Schwierig – und doch gut

Hiltrud Kissel und Ensemble zeigen eine bemerkenswerte Version von Becketts »Endspiel«

Beckett ist schwierig. Darüber sind sich Theatergucker und Theatermacher einig. In seinen Dramen erzählt der Nobelpreis gekrönte Ire keine herkömmlichen Geschichten, sondern definiert mit einer Fülle von exakten Vorgaben Situationen, aus denen es für seine Figuren meist keinen Ausweg gibt – geschlossene Systeme, die ihre Vorbedingungen bereits enthalten. Die Anweisungen im Nebentext sind da oft wichtiger als das gesprochene Wort. Fast jeder Versuch der Regie oder der Schauspieler, daraus auszubrechen, ist zum Scheitern verurteilt. Oft geraten die vielschichtigen Meisterwerke des Dichters zu simpler Tiefgründelei über Ausweg- und Trostlosigkeit – und langweilen das Publikum.

Herausfordernde Freiheiten für Theatermacher

Wer sich jedoch mutig an die Vorgaben hält und die Anweisungen des Autors genau befolgt, kann damit auf der Bühne eine Welt entstehen lassen, mit der auch die Zuschauer etwas anfangen können, und die für (gute) Theatermacher ganz andere, herausfordernde Freiheiten bietet. Hiltrud Kissel, Regisseurin und Gründerin von Pain Productions, hat diese Chance genutzt und in ihrer Inszenierung von Becketts »Endspiel« die vorgegebene Situation sorgfältig umgesetzt. Abgesehen von den offenbar unvermeidlichen weißen Gesichtern unter schwarzen Hüten, hat sie auf verstaubte Beckett-Ästhetik verzichtet und zeigt vier übrig gebliebene Gestalten am Ende eines »Spiels«, dessen Regeln sie perfekt beherrschen.
Clov, der jüngste und gesundeste, betreut den unbeweglichen und blinden Hamm, der Clov ständig herumkommandiert und die letzten verbliebenen Nahrungsvorräte kontrolliert. Auf der Müllkippe nebenan liegen – schon mehr tot als lebendig, verpackt in schwarze Müllsäcke – Hamms Eltern Nagg und Nell, die von Hamm und Clov notdürftig ernährt werden. Alle hassen sich gegenseitig und sind voneinander abhängig. Ein Draußen gibt es nicht. Mit letzter Kraft versuchen die Spielfiguren, das System zu sprengen, indem etwa Nell heimlich versucht, Clov zu überreden, Hamm zu verlassen – was für alle vier das Ende bedeuten würde. Clov kündigt zwar immer wieder an, zu gehen, tut es aber doch nicht. So warten sie weiter darauf, dass ihr Spiel zu Ende geht.
Die gut durchdachte Inszenierung bietet den Schauspielern üppig Gelegenheit zu zeigen, was sie können. Die vier schaffen es, das »Endspiel« der Figuren trotz – oder gerade wegen – der scheinbar engen Vorgaben des Autors zu etwas Spannendem zu beleben und die postapokalyptische Geschichte vom Warten auf das endgültige Ende auch in Zeiten der Sozialstaatsreformen nicht langweilig werden zu lassen.

Info
»Endspiel« von Samuel Beckett, R: Hiltrud Kissel, mit Marietta Bürger, Klaus Ebert, Jo Schmitt, Klaus Wildermuth, Arkadas Theater, 22., 23., 29., 30.10., 20 Uhr.