihm im letzten Jahr bei den Filmfestspielen in Venedig der »Goldene Löwe« für sein Lebenswerk ver­liehen. Nun reicht es Lynch, dessen Werk lust­voll mit den dunklen Facetten der menschli­chen Existenz kokettiert, offenbar nicht mehr aus, den Horizont des Kinopublikums zu erweitern. Mit Hilfe der »Transzendentalen Meditation« will er das Bewusstsein der gesam­ten Menschheit verändern und die Welt »von allem Übel – Krieg, Aggressionen, stressbedingten Krankheiten und Süchten befreien«.

Lynch, der vor 34 Jahren, während der Vorbereitung zu seinem Film »Eraserhead« in eine »persönliche Krise« geriet, entdeckte damals die Meditationslehre des indischen Gurus Maharishi als Heilmittel gegen all jene »negativen Gefühle«, die seine Kreativität zu überlagern drohten. Seitdem meditiert er täglich zweimal – mindestens zwanzig Minuten – und ist überzeugt, »dass man als Künstler nicht selbst leiden muss, um über das Leiden der anderen Menschen zu berichten.« Das Maharishi-Motto »Everybody´s got something to hide – except me« zieht sich seit damals wie ein Leitsatz durch sein künstlerisches Schaffen.

Ziel ist die »Klärung des Geistes«

Anfang Oktober begab sich Lynch nun auf eine sechswöchige Europa-Tournee, die ihn durch 14 Staaten führte, um für die Ziele seiner im Jahr 2005 gegründeten »David Lynch Foundation for Consciousness-Based Education and World Peace« zu werben. Das Ziel der Stiftung ist es, »weltweit 192 Universitäten für jeweils rund tausend Studenten zu gründen, die sowohl in den traditionellen akademischen Fächern unterrichten, aber vor allem den Geist klären sollen.« Begleitet wurde der Regisseur auf dieser Magical-Mystery-Tour von dem Quantenphysiker John Hagelin und Dr. Bevan Morris, Rektor der »Maharishi University of Management« in Iowa/USA. Die Anwesenheit dieser »Genies aus Bildung und Wissenschaft« sollte wohl helfen, dem Promotion-Trupp eine gewisse Seriosität zu verleihen.

Während der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy, dem man selbst einen Hang zur Meditation attestiert, David Lynch für seine spirituelle Mission flugs zum »Offizier der französischen Ehrenlegion« ernannte, wollte in Deutschland nicht einmal Berlins High-Society-Bürgermeister Klaus Wowereit dabei sein, als Lynch am 13. November auf dem Berliner Teufelsberg den Grundstein zur »Universität des unbesiegbaren Deutschlands« legte. Den Terminus der »Unbesiegbar­keit Deutschlands«, der nicht nur in Deutsch­land verständlicherweise auf Unverständnis stößt, erklärt Lynch durch den »inneren Frieden der Meditanten, der sich auf ihre Umgebung überträgt und jedes Land dadurch unbesiegbar mache«. Die Parole heißt: »Niemand gegen Niemand – Alle für Alle!«

Der Berliner Senat, sensibilisiert durch den Bau der Scientology-Zentrale in der Haupt­stadt, erteilte dem Projekt eine Absage: »Der Teufelsberg ist im Flächennutzungsplan als Wald­areal eingetragen, Neubauten sind dort nicht vorgesehen«, beschied Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler. Lynch könne das Gelände zwar kaufen, aber nicht bebauen. Die »Lynch-Foundation« zeigt sich von der ablehnenden Haltung der Politiker wenig beeindruckt: Das sei nur eine Frage der Zeit, und außerdem wolle man »ohnehin mindestens zehn Universitäten in Deutschland gründen!«

Skurile Thesen als Allheilmittel

Zwei Tage später, als David Lynch dann in Köln – im überfüllten Hörsaal 1 der Wiso-Fakultät – gastiert, wissen die rund tausend Anwesenden zunächst nur wenig von den Weltrettungsplänen des Kult-Regisseurs. Die meisten sind gekommen, um zu erfahren, ob es wohl eine Fortsetzung der Fernseh-­Serie »Twin Peaks« geben wird – Antwort: »Nein« – und sind deshalb ein wenig irritiert über die Entourage ihres Idols. Begleitet wird dieser nämlich – unter anderem – von einem fülligen Mann in weiß-goldener Kutte, dessen kahles Haupt ein goldenes Krönchen ziert. Der Gekrönte heißt im bürgerlichen Leben Emanuel Schiffgens und ist der offizielle Vertreter des Guru Maharashi in Deutschland. Später wird »Raja« Emanuel – trotz 40-jähriger Meditation offenbar nicht bar jeder Eitelkeit – in einer Propaganda-Rede die Allheilkraft der »Transzendentalen Meditation« beschwören und damit den Hörsaal zu zwei Dritteln leeren. Doch vorher antwortet David Lynch auf die Fragen der Interessierten, die sich größtenteils auf sein filmisches Schaffen beziehen: »Worum geht es eigentlich in Mullholland Drive?«

»Durch Meditation werden Sie den Film möglicherweise verstehen«, verspricht Lynch, der durchgehend charmant all seine Antworten auf die Einheitsformel »Medita­tion« reduziert und sich dabei nicht einmal von einem leicht angetrunkenen Herrn mit Irokesen-Frisur beirren lässt, der bekennt, er werde »niemals meditieren«, weil er ja ausschließlich mit den »negativen Charakteren« der David-Lynch-Filme sympathisiere.

Dass sich das düstere Universum der David-Lynch-Filme so einfach entschlüsseln lässt, mag für den einen oder anderen durchaus tröstlich sein. Dass unsere reale Welt, in der die kapitalistische Raffgier auf allen Fronten gesiegt zu haben scheint, nun einzig und allein durch die Kraft der »Transzendentalen Meditation« von allen Übeln befreit werden kann, mutet – mit Verlaub, Mister Lynch – nun doch ein wenig mysteriös an.

»Die Gier an sich ist ja nicht schlecht«, meint Lynch dazu. Das Streben nach Mehr – sowohl aus materieller als auch ideeller Sicht – gehöre nun einmal zu den Triebfedern des Menschen. »Die Meditation besiegt allerdings die negativen Begleiterscheinungen – zum Beispiel Aggressivität und Stress!« Wäre die »unbesiegbare Universität« dann eventuell auch der geeignete Ausbildungsplatz für Investmentbanker und Hedgefonds-Manager? »Selbstverständlich«, sagt Lynch. »Unsere Studien haben bewiesen, dass die Meditation typische Manager­krankheiten, wie etwa Bluthochdruck, ver­ringern kann.« Die Auswirkungen der »Transzendentalen Meditation« seien darüber hinaus überall dort, wo sie im ausreichenden Maße praktiziert wird, belegbar: »Weniger Kriminalität, bessere Wirtschaftsdaten, weniger Arbeitslose.«

Meditation der »Yogi-Flieger«

Auf dieses Stichwort hat der Quantenphysik-Professor John Hagelin gewartet. Er ver­weist darauf, »dass die Energie einer Gruppe von tausend Synchron-Meditanten – sogenann­ten Yogi-Fliegern, wie es in der Maharishi-Sprache heißt – ausreicht, um dem Dow-Jones-Index in nur vier Wochen einen Kurs­anstieg von rund fünfzig Prozent zu bescheren!« Dass die Weltbörsen momentan an den Auswirkungen der amerikanischen Hypotheken-Krise laborieren und der Dow-Jones-Index deshalb tendenziell eher fällt, lässt allerdings vermuten, dass an der Wall-Street noch zu wenig meditiert wird.

»Wir arbeiten daran«, sagt David Lynch und erzählt, dass seine Stiftung bereits Konzerne wie General Motors, berät. Der Autokonzern erwirtschaftete im letzten Quartal allerdings einen Verlust von 39 Milliarden Dollar. Der Regisseur kennt selbstverständlich auch für dieses Problem die Lösung: »Mehr meditieren!«