»Das sind ja wir!«

Modeselektor haben alles erreicht und wollen noch mehr, irgendwie

Ihr Album »Monkeytown« steht ziem­lich singulär in der Clublandschaft. Die Mischung aus bouncenden Beats, Indie-Melancholik und schamlos geschwun­gener Rave-Keule kriegt derzeit niemand sonst so hin wie Modeselektor auf ihrem dritten Album. Das Duo hat sich in 15 Jahren eine Sonderstellung erarbeitet, die auch Größen des Musik-Business so attraktiv finden, dass sie zwecks Zusammenarbeit für einige Tage das kleine Studio der beiden in einem Berliner Hochhaus besuchen. So geschehen etwa bei Thom Yorke von Radio­head, der bei zwei Stücken von »Monkeytown« gesungen und mitproduziert hat. Modeselektor sind mittlerweile so sehr in ihrem selbst geschaffenen Kosmos zu Hause, dass man sich nicht zu wundern braucht, wenn im Gespräch mit Wortführer Gernot Bronsert und dem etwas zurückhaltenderen Sebastian Szary immer auch das Hintergrundrauschen der Selbstreflexivität zu vernehmen ist.

 


StadtRevue: Mit Apparat habt ihr das Projekt Moderat erfolgreich initiiert. Wie schwierig ist es gewesen, zu eurem eigenen Sound zurückzufinden?

 

Bronsert: Ich wusste ehrlich gesagt nicht, wohin es musikalisch gehen sollte. Ich habe mich ziemlich schnell verwirren lassen, vor allem durch den Erfolg sehr junger englischer Musiker, die wir auch persönlich kennen und die auf unserer »Modeselektion«-Com­­pi­lation vertreten sind wie Ben Ufo oder Jackmaster. Es hat lange gedauert, zu begreifen, dass das alles gar nicht wichtig ist. Wir haben mit Modeselektor ja auch alles gesagt, was es Modeselektor-mäßig zu sagen gab. Jetzt gibt es genügend Acts, die immer die lautesten sein wollen. So wie wir früher.

 

Das wollt ihr jetzt nicht mehr?

 

Bronsert: Doch, auf eine bestimmte Art schon. Aber darum geht’s nicht mehr, das ist keine Challenge mehr für uns. In Sachen Bass und Moshpit und Schampus-Action haben wir schon alles erreicht. Was wir bei Moderat mitgenommen haben, und was Sascha von Apparat da sicherlich auch mitgenommen hat, ist, ein konzertantes Ding daraus zu machen. Bei ihm ist das ins Extrem gegangen, er hat den Computer weggestellt und die Gitarre umgehängt. Davor habe ich echt Respekt. Unsere neue Platte ist eine moderne Fortführung der Sachen, die wir vorher gemacht haben. Ein bisschen Modeselektor von früher, ein bisschen Moderat und ein bisschen auch nicht.

 

Die Kontinuität findet sich auf dem Album-Cover wieder: Da prangt der alte Modeselektor-Affe, wie schon auf eurem ersten Album, nur in viel feineren Linien.

 

Bronsert: Also das ist ja nur das Cover. Aber was kann man denn heute noch wirklich Neues erzählen? Letztendlich kannst du das Rad nicht neu erfinden. Aber ich glaube, dass wir für unsere Welt, in der wir Modeselektor sind, auf jeden Fall etwas Neues erzählen. Zeig mir einen, der solche Musik macht, alles auf einer einzigen Platte! Und klar, wir wollten den Affen haben. Das ist ja unser Logo, das sind ja wir. Warum soll ich mir denn jetzt ein anderes Logo aussuchen?

 

Keine Angst vor zu viel Verfeinerung?

 

Szary: Das Kuriose ist eigentlich, dass wir uns im Produktionsprozess von vielen Details verabschiedet haben, wir haben aber auch viele drin gelassen. Und das Cover ist total detailreich, aber eigentlich total simpel.

 

Bronsert: Das ist der Trick. Die geilsten Tunes sind immer die einfachsten, und das ist das Schwerste. Du kannst dir mit viel Arbeit und viel Geld Barockschlösser bauen. Aber wir haben immer aus Scheiße Gold gemacht. Das finde ich wichtig. Techno ist: aus Scheiße Gold machen, aus wenig viel erzeugen. Eigentlich ist das jetzt eine extrem moderne Techno-Platte geworden.

 

Mit dem, was in den letzten Jahren als Hauptstadt-Techno oder Berlin-Sound bezeichnet wurde, habt ihr allerdings oft gehadert.

 

Bronsert: Damit hatten wir unseren Clash, ja. Aber wir sind Techno-Brüder. Wir sind einfach Techno-Atzen. Wir haben gemeinsam mit Marcel Dettmann und Shed aus dem Berghain eben eine neue Techno-Band gegründet: A.T.O.L. Das ist unser Techno-Kinderzimmer, wo wir einfach das machen, worum es bei Techno geht. Es gibt bei A.T.O.L. keine Proben. Falls wir mal eine Platte machen, schließen wir uns für drei Wochen ein, spielen den ganzen Tag Sessions und nehmen das auf. Den magischen Moment auffangen, rausschneiden, auf Platte pressen, unter die Leute bringen.

 

Eine Rückkehr zu den Anfängen? Mit Modeselektor habt ihr ja auch jahrelang keine Platten veröffent­licht.

 

Szary: Bevor wir 2002 die erste Veröffentlichung rausbrachten, haben wir vier, fünf Jahre einfach nur Sessions gespielt. Das hört sich zwar albern an, aber es war wirklich planlos: Drummachines, Atari, Sampler, immer auf der Suche nach einem Loop-Moment.

 

Aber so funktioniert das heute doch nicht mehr, mit dem Druck durch Erwartungshaltungen, mit der Verantwortung für das eigene Label.

 

Bronsert: Ich glaube nicht, dass wir dadurch unsere Unbeschwertheit und Spontaneität verloren haben. Das Ding hat nur einen anderen Fokus bekommen. Wir haben für unsere Verhältnisse wirklich schon alles erreicht. Wir haben vor ganz kleinen bis ganz großen Crowds gespielt, wir haben Moshpits gehabt und haben sie immer noch, wenn wir wollen. Aber wir wollten das jetzt mal anders präsentieren. Wir halten uns alles offen.

 

War es denn je euer Anliegen, mit Popstars vom Kaliber eines Thom Yorke ins Studio zu gehen?

 

Bronsert: Das ist halt so passiert. Aber wir waren schon überrascht, dass er auch Bock drauf hatte. Ich glaube, wir haben ihm eine gewisse Seite von Techno und elektronischer Musik näher gebracht. Und er ist genauso manisch wie wir, was Musik betrifft. Bei ihm dreht sich auch alles nur darum. Das ist das, was uns verbindet, dieses Wahnsinnnig-Werden mit Musik.