Hymnen der Reaktion

Bobby Conn wurde bislang als durchgeknallter Entertainer rezipiert, der in seinen Songs ein buntes Panorama aus Whitesoul, Glamrock, Easy Listening und frühem Heavy Metal bot. Auf seiner neuen Platte thematisiert er kongenial wie kaum ein anderer den Horror der Adoleszenz.

»I’m no victim and I’m not young but I’m still drifting / Through an adolescent fog that’s never lifting.«
Bobby Conn, The Golden Age

»Jeder Song meiner neuen Platte muss man sich als dampfende, schön gekräuselte Scheiße vorstellen. Nicht nur, weil ich die besten Einfälle morgens auf der Toilette habe. Wir alle sind bemüht, frisches, leckeres Zeug zu essen. Und was dann herauskommt ist extrem verdichtet, sehr konzentriert. Nur ein kleines Stückchen Scheiße gibt einem ein komplettes Bild von dem, was wir den ganzen Tag gegessen haben. So stelle ich mir meine Songs im Idealfall vor. Als eine Art besonderes Konzentrat.«
Aber Scheiße ist doch ungenießbar. Das sind doch die vom Körper ausgeschiedenen Stoffe, die er nicht mehr gebrauchen kann, die ihn belasten. Das passt doch nicht zu Deinen schön ausgeschmückten Arrangements.
»Stimmt. Lass es mich anders formulieren: meine Musik ist wie... Leber. Gänseleber. Das ist ja eine Delikatesse.«
Trotzdem sollte man davon nicht allzu viel essen.
»Du meinst wegen des rausgefilterten Giftes? Ah ja. Wir kommen der Sache näher. Meine Musik ist dann vielleicht wie Plutonium. Giftig, radioaktiv, dense and heavy. Und die Halbwertzeit ist verdammt hoch,« so Bobby Conn. Songschreiber, Entertainer, Crooner, 34 Jahre alt, wohnhaft in Chicago. Sein drittes Album, »The Golden Age«, ist just erschienen. Wenn man seine Songs hört, kunstvolle Verschachtelungen bekannter und historischer pop-musikalischer Stile, gewinnt man tatsächlich den Eindruck, diese Musik wäre schon immer dagewesen und wird auch immer dableiben. Musik, die von Geschichte gesättigt ist, ohne Retro zu sein.

Anti-nostalgische Post-Hippie-Diva

Sein erstes, noch unbetiteltes Album erschien 1997. Eine Mischung aus »White Album«-Anspielungen, Death-Metal- und No-Wave-Avancen und sehr eigenwilligen Funkadaptionen. Eine merkwürdige Platte. 1998 folgt »Rise Up«. In einem Interview mit Spex erweist sich Bobby Conn als pointierter Kritiker der Nostalgie: »Nostalgie ist die Sehnsucht nach Konformität, nach Hingabe gegenüber der Autorität, der Zeit als die Erziehungsberechtigten über das Autoradio herrschten.«
Zu »Rise Up« gibt es auch ein Video. Es ist wie ein Ausschnitt aus einer billigen 70-er-Jahre-Show, gedreht auf schlechtem Filmmaterial und mit Komparsen, die offensichtlich direkt aus der Post-Hippie-Ära in die Jetztzeit gebeamt wurden. Bobby ist die Diva. Er tanzt, singt, schreit, leidet theatralisch. Nur eben nicht synchron zum Playback und schon gar nicht in die richtige Kamera blickend. Das kann man lustig finden. Es ist aber ein Albtraum. Ein Beitrag über die Unmöglichkeit von Glamour. Der Mann nimmt seine Sache sehr ernst. Auf der 99er EP »Llovessongs« schluchzt er im Falsett zu einem Kinderpiano »I can’t liiiiiiiiiivvve / If living is without youuuu/ I can’t giiiivvee anymoooore/ Oh no«. In einer Welt, die nur ein wenig anders aussähe, wäre er ein Star.
Jetzt also »The Golden Age«. Auf dem Cover ist eine gemalte pralle Orange. An einer Stelle ist sie aufgepellt. Aus ihr heraus läuft ein stilisierter Bobby Conn in Badehose, an der Hand eine schöne Frau. Im Inneren der Orange erblickt man blauen Himmel, weißen Strand, brandendes Meer. Der Hintergrund der Orange ist schwarz.

Ein persönlich imaginiertes Goldenes Zeitalter

Man kann doch von einem Goldenen Zeitalter immer nur dann sprechen, wenn es vorbei. Das Golden Age ist doch eine rein retrospektive Angelegenheit.
»Das stimmt schon. Es ging mir aber nicht um DAS goldene Zeitalter. Es gibt so viele davon, z.B. meine behütete Jugend in einem Chicagoer Suburb, die TV-Commercial-Musik der späten 60er Jahre, der Heavy Rock der frühen 70er, als noch niemand den Punkfuror ahnte. Auch die späten 90er sind so ein goldenes Zeitalter. Eine Epoche des Stillstandes. Mir ging es darum, diese ganzen Epochen auf ihre musikalische Essenz und ihren juvenilen Impetus hin zu untersuchen. Diese Platte dreht sich aber vor allem um Adoleszenz. Und Nostalgie ist vielleicht der wichtigste Part der Adoleszenz. Ich verbrachte den Großteil meiner Jugendzeit damit, mir zu wünschen, am liebsten fünf, sechs Jahre älter gewesen zu sein. Ein Leben in einem persönlich imaginierten goldenen Zeitalter.« Das sagt Bobby Conn am ersten Oktober in einem schmucken Kölner Hotel. Nichts liegt in diesem Herbst so fern wie jene 90er Jahre.
»Als ich die Arbeit an meinen Songs beendet hatte, endeten die 90er sehr drastisch. Ich schrieb die meisten Songs 1999 und arrangierte sie letztes Jahr. Als die Börse im April 2000 zum ersten mal crashte, war das schon ein deutliches Zeichen. Seit dem 11.9. gibt es keine Zweifel mehr. Die Kaugummi-Blase ist geplatzt. Die Songs auf dem Album drehen sich um die Frage: Wie ist das Leben in so einer Blase?«
Die Antwort lässt wenig zu wünschen übrig: »And we’ll be golfing for our charities/ Playing bingo with our memories/ They always kiss your ass when you live in the past/ And we’re lost inside the best years of our lives«, heißt es in »The Best Years Of Our Lives«.
»Zu jeder Dekadenz gehört auch ein schlechtes Gewissen. Zu jeder Selbstgefälligkeit das whistling in the dark. Und in jedem emphathischen Schrei ›Ich bin der Größte‹ steckt Angst.«
Das Witzige ist, dass seine Musik überhaupt nicht zynisch oder düster klingt. Er mag sie gerne leicht und fluffig. Er liebt Softjazz, Tropicalismo, vergessene The-Who-Platten aus den frühen 70er Jahren, exaltierte Stimmen, leicht verstrahlte Pianoakkorde. Und er liebt abwechselungsreiche Arrangements, fast jeder Song ist eine kleine Suite. »The Golden Age« macht dies alles hörbar.
Manchmal wird es sogar richtig uplifting. Dann möchte man mit Bobby skandieren: »Revolution! Revolution!« Zu dumm aber auch. Der Song heißt »No Revolution«, der Text ist eine sarkstische Apologetik des Bestehenden, eine Hymne der Reaktion: »And I don’t really want to change it, ‘cuz I like it just like that/ I’m a shark that can’t slow down, if I do I’ll surely drown/ Paranoia makes me move/ If you’re waiting for a sign/ Armageddon action time/ There will be no revolution, no revolution here«.

Groteske, überzeichnete Systemkritik

»Wenn ich live spiele, gibt es eine Menge Leute, die sagen: Diesen Revolutionssong, den finde ich richtig gut. Das ist halt die Kraft der Musik. Wenn Du die Songs auf den Punkt genau hinbekommst, dann interessiert der textliche Bestandteil kaum noch. Bei mir stehen die Texte diametral zum musikalischen Impact. Schwere Texte, leichte Musik – das geht nicht wirklich zusammen. Ich wüsste nicht, wie ich es anders machen könnte. Das ist ein Grund, warum ich mich so für das Scheitern interessiere. Wir alle scheitern irgendwann. Das verbindet. Der Markt produziert nur Sieger und Verlierer, bzw. genau einen Sieger und unzählige Verlierer.«
Also ist das Ziel Deiner Musik eine Konfrontation, z.B. des rohen Lebens mit schöner Musik? »Nein, würde ich nicht sagen. Ich stehe lieber am Zaun und gucke zu. Es ist schon sehr lächerlich, zu einem Entertainer aufzuschauen und ernsthaft eine angemessene Analyse von Politik und Macht zu erwarten. Hör Dir nur ›Streetfighting Man‹ von den Rolling Stones an. Ein ziemlich degenerierter Song von großmäuligen Jungs, die am Ende doch nur Rock’n’Roll spielen wollen. Trotzdem: Der Song ist richtig Arsch tretend. Ich möchte ihn nicht missen. Aber sehen wir der Realität ins Auge. Was Mick Jagger über die Welt denkt, ist komplett unwichtig.«
Bobby Conn möchte nicht auf Spaß verzichten und auch nicht auf Politik und Systemkritik. Er weiß aber, dass die Zeiten des einfachen, unbeschwerten Spaßes vorbei sind (vielleicht schon immer vorbei waren) und dass Systemkritik im Popkontext nur allzu schnell von der Kulturindustrie aufgesogen wird. Nur als Groteske, als Überzeichnung und Perversion finden Spaß und Politik in seinen Songs Eingang. Vielleicht die zur Zeit letzte Arbeitsweise, doch noch beides zusammen innerhalb des Korsetts eines strengen Arrangements zu artikulieren.

Bobby Conn, »The Golden Age« ist soeben auf Thrill Jockey/ EfA erschienen. Im Januar ist er auf Tour.