Erotisch omnivore Raubkatze: Udo Kier | Foto: Robert Nerwald

Herzlichen Glückwunsch, Udo Kier!

Kölns einziger Weltstar wird 70

Als ich Anfang der 80er Jahre mit meinen Eltern über die Ehrenstraße schlenderte, zeigte mein Vater plötzlich Richtung Broadway Café und murmelte: »Schau mal, da ist Udo Kier, Kölns einziger Weltstar. Der hat mit Andy Warhol gearbeitet.« Bemerkenswert daran ist weniger, dass Kier da saß (das tat er öfters), sondern meines Papas Aufgeregtheit: Ansonsten reagierte er so nur auf fernsehbekannte Größen wie etwa das Paar Nadja Tiller und Walter Giller.

 

Wenn Udo Kierspe (wie er bürgerlich heißt) am 14. Oktober seinen Siebzigsten feiert, dann ist Warhol (neben Madonna und Lars von Trier) wohl immer noch der Name, mit dem man ihn als erstes in Verbindung bringt, und das nicht nur weil Paul Morrisseys ­Factory-Doppelpack »Andy Warhol’s Frankenstein« (1973) und »Andy Warhol’s Dracula« (1974) immer noch zu Kiers beliebtesten Werken gehört. Warhol steht für eine Ära und eine Haltung zum Leben als Kunstwerk, die kaum eine andere Ikone jener Zeit und Welt so formvollendet verkörpert wie der Kölner — dabei reflektiert er sie entspannt-ironisch, ohne sie zu brechen. Jede Kier-Performance bewegt sich in einer Grauzone: Da versteht einer sein Handwerk — will sich aber nicht durch ausgestellte Kunstfertigkeiten zum Bürgertums-Narren machen. Seine ungeheuer schönen Augen funkeln dabei stets vor Spott wie Gnade.

 

Damit passt er perfekt zu Regisseuren wie Rainer Werner Fassbinder (»Die dritte Generation«, 1979), Walerian Borowczyk (»Lulu«, 1980), Christoph Schlingensief (»United Trash«, 1996) und Rob Zombie (»The Lords of Salem«, 2013), deren Schaffen genau von dieser Verweigerung einer alles Lebendige zerquetschenden Vollkommenheit beseelt ist. Filmperlen des krass Verworfenen wie »Schamlos« (1968) von Eddy Saller, »Geschichte der O« (1975) von Just Jaeckin oder »BloodRayne« (2005) von Uwe Boll — ein weiterer lokaler (Anti)Held — verleiht Kier selbstgewiss ein Kraftzentrum, ein Rückgrat. Arthouse- wie Kommerz-Plunder von Zampanos wie Lars von Trier (»Europa«, 1990), Wim Wenders (»The End of Violence«, 1997) oder Michael Bay (»Armaggedon«, 1998) weiß Kier dafür szenenweise aufzureißen — da spürt man, wie eine erotisch omnivore Raubkatze über ihre nächsten Nächte nachdenkt, nur um dann doch anderswo spielen zu gehen.

 

Text: Olaf Möller

 


Udo-Kier-Filmreihe: Sa 15.–Mi 26.10., Filmhaus. Infos: filmhauskino.de >

»Arteholic«, D 2014, R: Hermann Vaske, D: Udo Kier, 86 Min. Ab 16.10. im Filmhaus.

 


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