Zu Gast bei Gegnern

Henriette Reker und Jochen Ott diskutierten am Freitag

auf Einladung der Linken.

Wasserflasche bei der Linkspartei

Wein predigen und Wasser trinken: Auf dem Podium bei der Linken

Von dieser Bühne im Saal des Bürgerzentrums Ehrenfeld haben viele Punkbands ihren Zorn in den Saal geschrien. Am vergangenen Freitagabend aber sitzen auf Einladung der Kölner Linkspartei die beiden aussichtsreichsten OB-Kandidaten dort, um zu diskutieren. Zum einen SPD-Chef Jochen Ott und zum anderen die parteilose Sozialdezernentin Henriette Reker, aufgestellt von den Grünen, unterstützt von CDU und FDP. Die gastgebende Linke will angeblich wissen: »Welche Politik braucht Köln?« Das weiß die Linke naturgemäß selbst am besten. Im Rat unterstützt sie die SPD, aber die Basis ist misstrauisch gegenüber pragmatischen Bündnissen. Und jetzt? Ott wählen oder besser gar nicht wählen? Einen eigenen Kandidaten hat die Linke schließlich nicht aufstellen wollen.

 

Wasser aus Kölschstangen

 

Blick aufs Bühnenbild: zeitlose Bürgerzentrums-Grandezza! Zwei Partytische sind mit bunter teppichdicker Abdeckplane behängt. Reker und Ott trinken tapfer Mineralwasser aus Kölschstangen. Klarer Fall: Es soll nicht gemütlich sein. Im Hintergrund hängt das »Linke«-Logo. Spaßvögel könnten nun Spaßvögel-Fotos mit Reker oder Ott unter dem Linke-Banner knipsen, irgendwo posten und Likes-Millionär werden. Macht aber zum Glück keiner. Die Veranstaltung ist nämlich in einem guten und vollumfänglichen Sinne humorfrei. Selbst mit dem sonst üblichen Fragenschleim zu kölschem Brauchtum oder Chancen des FC werden hier weder OB-Kandidaten noch Publikum humorig besudelt. Und das Beste: kaltes Bier am Indoor-Kiosk! Ach, würden doch jetzt Knochenfabrik spielen. Egal. Let the games begin.

 

Ott im Assessment-Center

 

Reker sitzt maximal aufrecht, ihr Blick offen, total wach. Sie wirkt, wie immer, gespannt, aber nicht angespannt. Reker muss sich nach wenigen Millisekunden allerdings fragen, was sie hier eigentlich soll. Sie hat hier als CDU- und FDP-Ikone zwar gar nichts zu verlieren, aber eigentlich auch gar nichts verloren. Es geht nur darum, diesen lästigen Abend mit Contenance zu überstehen. Ott wirkt hingegen müde oder genervt oder vielleicht beides: einige symbolträchtige Dezimeter zu weit vom Abdeckplanen-Tisch abgerückt, die Füße der ausgestreckten Beine übereinander geschlagen, ist er lässig in den harten Bürgerzentrums-Stuhl gesackt. Reker muss heute früher los. Ott kann seine Kräfte ganz für sein Solo in der zweiten Halbzeit schonen. Ein Auswärtssieg hier bei der Linken ist durchaus drin, solange keiner gleich »Agenda 2010« oder »SPD-Klüngel« schreit. Macht aber keiner. Untypisch, aber auch mal ganz angenehm.

 

Im Publikum überwiegt nichtsdestoweniger der Habitus linker Basis. Aber: heute alle gut drauf. Freitagabend! Und nachher lädt die Linke noch zum Umtrunk. Dennoch sind die Blicke zunächst skeptisch auf den SPD-Chef gerichtet, er will schließlich punkten. Ott im Assessment-Center. Moderator Thorsten Weil, Mitglied im Parteivorstand, lässt es superfreundlich und supersympathisch und fast ein bisschen superlangatmig angehen. Ott wird ein klitzekleiner, etwas billiger roter Teppich ausgerollt: Die Volksstimme Magdeburg – immerhin! – habe kritisiert, dass in Köln Grüne, CDU und FDP keine eigenen Kandidaten aufstellten. Ott stimmt wortlos zu. Er geniert sich vielleicht, gleich die allererste Steilvorlage Volley zu nehmen.

 

Soziales, Flüchtlingspolitik, Wohnen, Verkehr

 

Das Prozedere zur Meinungsbildung wird nun erläutert. Das Format ist angenehm bürokratisch und unspontan: Vier Arbeitskreise der Linken haben sich jeweils drei Fragen überlegt. Es geht um Soziales, Flüchtlingspolitik, Wohnen und Verkehr – und alle Arbeitskreissprecherinnen und -sprecher sind tipptopp vorbereitet. Nur, dass die Fragen gar keine Fragen, sondern Impulsreferate sind. Das eröffnet Reker und Ott die Möglichkeit, sich in ihren ebenso langen Antworten nur jene Aspekte herauszusuchen, die sie am liebsten beantworten.

 

Zur Sozialpolitik haben Reker und Ott scheinbar ähnliche Ansichten. In einem Satz: Es muss sozialer werden. Ott bringt noch ein bisschen katholische Soziallehre rein: Arbeit sei Würde, und Teilhabe und Anerkennung das wichtigste. Erster Beifall über Zimmerlautstärke. Die linke Basis ertappt sich plötzlich dabei, dass sie einem SPD-Mann applaudiert. Ott verabreicht das Pathos in kurzen markanten Sätzen, die aus dem assoziativen Gewurschtel aufblitzen. Wohlige Emotionalität umfängt das Publikum. Ott jetzt schon Publikumsliebling. Reker scheint das neidlos anzuerkennen, obwohl sie inhaltlich nichts anderes gesagt hat.

 

Selbstverständliches klarstellen

 

Und jetzt Flüchtlingspolitik. Das ist allerdings heikel für Reker wie für Ott. Die beiden hatten vereinbart, das »Thema« aus dem Wahlkampf rauzuhalten, weil sonst Rechte davon profitierten. Ott und Reker stellen erst mal Selbstverständliches klar: Flüchtlingen muss geholfen werden. Beide wollen nicht nur Unterkünfte, sondern auch Integration. Willkommenskultur ist großartig und auch ein bisschen typisch Köln, aber die Willkommenskulturschaffenden brauchen Unterstützung. Und so weiter. Sagt Ott, Reker unternehme zu wenig, sagt Reker, besser gehe es derzeit nicht.

 

Dann Auftritt Michael Weisenstein, er spricht für den Arbeitskreis Wohnungspolitik. Weisenstein ist einer der Stars in der Linke-Fraktion und neuerdings Kollege von Ott im Aufsichtsrat der städtischen Wohnungsgesellschaft GAG. Weisenstein hat für einen Politiker enorme Bühnenpräsenz, rattert gleich los: Wohnungsnot, zu wenig neue Wohnungen und vor allem zu wenig Sozialwohnungen. Deshalb sein Vorschlag: eine zweite Wohnungsgesellschaft, komplett in der Hand der Stadt. Also Wohnungspolitik ohne Rücksicht auf Aktionäre. Ott will aber keine zweite kommunale Wohnungsgesellschaft. Er glaubt, die GAG schaffe irgendwie, was sie bisher noch nie geschafft hat, nämlich sehr viele günstige Wohnungen zu bauen. Warum Ott so optimistisch ist, bleibt schleierhaft. Dann Flucht ins Detail, in diesem Fall Börsenrecht. Henriette Reker hatte auch noch was gesagt, und verabschiedet sich dann, wie angekündigt. Unspektakulärer Auftritt, unspektakulärer Abgang. Bisschen Murren im Publikum, Ott allein jetzt vor der Linken.

 

Sammelsurium von Klein-Ideen

 

Das ist jetzt die zweite Halbzeit. Der vierte und letzte Themenkomplex: Verkehr. Zu schlechter ÖPNV, zu viele Autos, zu schlechte Fahrradwege, Mobilitätskonzepte… Ott wird irgendwas gefragt, Ott antwortet irgendwas: Wassertaxis, Brücken sanieren, neue Straßenbahnlinien von Porz-Langel bis Mülheim. Von einem Einwohnerticket – Kernforderung der Linken zum Verkehr – oder eine City-Maut hält Ott nichts. Nein, er sagt das anders: Er habe »Zweifel«, ob diese Abgabe für alle Kölner, »der beste Weg« sei. Dann folgt ein Sammelsurium von erst mal total clever wirkenden Klein-Ideen, bis hin zu einer Taxi-Flatrate für Senioren. Auch dafür kündigt Ott »Gespräche« an. Das Publikum ist jetzt etwas überwältigt von der Flut der guten Ideen, die vielleicht aber gar nicht alle gleich gut sind.

 

Allmählich plätschert der Abend aus. Ott wird ein- bis zweimal zu oft von der Moderation dafür bemitleidet, dass er in der zweiten Hälfte ohne Widerworte von Frau Reker reden konnte. Es hat an diesem Abend aber nicht nur die Komplettpräsenz von OB-Kandidatin Reker gefehlt, sondern auch ein Hinweis: Als kölscher OB ist man zuallererst Chef der kölschen Verwaltung – und da läuft vieles nicht rund. Die Umsetzung von Ratsbeschlüssen wird verschleppt, Amtsleiter agieren nach Gutdünken oder parteipolitischen Vorgaben, und die Kooperation zwischen den Dezernaten und Ämtern ist standardmäßig miserabel. Wie Ott und Reker die Verwaltung zu verbessern gedenken, werden sie nicht gefragt. Da hat der ausgewiesene Verwaltungs-Nichtfachmann Ott ein bisschen Glück. Stattdessen sind seine politischen Prämissen abgeklopft worden. Wie Ott („Ich setze gute Ideen um“) all die guten Ideen umsetzen will – finanziell, verwaltungsorganisatorisch und mit welchen politischen Partnern - bleibt der Phantasie seiner Zuhörer überlassen.

 

Kölsch gegen fahlen Beigeschmack

 

Dann werden noch Fragen aus dem Publikum gesammelt. Nachspielzeit, Ott muss seinen Auswärtssieg jetzt nur über die Zeit retten. Ott notiert fleißig irgendwas, die Fragen werden en bloc beantwortet. Wieder eröffnet sich die Möglichkeit, nur die leichtesten Fragen zu beantworten und den Rest zu vergessen. Otts Stimme ist jetzt laut und fest, der Ton umgangssprachlich, ein bisschen politprofimacherhaft. Kommt gut an. Kurz vor Schluss gerät Ott noch mal ins Straucheln. Warum er denn nicht längst seine Ideen umgesetzt habe als Parteichef der SPD, will einer jetzt tatsächlich noch wissen. Irgendwie schnoddert Ott auch das noch weg. Abpfiff.  

 

Der Rest ist großes Dankeschön an Ott und die Aufforderung unbedingt wählen zu gehen. Das heißt: Und wenn ihr wählen geht, dann ja wohl den Jochen Ott. Jetzt kommt man sich schon etwas überrumpelt vor. Aber diesen fahlen Beigeschmack kann man mit dem Gratis-Kölsch der Linken gut runterspülen.