Es ist ein kleines Holzscheit in der Form eines dreiseitigen Prismas, das, kaum hoch, doch lang, als Keil dazu dient, eine aufgesperrte schwere Tür zu hindern, wieder ins Schloss zu fallen, dergestalt dass es, also das Holzscheit, mit einem Fußtritt in den Türschlitz am Boden eben dieser Tür getrieben wird. Dieses Holzscheit, wir wollen es Türkeil nennen, ist hilfreich, muss man etwas Großes durch die Tür hindurch befördern und hat dabei naturgemäß keine Hand frei, um die Tür auf zu halten. Ein solcher Türkeil lag in dem Haus, wo ich wohne, stets im Fahrradkeller, neben der Tür, wie ein Hündchen, das sich zu seinem Herrchen legt. Ich nutzte den Türkeil täglich, wenn ich mein Fahrrad aus dem Keller hinaus schob. Wie ein alter Herr mit guten Manieren, hielt mir der Türkeil die Tür auf. Doch Dank hörte er nie. Verließ er uns deshalb? Eines Tages fehlte der Türkeil.
Wie war das zu erklären? Ein Türkeil verschwindet doch nicht so mir nichts, dir nichts! Doch schien das niemanden zu stören. Die Menschen denken: Ach, so ein einfacher, kleiner Türkeil, jetzt isser futsch, aber irgendwer wird wohl einen neuen hinlegen... Doch die Tage vergingen, und sie blieben türkeillos. Mühsame Tage waren es, mit Fahrrädern und schweren Türen, die ins Schloss fallen wollten.
Da sagte ich mir: So einen Türkeilschwund, den darf man doch nicht auf sich beruhen lassen! Man muss sich überwinden, im Haus an jeder Wohnungstür zu klingeln — und wird sie nicht geöffnet, so kommt man später wieder und klingelt erneut —, um zu erfragen, ob da jemand ist, der jenen Türkeil »bloß mal eben ausleihen« wollte und dann, man hat ja so viel um die Ohren, vergaß, ihn neben die schwere Tür zurückzulegen. O ja, ich klingelte und klingelte und blickte doch nur in ratlose Gesichter. »Wusst ich nicht, dass wir sowas haben, hab auch kein Fahrrad, geh immer vorne raus zum Auto«, kam da zur Antwort.
Na! Das klang auswendig gelernt! Hatte sich da nicht womöglich jemand eine Ausrede zurechtgelegt? Und Schröders im dritten Stock — die machten gar nicht auf! Was geschah hier? War das alles erst der Anfang von etwas viel Größerem? Ein Epos von altgriechischem Ausmaß, das mit dem Verschwinden eines Türkeils beginnt, und in dem ich, in die Rolle des Türkeilsuchenden gedrängt, unverstanden und verspottet, am Ende, nach all den Fährnissen und Abenteuern, im kalten Wind auf Trümmern kauernd, ein gebrochener Held, in die Leere rufe: »Höret, ihr Alten, die ihr euch zu erinnern vermögt!/ Seid eingedenk der goldenen Zeit/ Jener Zeit, da es den Türkeil noch gab/ Und ihr ihn noch kennen durftet, bevor er verschwand!/ Ich klage euch an!/ Warum, ihr Frevler, schöpftet ihr keinen Verdacht, als der Türkeil uns gestohlen ward?/ Wie töricht seid ihr Unglücklichen doch!/ Denkt nur, wie wir heute noch lachen, tanzen, trinken würden/ Wären wir damals nur aufmerksamer gewesen!/ — Nun aber leben wir Verdammten ohne Türkeil und ganz ohne Hoffnung!«
Wie ich da so im Keller stehe, kommt Herr Schröder vom dritten Stock und fragt, was ich da denn vor mich hinbrabbeln würde? Er sei heut Nacht mit der Familie aus dem Urlaub zurückgekommen und das verdammte Holzklötzchen ist weg, und das ganze Gepäck reintragen ohne Holzklötzchen, also ist die Erholung schon wieder passé und er hat so’nen Hals! Er fahre jetzt Baumarkt, wegen dem Holzklötzchen, und er kann sich auch schöneres vorstellen, und überhaupt, die Zustände im Haus werden ja immer schlimmer... — Und dann ging Heerr Schröder grußlos, nicht durch die schwere Tür, sondern vorne raus, zum Auto. Herr Schröder, mürrischer Gott aus der Maschine. Der alte Holzscheit fand sich später doch noch, jetzt haben wir einen in Reserve, Herr Schröder hat ihn an sich genommen.







