Yuri Englert, 38, als er selbst

»Theater ist nicht Popkultur«

Der Schauspieler Yuri Englert im Gespräch über seine Arbeit am Schauspiel Köln

Yuri Englert, mit dem Angela Richter, Hausregisseurin am Schauspiel Köln, seit fast zwanzig Jahren zusammenarbeitet, ist eine Art Prototyp für deren Recherche-Diskurs-Theater. Sein Spiel tappt nicht in die Authentizitätsfalle: Stellt er seine Rolle aus, dann kommentiert er sie elegant subversiv. In Stefan Bachmanns-Stadttheater-Ensemble ragt Englert deshalb heraus, nicht nur wegen seiner Jarvis-Cocker-Brille und seiner Körpergröße. Es ist die sympathische Süffisanz eines Pop-Kultur-Dandys, die auffällt. Jetzt steht der 38-Jährige wieder unter der Regie von Angela Richter auf der Bühne: »Silk Road«, ein Stück über die Seidenstraße im Netz für Drogen, Hacker-Software und gefälschte Ausweisdokumente.

 

Sie waren jahrelang in der Freien Szene tätig, Köln ist Ihr erstes Fest-Engagement am Stadttheater. Was ist anders?

 

Am Stadttheater wirken andere Spannungsfelder. Wir werden hier ständig neu zusammengewürfelt, vorher habe ich immer in einem kleinen, gewachsenen Team gearbeitet. Das hier ist herausfordernd, aber auch motivierend. Und sicherlich genieße ich, dass ich keine Arbeit mehr suchen muss. In Köln ist sie einfach da. Dieses Sicherheitsnetz tut gut. Du wirst öfter aufgefangen, wenn du Scheiße baust. Das meine ich rein subjektiv. Anderseits sehe ich auch die Gefahr, die Dringlichkeit zu verlieren und sich dann auf dem auszuruhen, was man hat.

 

Wäre Ihre Entscheidung für Köln auch gefallen, wenn es die Möglichkeit mit der Regisseurin Angela Richter zusammenzuarbeiten nicht gegeben hätte?

 

Das wäre meine Bedingung gewesen, dass ich die Arbeit mit ihr fortsetzen kann. Ansonsten hätte ich es wohl nicht gemacht. Die Arbeit mit Angela Richter ist wie eine Symbiose, eine gute. Sie beißt sich mit ihrem Recherche-Theater in Themen rein, die relevant sind, die einen direkten Bezug zum tagesaktuellen Geschehen haben. Es sind moderne Klassiker, die sie schafft. Die Stoffe waren nicht vor 400 Jahren aktuell, sondern sind es heute. Es geht um das Jetzt.

 

Was macht das mit Ihrem Selbstverständnis als Künstler?

 

Ge­schichte ist gut, aber Aktuelles geht mich mehr an. Der Schutz der Privatsphäre zum Beispiel, das große Thema von »Supernerds«. Das ärgert mich! Ich finde es gut, dass wir mit unserer Arbeit digitale Dissidenten unterstützen. Und ich lerne sehr viel, weil wir uns lange und intensiv mit Inhalten befassen. Man bekommt von Angela Richter so einen fetten Block Hintergrundwissen serviert. Es ist super, jemanden wie Bob Andrews zu haben, der einem das Material liefert. Ich würde vielleicht vorher aufgeben, weil ich denke, es reicht jetzt.

 

Die Proben für »Silk Road« haben begonnen. Ist das so ein typisches Projekt?

 

Es wird nicht auf Interviews basieren wie bei »Supernerds«, »Brain and Beauty« oder »Kippenberger«. Im Mittelpunkt steht das Darkweb mit der exemplarischen Geschichte von Ross Ulbricht. Er hat die Untergrund-Handelsplattform »Silk Road« aufgebaut. Das ist die Basis, die mit Fiktion angereichert wird und mit ›Echtem‹. Nämlich mit dem, was es zu finden gibt in diesem Internet — in den neunzig Prozent, die nicht per Index von Google durchsucht werden können.

 

Wie verlaufen die Proben? Ent­wickeln Sie Texte und Rollen zusammen?

 

Es muss eine Form gefunden werden, ein Leitfaden. Sonst wird es diffus. Die Regisseurin ist die Architektin des Abends. Aber man ist als Akteur gleichberechtigt und kann Vorschläge einbringen. Die guten Vorschläge werden meist angenommen. Manchmal spielt auch Improvisation eine Rolle. Entweder, weil der Text noch nicht so sitzt oder aus Prinzip. Das hängt aber immer von der Tagesform ab, in der man arbeitet.

 

Wie sehr unterscheidet sich diese Herangehensweise von Rollen, in denen Sie unter der Regie von Stefan Bachmann, Moritz Sostmann oder Raphael Sanchez zu sehen sind?

 

Bei klassischen Stücken ist die Arbeit sehr fokussiert auf die Schauspielerei. Du bist gut, wenn du gut als Schauspieler funktionierst und all deine Konzentration und Energie in deine Rolle steckst. Das sind fantastische Menschen, mit denen ich arbeite. Jeder bringt ein ausgefeiltes Konzept mit. Da mitzugehen, sich von außen gestalten zu lassen und darin aufzugehen, das zu füllen, das finde ich gut. Das ist der Unterschied, die volle Konzentration auf seine Nische.

 

Was haben Sie dadurch gelernt?

 

Dadurch habe ich viel über die Wiederholung gelernt. Ich hab Stücke noch nie so oft gespielt wie hier. Ich lerne mir das Wiederkäuen schmackhaft zu machen. Dass ich nicht mich selbst anöde und auch nicht das, was auf der Bühne passiert. Mit ist das sehr wichtig. Dass die Arbeit ein work in progress bleibt, obwohl es Verabredungen gibt. Idealerweise kommt jeden Abend etwas Neues dazu; ein Problem, das gelöst werden muss.

 

Kritiker beschreiben Sie gerne als Popkultur-Dandy, weil Sie eine markante Brille und Anzüge tragen, aber auch weil Ihr Spiel durch eine gewisse ironisch-elegante Distanz auffällt. Begreifen Sie sich als Teil von Pop?

 

Theater war nie Popkultur. Außer vielleicht mit Christoph Schlingensief. Er war der Popstar, ich bin das nicht. Man kleidet mich gern in Anzüge, weil es gut aussieht. Das kann man mit meiner Körpergröße machen. Für mich ist dieser Kleidungsstil einfach. Ich muss nicht viel nachdenken. Es ist eine Art Uniform. Ich trage Hemd, Pulli, ein Sakko und fertig. Die Brille, die ich trage, ist meine erste Brille, an ihr halte ich seit vier Jahren fest. Irgendwann habe ich Gesichter nicht mehr erkannt. Jemanden übersehen, das gibt es ja in der Theaterszene, wenn es mir passieren sollte, dann aber mit Absicht.

 

»Silk Road«, A+R: Angela Richter, 29.4. (UA),Schauspiel Köln im Depot 2, 20 Uhr