Bernhard Schultze, Das dunkle Etwas, 1989/91 (Ausschnitt)

Bernard Schultze zum 100.

Wer ist denn das? Was geht da ab? Wen haben wir übersehen, der schon lange unter uns ist? Wem Graffiti auffallen und die irren Kritzeleien, die manch verwirrter Stadtbewohner auf Mauern hinterlässt, wer die Post-Gothic-Ästhetik zeitgenössischer Death-Metal-Alben heimlich bewundert und in den Sketchbooks Guillermo del Toros voll von diesen zärtlich-grauenhaften Fabelwesen geblättert hat — der vergisst das jetzt alles, legt es ad acta und staunt. Staunt über die zittrigen Linien, die sich zu einem Wuchern auswachsen und merkwürdige Wesen — grotesk verwachsen, großäugig-sinnlich, verwarzt-bedrohlich — aus sich heraustreiben. Das sind die Migofs. Kopfgeburten, wortwörtlich, des großen Ostpreußen Bernard Schultze (er war fast zwei Meter lang), Waldgespenster, Wiesenteufel, Albträume der Repräsentation.

 

Genau — Albträume der Repräsentation. Denn Schultze (1915–2005) gehört zu den Begründern des Informel, jener Selbstbefreiung deutscher Maler, mit der sie sich aus dem Schrecken des Weltkrieges und dem Terror der Nazidiktatur herausmalten. Sie hatten keine Tradition, an der sie direkt an­­knüpfen konnten, die Surrealisten und Jackson Pollock, den Helden der freien Welt, mochten sie nur aus der Ferne grüßen. Um 1950 war Informel eine Kritik der Repräsentation, eine Feier der Selbstermächtigung, die sich ihre eigenen Ausdrucksformen spontan schafft: auf nichts außerhalb des Kunstprozesses verweisend.

 

In der Riege der Informellen fiel Schultze aber schon immer durch eine Leichtigkeit, Buntheit, ein Durchleuchtet-Sein auf, was ihn von seinen Kollegen Karl Otto Götze (Wuchtbrumme), Fred Thieler (Berserker) oder Sonderborg (»Ich bin wie jemand, der in den Keller hinabsteigt, um eine Ratte zu töten.«) doch erheblich unterscheidet. Abgründig wurde es erst in dem Moment, als Schultze, übrigens seit 1968 Kölner, anfing, figurativ zu zeichnen und zu malen und damit sein wild-wucherndes Universum der Migofs definierte.

 

Seit der letztjährigen Art Cologne hört man hier und da, Informel sei wieder im Kommen. Wer die Abgründe der Welt der Zeichen kennt, weiß, dass Schultze schon immer da war. Es herrscht ein Gewimmel auf der Leinwand, das kriecht und schleimt und zuckt: Unterweltwesen, die einem aus dem Kopf fließen.