Der Heide blüht nichts Gutes

Nach dem Abzug der belgischen Truppen fühlt sich niemand zuständig für das Naturschutzgebiet Wahner Heide

Eine Landschaft wie im Märchen: Die fahle Dezembersonne spinnt goldene Fäden durch gespenstisch dürre Birkenformationen. Eine Bruchweide trauert einsam auf einer verlassenen Wiese. Struppiges Heidekraut trotzt dem sandigen Boden der Binnendünen, und großflächige Moosstrukturen überziehen die Erde mit einem pelzigen, grünen Teppich.

Biotope mitten im Ballungsraum

Die Rede ist von der Wahner Heide, dem zweitgrößten Naturschutzgebiet in NRW. Rund 700 gefährdete Tier- und Pflanzenarten finden hier eines ihrer letzten Rückzugsgebiete. Dazu gehören seltene Vogelarten mit poetisch anmutenden Namen wie Trauerschnäpper, Orpheusspötter und Wendehals. Aber auch seltene Farne, Torfmoose, Käfer und Insekten werden von den vielfältigen Biotopen der Heide beherbergt. Erstaunlich aber wahr: Die Wahner Heide befindet sich in Mitten eines großstädtischen Ballungsraums, zu einem großen Teil sogar auf Kölner Stadtgebiet. Auch richtig große Vögel kreisen über dem Gelände, machen dabei ohrenbetäubenden Lärm: Im Norden der Heide liegt seit Ende der 50er Jahre der Flughafen Köln/Bonn.
Die relative Unversehrtheit der Wahner Weide trotz ihrer Lage hat einen scheinbar paradoxen Grund: Schon lange wird das Gelände hauptsächlich zu militärischen Zwecken genutzt. Seit 1951 sind belgische Truppen im Camp Altenrath stationiert, sie benutzen die Heide für militärische Übungen. Deshalb sind große Teile des Naturschutzgebietes für die Bevölkerung gar nicht zugänglich. Lediglich am Wochenende und an Feiertagen kann man in der Wahner Heide auf streng abgesteckten Pfaden spazieren gehen. Die Anwesenheit der belgischen Truppen war in der Vergangenheit ein Segen für die Natur.

Zuständig sind alle und keiner

Der 1. Januar 2004 könnte nun einen Wendepunkt für das Schicksal der Heide markieren. Alle ehemaligen Besatzungsmächte ziehen ihre verbliebenen Truppen nach und nach aus Deutschland ab, zum Jahreswechsel werden auch die Belgier ihr Camp in der Wahner Heide komplett verlassen haben. Wer sich zukünftig um die Heide kümmern soll, ist völlig unklar, zuständig sind alle und keiner: Offizieller Eigentümer der Wahner Heide ist das Bundesvermögensamt, zuständig für die Verwaltung sind Bundes- und Landesforstamt. Mitreden dürfen außerdem das Regierungspräsidium Köln sowie die Unteren Landschaftsbehörden von Stadt Köln, Rhein-Sieg-Kreis und Rheinisch-Bergischem Kreis.
Weil Naturschutz Geld kostet, wird die Verantwortung hin- und hergeschoben. »Die Einrichtung eines Biosphärenreservates Wahner Heide wäre Angelegenheit des Landes Nordrhein-Westfalen«, vermeldet die Bundesregierung. Das Regierungspräsidium spielt den Ball hingegen wieder an den Bund zurück. Auch die Unteren Landschaftsbehörden haben allesamt unterschiedliche Vorstellungen, wollen sich mit ihren Gebietsentwicklungsplänen zum Teil bis 2007 Zeit lassen.
Das Bündnis Wahner Weide und der Naturschutzbund (NABU) Köln wollen deshalb kurzfristig ehrenamtliche Landschaftswächter in die Heide schicken, um den Schutz des Naturraums wenigstens ansatzweise aufrecht zu erhalten. Sie sollen BesucherInnen zum verantwortlichen Umgang mit der Heide anhalten. Eigentlich, so Klaus Simon vom NABU Köln, seien auf Dauer aber hauptamtliche Ranger vonnöten, schließlich handele es sich bei der Wahner Heide auch um Forstfläche, wofür Ehrenamtler gar nicht in Frage kämen.
Zukünftig geht es aber nicht nur um den Schutz der Natur, sondern auch um den der Besucher. Durch die langjährige militärische Nutzung sind große Teile der Heide, sogenannte »Rote Zonen«, immer noch mit Kampfmitteln kontaminiert. »Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn irgendein Moto-Cross Fahrer mit seiner Maschine über eine alte Senfgasbombe brettert«, warnt Simon.

Flughafen oder Bio-Station?

Umstritten ist die zukünftige Nutzung der Kasernen des Camp Altenraths. Das Bündnis Wahner Heide möchte sein Infozentrum dorthin verlagern und ausbauen. Eine Bio-Station, eine Herberge, ein Café und ein Laden gehören zum Konzept. »Letztlich geht es natürlich auch um finanzielle Abschöpfung, irgendwie müssen die naturerhaltenden Maßnahmen ja finanziert werden«, so Holger Sticht vom Bündnis Wahner Heide. Dem NABU Köln gefallen solche Pläne überhaupt nicht. Das Zentrum der Heide müsse unberührt bleiben, nur in den Randlagen seien Besucherzentren denkbar. Simon würde lediglich eine Nutzung durch den Flughafen, zum Beispiel als Lagerhallen, befürworten. Das wiederum ist für das Bündnis Wahner Heide ein rotes Tuch. Holger Sticht warnt vor möglichen Expansionsplänen des Flughafens, der sich seit Einführung der Billigflieger im wirtschaftlichen Aufwind befindet. Noch im Juni 2002 liebäugelte NRW-Wirtschaftsminister Schwanhold mit einem führenden Logistikzentrum Köln/Bonn nach amerikanischem Vorbild.
Alles unklar also, nur eins steht fest: Wenn es alle beteiligten Institutionen nicht bald schaffen, gemeinsam ein sinnvolles Konzept zu erstellen, könnte es mit der Idylle ziemlich schnell zuende sein. Anscheinend bedarf es zur Verteidigung der Wahner Heide mindestens einer Armee.


INFO
An jedem ersten Sonntag im Monat um 14 Uhr gibt es eine etwa dreistündige Heideführung.