Außer Kontrolle

Gleich vorweg: Wer schuld am U-Bahn-Schlamassel ist, können wir nicht sagen. Und wir wagen die Prognose, dass es auch kein Gericht in einem, zwei oder fünf Jahren wird sagen können. Zuerst dachten wir an Walter Reinarz, im Vorstand der KVB zuständig für die Nord-Süd-Stadtbahn. Aber der meint, er war’s nicht. Wenn also nicht einer einen ganz großen Fehler begangen hat, dann haben viele viele kleine Fehler begangen. Bleibt uns, daraus eine Auswahl zu treffen. Die Qual der Wahl hatten Nava Ebrahimi und Bernd Wilberg.

Selten hören so viele Journalisten so aufmerksam zu, wenn ein Ingenieur eine Stunde lang technische Details erläutert. Endlich hat die Arge Süd hat am Vormittag des 26. Februars zur Pressekonferenz ins Maritim Hotel geladen. Stefan Roth, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft, zeigt eine Power Point Präsentation. Er ist in seinem Element. Die Vertreter von Presse, Funk und Fernsehen bemühen sich, zu verstehen. Nach dem Vortrag stellen sie Fragen. Worte wie Schubbügel, Lamellen, Bewehrungskörbe gehören zu ihrem Vokabular, seitdem sie sich mit dem U-Bahn-Bau befassen. Wenn Roth oder sein Kollege Jochen Keysberg antworten, hören die Journalisten geduldig zu und schreiben mit.

Zwei Tage zuvor, auf der Bürgerversammlung im Gürzenich, ist die Stimmung eine andere. Der Saal ist voll und man merkt schnell, dass es ums Dampfablassen geht, nicht ums Zuhören. Jemanden verantwortlich zu machen und zu beschimpfen. Kaum hat die KVB-Sprecherin das Wort eröffnet, ertönt gleich mehrmals »Verbrecher!« aus der Menge. Der Vergleich mit der Nubbelverbrennung drängt sich auf. Zur Verfügung stehen Arge Süd, KVB, Stadt. Die Vertreter sitzen auf der Bühne an einem langen Tisch und blicken drein wie ein geprügelter Elferrat.

Zwischen gelangweilt und herablassend

Die Power Point Präsentationen interessieren niemanden, die Menschen haben Fragen. Besonders Walter Reinarz (CDU), an diesem Abend noch Technischer KVB-Vorstand, strengt sich an. Doch die Antworten bewirken nichts, und es scheint, als habe auch niemand klärende Hinweise erwartet. Einer bringt es auf den Punkt: »Wenn das alles stimmt, was Sie sagen, wenn Sie alle alles richtig gemacht haben – wieso ist das Archiv dann eingestürzt?«

Ingenieur Roth wirkt im Gürzenich noch unbeholfen. Einmal stammelt er etwas von »ich war noch grün hinter den Ohren«, als er den Job nach dem Archiv-Einsturz übernommen hat. Keysberg kommt im besten Fall gelangweilt, im schlechtesten herablassend rüber. Die Arge Süd, ein Zusammenschluss der Bauunternehmen Bilfinger Berger, Wayss & Freytag und Züblin, hat ihre Informationspolitik nach dieser Veranstaltung offenbar überdacht. Zwei Tage später veranstaltet sie die Pressekonferenz im Maritim Hotel, um wenige Stunden später zu vermelden: »Arbeitsgemeinschaft der Bauunternehmen klärt weiter auf« – ansonsten nichts Neues.

Fehlende und widersprüchliche Informationen

Dieser Schwenk erfolgte reichlich spät. In den Wochen vorher führten neue Erkenntnisse im Ermittlungsverfahren zum Archiveinsturz auch deshalb zur Hysterie, weil Informationen fehlten oder sich widersprachen. Am 8. Februar wurde öffentlich, dass Arbeiter am Heumarkt 2005 beim Bau der Grube nicht einmal zwanzig Prozent der Eisenbügel verflochten und den Rest beim Schrotthändler verhökert hatten. Die Rede ist außerdem von zu wenig Beton in den Schlitzwänden und falschen Vermessungsprotokollen. Die Aufregung war groß. Auch, weil kaum jemand eine Vorstellung von diesen Eisenbügeln hatte und wusste, welchen Zweck diese Wände erfüllten. Die lapidare Erklärung des Bilfinger-Berger-Chefs Herbert Bodner, bei der Erstellung der Protokolle habe womöglich das »relativ komplizierte Verfahren den einen oder anderen überfordert«, beruhigte die Öffentlichkeit nicht.

Schlecht informiert warfen alle Pfusch am Bau und Archiveinsturz in einen Topf. Anwohner befürchteten, die Baustelle Heumarkt könnte jederzeit zusammenbrechen wie das Holzhaus in dem Märchen von den drei kleinen Schweinchen. Vor der vorsorglichen Flutung der Baustellen im Falle eines Hochwassers hatten die Anwohner Angst. Obwohl Stadtdirektor Guido Kahlen (SPD) nicht müde wurde zu betonen: »Fluten bedeutet Sicherheit«. Inzwischen gilt als belegt, dass die Schlitzwände trotz fehlender Bügel standfest sind. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Eisen-Klau die Katastrophe am Waidmarkt nicht verursacht hat. Rätselhaft bleibt jedoch, weshalb die Vermessungsprotokolle, die nichts mit gestohlenen Bügeln zu tun haben, gefälscht wurden.

Wie es weitergeht, erfahrt ihr in der aktuellen Printausgabe der StadtRevue. Damit jeder mitreden kann, hat Constanze Kaiser zudem ein Glossar mit allen wichtigen Fachbegriffen zusammengestellt. Und Manfred Wegener hat sich U-Bahn-Katastrophenfilme angeschaut und zeigt, was uns vielleicht noch alles bevorsteht.