Zombie Zoo

Das Schauspiel eröffnet bravourös mit

Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald

Was kommt da aus dem Dunkel auf die Bühne? Sind das Menschen? Tiere? Die Schauspieler wirken wie Untote, Zombies. Die Gesichter bleich geschminkt, die Augen versinken in dunklem Rot. Eine Mischung aus 50er Jahre Grusel- und Zirkusmusik (Sven Kaiser) begleitet den makabren  Einstieg.

 

Ödön von Horváths »Geschichten aus dem Wiener Wald« erzählen von Marianne (Lou Zöllkau). Sie ist die Tochter eines verwitweten Spielzeugverkäufers, der sie sadistisch maßregelt. Fleischhauer Oskar — hinreißend: Bruno Cathomas als Zombie-Pinguin — ist ihr Verlobter. Doch der zarten Marianne, mit Hornbrille und in biederer Bluse, ist der grobe Metzger zu plump. Sie verliebt sich während der Verlobungsfeier Hals über Kopf in Nichtsnutz Alfred. Ihr Vater verstößt sie, das Karussell des Schicksals beginnt sich zu drehen.

 

Diese Kreisbewegung als riesige, hölzerne Drehbühne im schwarzen Bühnenraum umzusetzen, ist ein kleiner Geniestreich von Olaf Altmann. Nur die Mitte ist ausgeleuchtet. Es gibt keine Requisiten, keine Aufbauten. Manchmal führt das zu etwas albernen Pantomimen, wenn Alfred und Marianne sich imaginär die Zähne putzen. Es führt aber auch dazu, dass sich die Aufmerksamkeit auf die Schauspieler fokussiert. Der Spotlight wird nach einigem Klamauk für die erschütterndste Szene des Abends genutzt: Marianne steht nackt vor aller Augen. Ihr Absturz ist grenzenlos. Schutzlos, ohne auf Gnade hoffen zu können, soll sie in einem Nachtklub eine »Allegorie des Glücks« strippen.

 

Der permanente Zwiespalt zwischen Innenleben und Außenwirkung macht die Handlung aus. Besonders schön dargestellt, wenn sich das Ensemble für die Aufstellung zum Familienfoto in Tierbewegungen über die Bühne schiebt, um dann punktgenau in der Mitte in klassischer Familienpose zusammenzufinden — und reglos zu verharren: Der Schein von gutbürgerlicher Ordnung, der gewahrt wird, damit das Porträt nicht verwackelt.

 

Nach all den Demütigungen kehrt Marianne nach Hause zurück. Sie wird dem dominanten Vater und ihrem Metzger-Mann nicht entfliehen können. Die Drehbühne dreht sich trotzdem weiter, Marianne wird hier weder leben noch sterben dürfen. 

 

Was der Kölner Intendant Stefan Bachmann auf die Bühne zaubert, ist eine puristische und knallharte Abrechnung mit dem bürgerlichen Milieu. Seine »Geschichten aus dem Wiener Wald« von Ödön von Horváth zeugen von inszenatorischem Feinsinn und seinem in Köln bislang vermisstem Können für stilsichere und kluge Punktlandungen. Endlich!

 

»Geschichten aus dem Wiener Wald«,
A: Ödön von Horváth, R: Stefan Bachmann