Überraschung in den Sommerferien: Stefan Bachmann | Foto: Manfred Wegener

In welcher Stadt bin ich eigentlich gelandet?

Stefan Bachmann, Intendant des Schauspiels Köln, spricht über die Sanierungskatastrophe und die neue Spielzeit im Carlswerk

Herr Bachmann, das Schauspiel Köln hat eine Partnerschaft mit zwei Mülheimer Flüchtlingsheimen vereinbart. Ist es sinnvoll, wenn Theater Aufgaben übernehmen, die andere Institutionen leisten müssten?

 

Das System ist kollabiert, wir alle müssen jetzt Aufgaben übernehmen, die die Institutionen nicht mehr schaffen. Durch die Lage des Schauspiels in Mülheim haben wir es von vornherein so definiert, dass es auch integrative Arbeit leistet. Aber wir wollten uns nicht etwas ausdenken, sondern uns mit Hilfe von Fachleuten informieren: Was wird gebraucht? Wir wollen das nicht gleich künstlerisch ausbeuten, sondern als nachbarschaftliche Geste verstehen. Wir legen mit Flüchtlingen Gärten an, kochen mit ihnen, spielen, sprechen, wir gründen einen Jugendclub. Es gibt im Moment noch eine Euphorie, die ich total schön finde, Deutschland feiert sich als Musterland. Aber die Befürchtung besteht, dass diese Welle wieder verebbt. Wir versuchen etwas auf die Beine stellen, das nachhaltiger ist.

 

Themawechsel. Sie hatten vor, die Spielstätten Depot 1 und 2 im Carlswerk zu behalten. Gab es also Anzeichen, dass es zur Sanierungskatastrophe kommen würde?

 

Ich muss gestehen, ich bin in die Sommerferien gefahren mit dem festen Glauben, dass wir termingerecht eröffnen. Trotzdem hatte ich, vielleicht bin ich da Schweizer genug, ein Sicherheitsbedürfnis. Daher hatten wir den Mietvertrag etwas länger verabredet.

 

Fragen Sie sich manchmal, in welcher Stadt Sie eigentlich gelandet sind?

 

Ja. Man lernt sich so richtig erst in den Krisen kennen.

 

Und was haben Sie über Köln gelernt?

 

Es ist nicht nur erfreulich, was ich erlebt habe. Ich fand es in vielerlei Hinsicht kopf- und planlos, wie agiert oder nicht agiert wurde.

 

Von wem?

 

Wenn ich diese Frage beantworte, mache ich genau das, was passiert ist und was ich furchtbar finde: die allererste Reaktion war, dass alle angefangen haben, mit dem Finger auf irgendjemanden zu zeigen. Wir können gerne darüber reden, was mein Anteil ist. Ich empfinde mich im Nachhinein als naiv. Ich habe mich schon sehr weit aus dem Fenster gelehnt, weil ich zu Bedingungen ja gesagt habe, die für die technischen Gewerke eine Zumutung gewesen wären. Es gab die Hoffnung, wenn man am Termin festhält, schafft man es irgendwie auch. Ähnliches hatte ich auch in meiner Zeit als Schauspieldirektor in Basel bei der Renovierung erlebt. Wir probten bei Minustemperaturen, während gebohrt wurde und es noch keine Heizung gab. Eine traumatische Zeit. Auch meine Inszenierung damals wurde eine Blamage. Aber wir waren drin, der Betrieb kam ins Laufen, und es ist nicht zu dem geworden, was man heute in Köln als gefühlten Stillstand bezeichnen kann. Trotzdem würde ich beim nächsten Mal die Forderung stellen, dass wir einziehen, wenn es fertig ist.

 

Ihr Vertrag ist gekoppelt an den Einzug am Offenbachplatz plus drei volle Spielzeiten. Ist die Verzögerung für Sie nicht auch eine gute Nachricht?

 

Für mich war ein wesentlicher Teil des Angebots, dass ein neues Haus eröffnet wird. Das war eine große Verführung und einer der Gründe, warum ich zugesagt habe. Da man ja weiß, was alles passieren kann, wollte ich mich nicht als Interims-Intendant verbraten lassen und sicherstellen, dass ich die Eröffnung auch miterlebe. Jetzt entsteht die Situation, dass man denkt, das muss ja in meinem Interesse sein, die Eröffnung so weit wie möglich zu verzögern. Aber ich klebe nicht an meinem Sessel. Ich habe einen Fünfjahresvertrag, das ist die Zeit, über die ich momentan nachdenke.

 

Es gibt durchaus Kritik. Das Schau­spiel Köln sei nicht ganz so erfolgreich wie unter Karin Beier. Ihr Chefdramaturg Jens Groß ist nach Bonn gegangen, eine Ihrer Top-Schauspielerinnen Julia Riedler an die Kammerspiele München. Wie stehen Sie inhaltlich da?

 

Gut. Es ist alles im Rahmen dessen, was ich mir vorgestellt habe. Ich habe in Köln bewusst ein anderes Konzept probiert, mit einer anderen Verbindlichkeit. Wir versuchen, Theater zu machen, das sich stärker zum Ort bekennt, an dem es stattfindet. Das zeigt sich etwa daran, dass ich viel mehr feste Schauspieler habe als Karin Beier. Sie spielen wirklich nur bei mir. Das ist eine langfristigere Angelegenheit, die nicht so sehr auf schnellen Erfolg ausgelegt ist. Ich möchte Stadttheater machen, das den Begriff im Kern ernst nimmt und auch in der Stadt eine Wiedererkennbarkeit erarbeitet. Wenn man Moritz Sostmann und sein Puppentheater sehen will, muss man eben nach Köln kommen. Ich war selber viermal beim Theatertreffen eingeladen, für mich ist das nicht das entscheidende Kriterium. Ich wollte in Köln diesmal wirklich sagen können: Mir ist es gelungen, die Stadt zu erobern. Wenn man unsere Zuschauer­zahlen anschaut, dann bestätigt sich das.

 

Dennoch hört man von Spannungen im Team.

 

Im Gegenteil, ich finde es ziemlich harmonisch.

 

Sie wollten beim Einzug den biblischen »Exodus« inszenieren. Am Haus laufen konservative Autoren wie Ayn Rand oder Knut Hamsun. Welche Haltung haben Sie?

 

Eine spielerische. Was mich interessiert, ist das Militante, politisch Unkorrekte, gegen den Mainstream Denkende. Ich finde es immer etwas fade, im Theater die eigene politische Meinung abzubilden, jenen bürgerlichen, selbst gebastelten Ethos-Katalog, nach dem wir alle mehr oder weniger leben, in meinem Fall vielleicht ein wenig grüner. Für mich bleibt das Theater der Ort, wo man dialektisch denken und sich mit anderen Lebensentwürfen auseinandersetzen sollte. Mich interessieren keine Botschaften, die in eine Plastiktüte reinpassen, sondern ich mag es, wenn es komplex bleibt. Dass man nicht zu einer Position findet, die man schon hat, sondern dass man sie sucht und immer wieder in Frage stellt.

 

Für eine gewisse Haltungslosigkeit zu diesen Themen werden Sie aber auch angegriffen.

 

Ja, ständig. Aber wenn nicht dafür, dann für etwas anderes.

 

Warum der Wechsel vom »Exodus« zu Horvárths »Wiener Wald«?

 

Einerseits ist das Thema »Exodus« natürlich durch das Flüchtlingsthema sehr stark entfaltet. Doch mein Konzept war ein anderes, nämlich der Auszug, der verbunden ist mit einem Einzug, der auch ein Versprechen, die Utopie eines besseren Daseins-Zustandes bedeutet. Das ist mir weggefallen. Horváths »Geschichten aus dem Wiener Wald« habe ich schon am Burgtheater inszeniert, wo mir aber nicht gelungen ist, zu erzählen, was ich damit sagen wollte. Das Stück ist großartig. Ich bin sehr froh, dass ich es wieder mache.

 

Was erwartet uns bei den anderen Premieren?

 

Ibrahim Amir hat ja auch schon die Ehrenmord-Komödie »Habe die Ehre« geschrieben. Er ist ein Syrer, der in Wien Medizin studiert, und eher nebenbei schreibt. Er wirft einen Blick auf Vorurteile gegenüber dem Islam. Es geht in der Komödie »Stirb, bevor du stirbst« um einen Sohn aus einer deutschen Familie, der scheinbar auf dem Weg ist, IS-Kämpfer zu werden. Sehr gespannt bin ich aber auch auf die Uraufführung von Lars Noren »3.31.93«. Eigentlich ist er als sehr düsterer, psychologischer Autor bekannt. Ich freue mich sehr, welche Reibung entsteht, wenn Moritz Sostmann seinen Großstadtreigen mit Puppen inszeniert.

 


Geschichten aus dem Wiener Wald
A: Ödön von Horváth, R: Stefan Bachmann,
31.10. (P), 6., 7., 21.11., Depot 1, 19.30 Uhr

Stirb, bevor du stirbst
A: Ibrahim Amir, R: Rafael Sanchez,
7. (UA), 8., 13., 15.11, Depot 2, 20 Uhr

3.31.93 – Ein Großstadtreigen
A: Lars Norén, DEA, R: Moritz Sostmann
18.11. (P) (19.43 Uhr), 22.11. (18 Uhr), 29.11. (16 Uhr), Depot 1