Gegen die gerade Linie

Studiobühne: Fabian Ringel ist verblüffend gut in der wehrtheater-Collage kleist_20.11

Bei der Obduktion Heinrich von Kleists, so heißt es, schlossen die Ärzte aufgrund der Übergröße von Galle und Leber auf ein »manisch-depressives Gemüt«. Sein Gehirn, an dem eine Kopfsäge zerbrochen sein soll, hätte noch im Tod Widerstand geleistet.  Der neueste Streich von wehrtheater-Regisseurin Andrea Bleikamp, »kleist_20.11«, eine Collage über Leben und Werk des Autors, lässt zumindest einen zerrissenen, extremen Charakter erahnen – ohne stumpf biografistisch zu agieren. 

 

Zu Beginn stürzt Darsteller Fabian Ringel auf die Bühne, als gelte es, Heideggers Konzept der »Geworfenheit« zu veranschaulichen. Er trägt eine Bundeswehr-Jacke mit Deutschland-Emblem über dem nackten Oberkörper – Kleist war sieben Jahre beim Militär und glühender Patriot –, berichtet von spektakulärem Selbstmord des Autors, den dieser vor 200 Jahren gemeinsam mit seiner Freundin Henriette Vogel beging, stellt Momentaufnahmen daraus im Schattenspiel nach. 

 

Genau so wichtig wie das Leben Kleists sind in diesem 80-Minüter-Solo aber seine Texte. In einem trashigen best of begeistert der junge Schauspieler sich lesend für die dramatische Zuspitzung im »Findling«, karikiert die Novelle dann, wie auch »Die Marquise von O.«, streut Zitate ein, zum Beispiel aus dem »Erdbeben in Chili«, oder spielt, schön ernsthaft, den Prinz und die Kurfürstin aus der  Todesfurchtszene im »Prinz Friedrich von Homburg«. Die Abfolge der Auszüge mag etwas beliebig sein, aber Texte und Umsetzung haben es wirklich in sich. »Küsse, Bisse, das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann schon das eine für das andre greifen«, ist so ein Beispiel aus »Penthesilea«, das Kleists nervöses Diagnosevermögen angesichts der unheilvollen Verquickungen von Liebe und Gewalt auf den Punkt bringt. 

 

Weitere Zutaten, die nicht fehlen dürfen: atemlose Sprache, eindeutig zweideutige Inzest-Szenen, fragmentierte Körper und problematische Subjekte. Mit verblüffend lässig vorgetragener Intensität und Sicherheit variiert Fabian Ringel kühle Diktion, groteske Komik, destruktive Raserei, glaubwürdige Einfühlung und präzise Performance. 

 

Vielseitig und fantasievoll kommt auch die Ausstattung von Claus Stump zum Einsatz: Luftballons müssen als Spielpartner oder schwangerer Bauch herhalten, Kleiderhüllen werden zum Rollenkostüm. Oder sie dienen gemeinsam mit dem nackten Körper des Schauspielers als Projektionsfläche für palimpsestartige Schriftzüge, die sich in einem Wasserfleck auflösen. Der auf diese Weise illustrierte biografische Part ist leicht konfus geraten und etwas lang, doch passt dies zu Kleists kaum geradlinigem Lebenslauf. Ein mitreißender Abend.