Die Inszenierung für’s Ohr

Im März wird im Rahmen des Festivals lit.Cologne zum ersten Mal der vom WDR ausgelobte »Deutsche Hörbuchpreis« vergeben. Melanie Weidemüller sprach mit dem Vorsitzenden der Jury, Thomas Böhm, Programmleiter des Kölner Literaturhauses, über das Lesen mit den Ohren.

StadtRevue: Als Lesungsveranstalter und Hörbuchlektor sind Sie ein Experte für die Vermittlung von Literatur übers Ohr. Wie ist Ihre Beziehung zum Hörbuch?

Thomas Böhm: Ich arbeite seit fünf Jahren als freier Hörspiellektor und habe auch selber schon Hörspiele geschrieben. Ich denke, der Berührungspunkt zu meiner Arbeit im Literaturhaus ist, dass es uns auch hier darum geht, Texte, geschriebene Sprache, dem Publikum in einer inszenierten Weise zu vermitteln. Und prinzipiell ist es genau das, was Hörbücher machen: die Inszenierung von Büchern.

Vor einigen Jahren wurde ein Hörbuch-Boom zumindest herbeigeredet, und sofort fürchteten Kulturpessimisten um das klassische Buch. Gibt es diese Konkurrenz?

Ganz praktisch: Ich höre Hörbücher immer dann, wenn ich durch eine andere Tätigkeit vom Lesen abgehalten werde. Ich ziehe grundsätzlich das Buch dem Hörbuch vor, weil ich meine eigene Geschwindigkeit beim Lesen haben möchte. Andererseits können Hörbücher gerade als Kunstwerke den Hörer in ihre eigene Geschwindigkeit hineinziehen, das weiß ich auch zu schätzen. Es gibt keine Konkurrenz, ganz wenig Leute hören das Hörbuch statt das Buch zu lesen. Die meisten werden zum Bespiel im Zug gehört mit Kopfhörern, beim Autofahren, beim Spülen – also überall da, wo man sonst nicht Literatur rezipieren kann und so noch mehr Literatur in den Alltag rein kriegt. Das ist ja das Tolle am Hörbuch. Zum Boom muss man sagen: Bis in die Mitte der 90er Jahre gab es keine »Hörbücher«, als es sie dann gab, hat diese Branche natürlich enorme Zuwachsraten erzielt, weil man von Null aus gerechnet hat. Tatsächlich gibt es aber nur ganz wenige Hörbuch-Verlage, die sich selbst tragen können.

Der »Deutsche Hörbuchpreis« wurde neu geschaffen. Was unterscheidet ihn von den vorhandenen Auszeichnungen?

Es gibt ganz wenige Hörbuchpreise, verglichen mit den unzähligen Literaturpreisen, aber zwei wichtige und namhafte: den »Hörkules«, ein Publikumspreis, gegen den immer mal wieder polemisiert wird, und den Preis der Hörbuch-Bestenliste mit dem »Hörbuch des Monats« und dem »Hörbuch des Jahres«. Unser Preis unterscheidet sich und findet auch seine Berechtigung dadurch, dass er in mehrere Kategorien aufgeteilt ist und es dabei darum geht, Maßstäbe zu entwickeln für bestimmte Aspekte der Hörbuchproduktion. Denn es gibt auf dem Markt, auf den mittlerweile 1000 neue Produktionen pro Jahr drängen, viele gute Hörbuchproduktionen, aber auch viele furchtbar schlechte.

Bei den fünf Kategorien gibt es das naheliegende »Best of all«, aber dann vier weitere für »Beste Innovation«, »Beste Interpretation«, »Beste Unterhaltung« und sogar »Beste Information«. Wie wurden diese Kategorien gefunden?

Es wäre tatsächlich interessant gewesen, wie beim Oscar eine ganz breite Palette von Kategorien zu haben: bester Schnitt, Drehbuch, Ausstattung, Studiotechnik ... Aber man muss ja erst mal anfangen, und das Preisgeld, das vom WWF zur Verfügung gestellt wird, sollte auch adäquat sein. Also haben wir erst mal geschaut, was für die erste Vergabe die interessantesten sind.
Bei »Beste Innovation« – für den besten Sound, die beste Collage, Dramaturgie, Regie – denkt man eher an das Hörspiel. Wo verläuft, wenn es sie gibt, die Grenze zwischen Hörbuch und Hörspiel?
Die Grenzen sind fließend. Tatsächlich gibt es Hörbücher wie das bei uns nominierte »Crashing Aeroplanes« von Andreas Ammer und FM Einheit, das ein Hörspiel ist, das aber als Hörbuch produziert wurde – eine aufwändige Montage aus aufgezeichneten Originaltönen der Piloten vor einem Flugzeugabsturz, aufgezeichnet von der Black Box. Es ist absolut fließend, weil sich Hörbuch am einfachsten vom Tonträger her definieren lässt: Inszenierte Literatur auf CD oder Kassette.

Der Preis ist mit insgesamt 20.000 Euro dotiert: Geht es neben der Ehrung auch um direkte Förderung?

Es gibt für jeden der Gewinner 3.333 Euro, das ist für kleinere Label sicherlich eine Möglichkeit, neue Produktionen anzugehen. Wenn man sich die Nominierungsliste anschaut, sind tatsächlich genauso viele kleine wie große Verlage dabei, und die Nominierung selber ist ja schon eine sehr interessante Orientierungtsliste: Der Interessent weiß im Laden, dass dieses Buch von einer 13-köpfigen Jury der besten Hörbuchkenner ausgewählt wurde als eines der besten des Jahres – und das ist ja schon eine Fördermöglichkeit, besonders für kleine Label.

Sagen Sie noch etwas zur Besetzung der beiden Jurys?

Dabei ist der Vorsitzende der Jury zum »Hörbuch des Monats« Prof. Dr. Gerd Ueding oder der Vorsitzende der Jury zum Hörspielpreis der Kriegsblinden, Jörg Drews. So hat man die Preise auch etwas unter einander etwas vernetzt. Martin Stankowski ist in beiden Jurys, er macht die Sendung »Hörclip« im WDR und hat deshalb natürlich einen großen Überblick über die Produktionen auf dem Markt.

Gab es für Sie Überraschungen unter den Nominierten?

Was mir besonders aufgefallen ist, als ich die Liste »Best of all« gesehen habe, ist die enge Verbindung vom Buch zum Hörbuch: Offensichtlich ist es so, dass nur besonders gute literarische Vorlagen besonders gute Hörbücher abgeben, denn das sind alles große Texte der Weltliteratur. Das aktuellste ist noch Ryszard Kapuscinskis »König der Könige«, aber es sind hier keine literarischen Gegenwartstexte darunter.

Das überrascht – interessiert eine Fachjury neben Klassikern nicht gerade das Aktuelle oder Ausgefallene?

Die Jurymitglieder sind natürlich in der Mehrzahl »Buch-sozialisiert«. Wenn ich mir ein Hörbuch anhöre, achte ich natürlich auch auf die literarische Qualität – ein schlechter Text kann noch so toll inszeniert sein, trotzdem würde ich denken, was höre ich da eigentlich für einen Quatsch! Es gibt allerdings neben literarischen Vorlagen einige wenige sehr interessante Textgrundlagen, die schon auf die Inszenierung hin geschrieben sind. Da sieht man den nächsten Entwicklungsschritt des Hörbuchs: eine Inszenierung nur für dieses Medium.

Laut Ihrer Definition kann man dafür ja fast alles inszenieren...

Grundsätzlich ja. Was hat eine Kulturgeschichte des Sushi, die unter »Beste Information« nominiert ist, mit einer Inszenierung von »Moby Dick« gemeinsam? Die Sushi-Geschichte ist im Segment Lifestyle verortet und funktioniert auf mehreren Ebenen: Es gibt einen Erzähler, der sich durch Japan bewegt und immer wieder in neuen Situationen mit Sushi konfrontiert wird, und dazu wird, ganz wie im Radio-Feature mit Musik und O-Tönen, die Kulturgeschichte erzählt. Das hat der Vorjury gefallen. Die Nominierungsliste sollte auch durchaus ein Spektrum zeigen: Da ist bei »Beste Information« eben das Sushi-Buch, zwei Bücher zum 11. September, und ein Buch über Lautpoesie aus der Edition Urs Engeler, also ganz unterschiedliche Ansätze, über einen Sachverhalt zu informieren.

Ob Information oder Literatur, wir hören immer einer Stimme zu – steht und fällt das Hörbuch mit den Sprechern?

Wenn jemand nicht gut liest, verliere ich sofort das Interesse. Die Stimme setzt sozusagen die Serifen beim Hörbuch: Daran muss ich mich festhören, das muss mich einnehmen. Man merkt, ob das fahrlässig gemacht ist oder jemand wie Otto Sander Sachen bewusst total beiläufig liest, um sie genau so zu betonen. Die Stimme ist also entscheidend: trägt sie, hat man den Eindruck, dass das die Stimme des Textes ist oder den Eindruck, da wurde irgendein prominenter Sprecher gebucht um ein Ausrufungszeichen hinter einen vielleicht nicht so guten Text zu setzten. Besonders toll ist es, wenn man den Eindruck hat, dass ein Text seinen Sprecher gefunden hat.

Hörbücher gehören bislang bei Wenigen in den Alltag. Gibt es noch ein größeres Potenzial?

Vielleicht ist ja die Altersfrage interessant: Wenn es viele Texte der Weltliteratur als Hörbücher gibt, sind die ja an eine bestimmte Form der Schriftkultur gebunden, an die Hochkultur, das heißt sie bedienen immer noch das typische Lesungspublikum. Da wäre also die Frage, ob es eigentlich jüngere, frischere, ein junges Publikum ansprechende Hörbücher gibt – ich glaube, die gibt es.

Gala zur Preisverleihung im Rahmen der lit.Cologne am 23.3. im Limelight, Fichtenstraße 28 (Karten über KölnTicket). Mitwirkende u.a.: Art of Mouth, Christian Brückner, Doris Dörrie, Michael Quast, Thomas Roth, Roger Willemsen, WDR Big Band.
Infos und Nominierungsliste unter www.deutscher
hoerbuchpreis.de