Keine Komödie, nur noch Groteske

Politisches Theater macht Spaß: Janosch Roloff über sein Stück »V wie Verfassungsschutz«

Ist er nun Schauspieler oder Regisseur? Janosch Roloff, Jahrgang 1983, lässt sich nicht festlegen. Parallel zu seiner Schauspielaus-bildung an der Kölner Theaterakademie hat er drei Stücke inszeniert. War »Die Weiße Rose — Ein Kriegsmärchen« (2009) noch ein Achtungserfolg, leistete »Der Vorgang Oury Jalloh« (2010) über den realen Tod eines Asylbewerbers im Osten einen wichtigen Beitrag zum in der Kölner Theaterlandschaft eher unterbelichteten Doku-Ansatz. Sein aktuelles Stück »V wie Verfassungsschutz« etabliert Janosch Roloff als neue Stimme in der freien Szene, mit der in Zukunft zu rechnen sein wird.

 

Herr Roloff, sind Sie ein politischer Regisseur?


Die Theaterstücke, die ich gemacht habe, waren politisch. Das sind die Themen, die mich interessieren, das ist meine Herangehensweise. Theater ist immer politisch, wenn es gut gemacht ist, weil alles, was auf der Bühne passiert, mit dem Leben zu tun hat. 

 

Was reizt sie daran, Stücke zu entwickeln, anstatt fertige zu inszenieren?


Wenn ich ein Thema auf die Bühne bringen will, dann gibt es dazu oft keine Stücke. Ich kenne jedenfalls keins zum Verfassungsschutz. Außerdem ist mir wichtig, dass wir als Gruppe ein persönliches Anliegen haben. Das entwickelt sich, wenn man mit Betroffenen  spricht und sich die Orte des Geschehens anschaut. Ich merke dann, wie die Schauspieler umschalten von Ich-spiele-ein-Stück zu Ich-will-das-gerne-tun. 

 

Laufen Sie mit Ihren Themen nicht dem Zeitgeist hinterher?


Mit dem Komplex Oury Jalloh hatte ich mich schon lange vorher beschäftigt. Als der Fall 2010 neu verhandelt wurde, sah ich darin einen guten Anlass, um nochmals Öffentlichkeit herzustellen. Als die NSU-Mordserie aufgedeckt wur-de, wollte ich »V wie Verfassungsschutz« zunächst nicht mehr machen, um den Eindruck zu vermeiden, ich spränge auf einen fahrenden Zug auf. Es war verrückt, weil jeden Tag etwas Neues in der Zeitung stand. Ich habe mich gefragt, was passieren würde, wenn drei Tage vor der Premiere noch fünf Verfassungsschutz--Präsidenten zurückträten.  

 

»Der Vorgang Oury Jalloh« lässt sich als dokumentarisches Theater beschreiben. Wie haben Sie das Stück über den Verfassungsschutz erarbeitet? 


Ich weiß nicht genau, was dokumentarisches Theater ist. Bei Oury Jalloh haben wir viele Originaldokumente verwendet und wollten den Fall aus drei verschiedenen Perspektiven erzählen. Dazu haben wir Kontakt zu den Betroffenen aufgenommen und mit Freunden von Jalloh gesprochen. Wenn das dokumentarisch ist, dann sind wir dokumentarisch. 

 

…?Und bei »V wie Verfassungsschutz«?


Das Material an Büchern, Filmen und Artikeln war viel umfangreicher und umfassender, das sind ja 15 Geschichten im Format von Oury Jalloh. Wir haben sehr viel weniger Dokumente verwendet, dafür aber im Vorfeld die Tatorte der NSU-Morde besucht. Wir hatten außerdem eine Verbindung in den Verfassungsschutz hinein. Aber die konnten wir fast nicht nutzen. Der Kontakt ist eher zufällig entstanden — aber vielleicht haben wir ihn auch gar nicht hergestellt, sondern die andere Seite. Man wird dieser Institution nicht beikommen. Was sie tut, ist Dinge geheim zu halten, und sie werden auch geheim bleiben. Unser Ansatz war: Wir gehen ehrlich damit um und zeigen das auf der Bühne, was wir haben.

 

Das Stück legt nahe, dass es -Parallelen zwischen Theater und Verfassungsschutz gibt.


(Lacht) In erster Linie gilt das für die Tätigkeit der V-Männer und ihrer Führer, dieses konspirative Sich-Verkleiden. Man spielt den anderen etwas vor, was man gar nicht ist, und das ist bei Schauspielern natürlich auch so. Auf der anderen Seite: Was diese Behörde gemacht hat, ist keine Komödie mehr, sondern nur noch eine Groteske. Das ist absurd, aber auch sehr theatral.

 

Sie sind Mitglied des Nö-Theater. Was verbirgt sich hinter dieser Gruppe?


Das Nö-Theater ist kein Ensemble, sondern ein loser Zusammenschluss von Leuten, die als Studenten an der Universität Theater gemacht und sich nach und nach professionalisiert haben. Ich habe 2008 beim Nö-Theater mitgespielt und  2009 mein erstes Stück »Die Weiße Rose — Ein Kriegsmärchen« inszeniert,  dabei hat mir der Arbeitszusammenhang mit vorhandenen Strukturen sehr geholfen. Es gibt außerdem den Verein neo e.V., der Theater- und Kulturveranstaltungen fördert.

 

Werden sie eine eigene Gruppe gründen?


Ich suche nach Gefährten, die Lust haben, bei dem was ich mache, mitzuarbeiten. Das klingt vielleicht etwas altmodisch. Außerdem ist auch ein politisches Interesse nicht immer vorhanden. 

 

Sie selbst sind inzwischen Residenzkünstler in der Orangerie.


Axel Siefer und Thomas Wenzel haben mich zu einem Treffen und zu diesem Künstlerkreis eingeladen. Das ist ein basisdemokratischer Zu-sammenschluss, der ohne Leitung bestimmt, welche Vorstellungen gespielt, welche Gastspiele eingeladen werden. Der Idee nach ist es ein selbst verwaltetes Theaterhaus.

 

Sie haben gerade Ihre Schauspiel-Ausbildung an der Theaterakademie beendet. Was sind Sie denn nun: Schauspieler und Regisseur?


Ich bin jetzt ausgebildeter Schauspieler mit Diplom. Ein Regiestudium gab es an der Theaterakademie nicht, ich habe aber von meinen Dozenten viel darüber gelernt. Schauspielerei und Inszenieren sind sehr ähnlich, man steht nur jeweils auf der anderen Seite. Ob ich nun Schauspieler oder Regisseur bin, weiß ich noch nicht. Ich würde gerne beides machen. Demnächst werde ich das Stück »Wem die Stunde schlagt« nach Hemingway machen: Thomas Wenzel führt Regie und ich spiele.