Ewig grübelnde Typen auf der Suche nach Erinnerungen: Subbotnik | Foto: Martin Misere?

Ich-Anarchisten

Subbotnik zeigt am Schauspiel "Geh hin, ich weiß nicht wohin – bring das, ich weiß nicht was"

Manchmal  können sie explodieren. Etwa wenn Kornelius Heidebrecht auf den Konzertflügel haut, als wolle er Tschaikowskys und Mussorgskys Gesamtwerk in wenigen Sekunden erledigen. Aber meistens hat der Abend im Kölner Schauspiel eine Atmosphäre, die einem selten begegnet. Die Darsteller sind entspannt,selbstironisch. Manchmal nuscheln sie die Texte so leise, dass man sie kaum versteht. Der Titel ist keine Behauptung, sondern ein tastendes Suchen: »Geh hin, ich weiß nicht wohin — bring das, ich weiß nicht was«.
Subbotnik heißt das Kollektiv. Musiker Heidebrecht stammt aus Kasachstan, Oleg Zhukov aus der Ukraine — und dann gibt es noch einen Biodeutschen namens Martin Klöpfer. Subbotnik: Der Begriff bezeichnete in der Sowjetunion zwangsfreiwillige Arbeit an Sonntagen. Mit seinen Performances hatte das Trio Erfolge auf Off-Festivals, nun bringt es sein poetisch-schwebendes Theater ins Depot 2 des Kölner Schauspiels.

 

Eine Reise in die Ukraine ist Grundlage des Abends. Nach Odessa, Oleg Zhukovs Heimat. Er versucht, Gebäude wiederzuerkennen, trifft Leute von damals, lernt neue kennen, die beiden anderen im Schlepptau. Nur Martin wird einmal ausgeschlossen, weil so ein großer Deutscher manchen Ukrainern Angst machen könnte. Die drei erzählen von Begegnungen und Eindrücken, ihren Träumen und Ängsten, von den Folgen des Bürgerkriegs und einer erstarrten Gesellschaft. Dabei werden sie von der Schauspielerin Lou Strenger, dem Posaunisten Henning Nierstenhöfer und dem Pianisten Igor Kirilov unterstützt.

 

Auf der Bühne ist der Rohbau eines Hauses zu sehen, abgegrenzt durch einen Metallzaun, der elektronisch verstärkt spannende Klänge aussendet. Mehrere Klavier und E-Pianos sind im Raum verteilt. Der Grundgestus des Abends ist musikalisch. Der einzige zusammen hängende Text ist ein russisches Märchen, das Oleg Zhukov neu übersetzt hat. Da geht es um einen Jäger, eine schöne Frau und den Zaren. Direkte Bezüge zur Odessa-Reise gibt es nicht.
Wer sich nicht aufs freie Assoziieren einlassen mag, hat an diesem Abend wenig Freude. Wie alle Arbeiten von Subbotnik ist auch »Geh hin, ich weiß nicht wohin — bring das, ich weiß nicht was« bei jeder Aufführung anders. Die drei sehen sich eher als Band, verändern, improvisieren, probieren immer wieder etwas aus. Eine anarchische, faszinierende, sehr persönliche Form von Theater.