»Manchmal kommt einer zur Redaktionssitzung und hat eine Super-Idee – und eine Woche später ist er im Knast, oder in einer anderen Stadt.« | Foto: Manfred Wegener

Journalismus aus der Tiefgarage

Seit mehr als 20 Jahren gibt es den Draußenseiter, die älteste Straßenzeitung Deutschlands. Nun haben die Macher einen Sammelband mit den besten Texten der vergangenen Jahre veröffentlicht

In Schweden hat kaum noch jemand Kleingeld dabei. Dortige Straßenzeitungen haben daher eine App entwickelt, mit der man den Verkäufer per Smartphone bezahlen kann. Und im britischen Manchester kann man bei den Straßenverkäufern ein kleines Kärtchen mit einem Code erstehen, über den man ein PDF der aktuellen Ausgabe der Obdachlosenzeitung herunterladen kann.

 

So weit sind sie in Poll noch nicht. »Hier läuft das klassisch«, sagt Rudolf Fronczek, »die Verkäufer kaufen das Heft für 80 Cent und verkaufen es dann auf der Straße für 1,70 Euro weiter. Den Gewinn dürfen sie behalten.« Der 55-Jährige ist Geschäftsführer der Wohnungslosenhilfe Oase e.V. Die bieten nicht nur Essen und Duschmöglichkeiten an, sondern sind auch Herausgeber des Draußenseiter. Fronczek kümmert sich um den Vertrieb und die Betreuung der Verkäufer.

 

Der Draußenseiter — gegründet 1992 als Bank Express, später dann Bank Extra — ist Deutschlands älteste Straßenzeitung. Digitale Bezahlmodelle gibt es zwar noch nicht, aber zumindest eine Zusammenstellung von Artikeln der vergangenen Jahre in E-Book-Form. Im Dezember erschien »Köln trotz(t) Armut — Bestes vom Draußenseiter«. Um das Buch auch in gebundener Form zu veröffentlichen, hat man eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. »Wir wollen den Band natürlich auch dem Verkäufer auf die Straße mitgeben können«, sagt Christina Bacher.

 

Bacher ist seit acht Jahren Chefredakteurin und die einzige, die bezahlt wird. Die 41-jährige Journalistin und Krimiautorin plant, wählt die Texte aus, hält den Kontakt zu den Schreibern. »Jede Ausgabe ist wie ein kleines Gesamtkunstwerk. Du kriegst jede Form von Text, nicht selten sogar handschriftlich, weil die Leute keinen Rechner haben. Manchmal drucken wir das auch genauso ab, manchmal muss man es aber abtippen, damit es lesbar ist.«

 

Neben Wohnungslosen und Menschen in sozialen Schwierigkeiten stellen auch teils namhafte Journalisten regelmäßig Zweitverwertungen zur Verfügung. »Die Ideen kommen aber alle von der Straße«, sagt Bacher. »Wir bemühen uns immer, eine Mischung aus Texten von aktuell oder ehemals Wohnungslosen und professionellen Schreibern zu finden«, sagt sie. »Meist haben wir zuerst einen guten, professionell geschriebenen Text als Aufmacher. Und dann füllen wir das Heft drum herum«, erklärt sie. Die Arbeit nur mit Menschen von der Straße wäre allein schon logistisch zu schwierig. »Manchmal kommt einer zur Redaktionssitzung und hat eine Super-Idee — und eine Woche später ist er im Knast, oder in einer anderen Stadt. Wohnungslose sind ja oft Wanderer.«

 

Thematisch geht es vor allem um Soziales. Einrichtungen und Angebote für Menschen in Wohungsnot werden vorgestellt, Menschen auf der Straße porträtiert. Aber auch Lifestyle-Themen kommen vor, in der letzten Ausgabe ging es beispielsweise um Veganismus. Der Erfolg gibt Bacher und ihren Kollegen Recht. Im November wurde der Draußenseiter mit dem Sonder-Journalisten-Preis der AWO Mittelrhein ausgezeichnet, auch für den International Street Paper Award im Sommer waren sie mit einem Text nominiert.

 

Obdachlosenzeitungen haben eine lange Tradition in Deutschland. Als Vorläufer gilt das Blatt Der Kunde aus den 20er Jahren. Doch während Der Kunde ein weitgehend ungefiltertes Sprachrohr der damaligen Vagabundenbewegung war, ist der Ansatz der modernen Straßenzeitungen, die Anfang der 90er aus den USA nach Europa herüberkamen, eher ein karitativer als ein ausschließlich selbstbestimmter, emanzipatorischer.

 

Volker Dombrowski ist seit fünf Jahren Draußenseiter-Verkäufer. Zwei Mal in der Woche steht er von sieben bis zwölf Uhr an der Haltestelle Körnerstraße in Ehrenfeld. »So habe ich was zu tun, zumindest für ein paar Stunden, sagt er. Pro Ausgabe verkauft der 48-Jährige zwischen 25 und 50 Zeitungen. Es ist nicht viel Geld, was da zusammenkommt, aber darum geht es auch nicht, sagt er.

 

Früher stand Dombrowski mal in der Bauschlosserei an der Säge. Anfang des Jahrtausends fing er an mit der Trinkerei, als zuerst seine Mutter und dann seine Verlobte starben. »Da bin ich komplett abgestürzt.« Er verlor Arbeit, Führerschein, Wohnung. Ein paar Jahre war er obdachlos, über die Oase bekam er einen Platz im betreuten Wohnen. Die Arbeit als Straßenverkäufer gibt ihm vor allem Struktur. »Ich komme mit Leuten in Kontakt, und ich sitze nicht nur den ganzen Tag rum und besaufe mich. Und ich habe ein bisschen mehr Geld in der Tasche.«

 

Aktuell gibt es rund 200 Verkäufer, von denen rund 30 aktiv sind, so Fronczek. Aktiv bedeutet, dass sie Monat für Monat mehr als 15 Zeitungen verkaufen. Die meisten der Aktiven liegen im Bereich von rund 50 Zeitungen. In den Medien war zuletzt zu lesen, dass die osteuropäische Bettelmafia die Szene unterwandere und mit agressivem Auftreten die alteingesessenen Verkäufer vertreibe und Passanten verschüchtere. Beim Draußenseiter verweist man auf die festen Regeln, die für die Verkäufer gelten. Nicht betrunken verkaufen, nicht in der KVB verkaufen, nicht betteln, nicht aufdringlich sein. Nicht alle halten sich immer daran, sagt Dombrowski. »Es gibt auch schwarze Schafe.«

 

Fronczek bestätigt das. Auch ihm sei schon von Draußenseiter-Verkäufern ohne Ausweis berichtet worden. »Wo die die Zeitungen herbekommen, wissen wir nicht. Und die halten sich eben manchmal nicht an die Regeln und nutzen den Draußenseiter zum Betteln.« Zuletzt tauchten sogar Ausgaben in anderen Städten auf — ein Verstoß gegen den in der Szene geltenden Gebietsschutz. »Da rufen mich dann Leute von anderen Straßenzeitungen an und fragen: Warum wird der Draußenseiter hier bei uns verkauft?« Dass Arbeitsmigranten aus dem Osten teilweise anders aufträten, kann Fronczek zum Teil nachvollziehen. »Die meisten unserer deutschen Verkäufer haben 350 Euro Grundsicherung. Die Arbeitsmigranten haben in vielen Fällen gar nichts.«

 

Keinerlei Probleme haben sie mit dem Anzeigeneinbruch, der vielen Zeitungen und Zeitschriften zu schaffen macht. »Wir haben immer schon wenig Anzeigen, daher sind wir nie so abhängig davon gewesen«, erklärt Christina Bacher. Finanziert wird das Heft hauptsächlich von der Oase, hinzu kommen die Einnahmen aus dem Verkauf. Zudem gibt es immer wieder Benefizveranstaltungen, deren Einnahmen dem Draußenseiter zu Gute kommen. So wie die »Bürger und Berber«-Stadtführung, bei denen der Historiker Martin Stankowski und ein Wohnungsloser gemeinsam die Stadt zeigen.

 

Auch Bacher war schon mal bei einer dieser Touren dabei, sie schätzt den besonderen Blick auf die Stadt. Überhaupt — die Arbeit beim Draußenseiter und der Kontakt mit den Wohnungslosen hat ihr Köln-Bild nachhaltig geprägt. »Als ich vor gut zehn Jahren nach Köln kam, wusste ich relativ schnell, wo man günstig essen und wo man gut Platte machen kann. Der Südfriedhof mit dem Gräberfeld für Wohnungslose war einer der ersten Orte, die ich kannte.« Auch heute noch bietet ihr Job ihr immer wieder ungewöhnliche Perspektiven. »Mein Mann ist auch Journalist. Manchmal ist er auf Empfängen mit Blick auf die Stadt. Und ich bin am gleichen Tag unten in der Tiefgarage.«

 


draussenseiter.de
Informationen zur Crowdfunding-Kampagne:
startnext.de/draussenseiterbuch