Vom Eis gepflückt

Eine der schönsten literarischen Entdeckungen aus den Frühjahrsprogrammen deutscher Verlage ist »Der Unfall« von Mihail Sebastian. Er schildert eine Liebesgeschichte im untergegangenen Bukarest der Vorkriegsjahre mit einer Erzählkunst, die unter lebenden Autoren ihres gleichen sucht. Alexander Dobler stellt den Roman vor.

Im Bukarest der späten 30er Jahre spielt Mihail Sebastians lange vergessener Roman »Der Unfall«, den der Claassen Verlag jetzt einer breiteren deutschen Öffentlichkeit zugänglich macht. Es ist Mihail Sebastians letzter Roman. 1945 wurde er selber, kaum 38-jährig, auf dem Weg zu einem Vortrag über Balzac an der Arbeiter-Universität Opfer eines Verkehrsunfalls. Beendet wurde damit das Leben eines Schriftstellers, der zu den wichtigsten europäischen Schriftstellern seiner Zeit gehörte und Autoren von Mircea Eliade über Cioran bis hin zu Philip Roth begeisterte. Sein Werk umfasst mehrere Romane, die in den 30er Jahren in Rumänien erschienen, Theaterstücke und ein umfangreiches Tagebuch.
Zuerst 1939 erschienen, erzählt »Der Unfall« die Geschichte einer vergehenden Liebe in einer dem Untergang geweihten Epoche, und ist dabei doch ein hoffnungsvolles Buch. Mihail Sebastian, der Iosif Hechter hieß, bis ihm die deutschen Besatzer das Führen seines jüdischen Namens unmöglich machten, erzählt darin die Geschichte des jungen Anwalts Paul, der rettungslos verliebt ist in die Malerin Anna, ein exzentrisches Wesen, ausschließlich sich selbst und ihrer Karriere verpflichtet, eine Frau, die das Leben verschlingt wie ein riesiger Malstrom. Wehe dem, der in ihre Nähe gelangt. Doch genau dort befindet sich Paul, als er eines Tages eine andere Frau vom eiskalten Boden pflückt, die ungeschickt aus einer fahrenden Straßenbahn gesprungen ist und dabei verletzt wurde.
Die Szene spielt sich am Anfang des Buches ab, und sie ist, um es vorweg zu nehmen, meisterhaft: Die gestürzte Nora, die Pauls Geliebte werden wird, nimmt darin ihre Umgebung aus der Froschperspektive wahr, ihr verlangsamtes Zeitempfinden übersetzt sich in eine gelassene Betrachtung der Begleitumstände des Unfalls: die stehen gebliebene Uhr, der metallene Verschluss des Strumpfbandes, der sich »wie ein rundes Siegel in das Fleisch des Oberschenkels gedrückt« hat, die Kälte des Schnees, die langsam unterschiedliche Partien ihrer nackten Haut erobert. Nora gibt sich diesen Betrachtungen hin als führte sie mit ruhiger Hand eine Kamera, die Bilder, Stimmen und Gedanken zugleich aufzuzeichnen imstande wäre.
Der Klang einer männlichen Stimme führt dann den Protagonisten des Romans ein, eine »gleichgültige, dumpfe, träge« Stimme, die sich über die Rechtmäßigkeit des Aussteigens an der Stelle des Unfalls äußert. Paul ist, wie gesagt, Rechtsanwalt. Nora erkennt in ihm einen depressiven Menschen. Sie betrachtet ihn nicht abschätzig, doch abschätzend, sie versucht ihn einzuordnen und wird sich pausenlos über ihn wundern. Sie verliebt sich in ihn und wird fast an ihm verzweifeln, doch am Ende wird sie ihn gewinnen (man verrät nicht zuviel, wenn man das sagt).
Das Buch erzählt von nun an die Geschichte von Pauls erkaltender Liebe zu Anna und ist zugleich ein Plädoyer für die Möglichkeit von Erneuerung, für Rettung in schwieriger Zeit. Es ist dabei fast so etwas wie Tai-Chi, was der Autor uns in Person von Nora vorführt, die mit einer gespannten Gelassenheit beobachtet, der nichts entgeht und die bereit ist zu handeln.
Auch stilistisch ist Sebastian in seinen nur scheinbar trägen Schilderungen ein Meister fernöstlicher Bewegungskunst: Paul begleitet Nora, die keine schlimmeren Verletzungen, sondern lediglich Schürfwunden von dem Unfall davon getragen hat, in ihre Wohnung, und sie fordert ihn nicht auf zu gehen. Sie nimmt ein Bad, Paul hält sich während dessen in ihrem Wohnzimmer auf. Natürlich liegt über dieser Szene eine Spannung, die erotischer Natur ist, doch das trifft die Sache nicht im Kern. Es geht um die existenzielle Vereinsamung des Menschen, die nur durch einen anderen Menschen gelindert werden kann, um einen Weg aus der Verzweiflung .
So lernt Paul Nora kennen, er sieht sich in ihrer Wohnung um und bemerkt die Existenz eines anderen Mannes ebenso wie Noras Liebe zum Skifahren. Sie lädt ihn ein, den Abend bei ihr zu verbringen, um in seinen Geburtstag hinein zu feiern, doch Paul besteht darauf, die Einkäufe hierfür selbst zu erledigen. Nora ahnt, dass er nicht zurück kommen wird. Tatsächlich entschlüpft Paul, dem Weglaufen zu einer lieben Gewohnheit geworden ist, durch die Haustür und macht sich auf die Suche nach seiner geliebten Anna. Er streift durch ein wunderbar geschildertes und wie mit Kohle gezeichnetes winterliches Bukarest, in dem es erst Abend und dann Nacht wird, er sucht die Bars auf, die sie gemeinsam besucht haben, findet Anna nicht, zieht weiter zu Plätzen, an denen sie sich häufig begegneten, doch die Anna seiner Erinnerungen ist und bleibt – fürs erste – verschwunden. Um drei Uhr nachts schließlich findet er den Weg in seine eigene Wohnung. Nora wartet dort auf ihn. Er selbst hatte ihr verraten, wo sich der Ersatzschlüssel befindet.
Am nächsten Morgen verschwindet Paul aufs Neue, und Nora findet ihn im Gerichtsgebäude, wo er ein Plädoyer zu halten hat. Sie lädt ihn ein, die Weihnachtstage gemeinsam in den Karpaten zu verbringen, wo sie bei Kronstadt eine Skihütte kennt. Zögernd willigt Paul ein, und gemeinsam tauchen die beiden nun ein in eine Welt aus Schnee und Kälte, in der ihnen der Sohn einer untergehenden Fabrikantenfamilie Gastfreundschaft gewährt. Hier nun gewinnt der Roman eine wirklich große Dimension, denn geschildert wird eine Welt, die kurz vor dem Zusammenbruch steht, ausgelöst durch den Zweiten Weltkrieg. Das Rumänien dieser Jahre ist nie wieder auferstanden aus der Asche, in die es das Weltgeschehen verwandelt hat, doch es ist aufs Lebendigste enthalten in Sebastians Roman.
Literatur ist, wo sich ein Lebensgefühl in Sprache übersetzt, und in diesem Sinn ist »Der Unfall« ein Meisterwerk der Komposition, der literarischen Form. Man wird diesen Roman im Kontext von Büchern wie Jean-Paul Sartres »Der Ekel« und Albert Camus’ »Die Pest« lesen, aber auch von Ernst Jüngers »In Stahlgewittern«. Man liest ihn mit großem Gewinn, denn Sebastians Figuren unterscheiden sich in einem wichtigen Punkt von ihren Zeitgenossen aus der französischen und deutschen Literatur der 30er Jahre. Anders als die desillusionierten, kompromisslosen Helden dieser Romane, sind sie die Hoffnungsträger einer verlorenen Welt, Menschen, die der Bedrohung durch den Nihilismus entgehen, indem sie sich mit einer Art »metaphysischem Sprung«, den Camus bereits bei Kafka entdeckt zu haben glaubte, aus einer Welt der Zerstörung und der Desorientierung zu retten verstehen.
Sie beschreiten durch die Kunst der Reflexion und die Erfahrung von Natur einen schmalen Pfad, der hinaus führt aus der Ausweglosigkeit der Geworfenheit in die Existenz – und nicht in schalem christlichen Glauben endet, sondern in der skepsisbehafteten Bejahung ihrer irdischen Existenz. Die Liebe ist für die Figuren aus »Der Unfall« immer möglich. Sie steht zur Rettung bereit, hier verkörpert in Nora Munteanu, die Paul aus dem Labyrinth seiner schwärzesten Empfindungen hinaus geleitet in den Schnee und ins Licht.

Mihail Sebastian: Der Unfall. Claassen Verlag, München 2003, 302 S., 20 EUR.
Auf Deutsch liegt außerdem vor: Seit zweitausend Jahren, Igel Verlag, Oldenburg 1997, 359 S., 22 EUR.