Im Trubel auf ihrer überlasteten Station wirkt die Neurologin Alexandra wie ein Fels in der Brandung: kompetent, nervenstark, selbstbewusst. Doch im Lauf des fulminanten Langfilmdebüts der Dänin Zinnini Elkington geschieht etwas, was die Ärztin völlig aus dem Tritt bringt.
Eine neue, unsichere Assistenzärztin bittet Alexandra um eine zweite Meinung bei der Diagnose eines 18-Jährigen. Dessen Zustand scheint nicht mehr kritisch; Alex gibt Entwarnung und schickt den Jungen und seine besorgte Mutter nach Hause. Zu früh, wie sich herausstellt: Bald darauf fällt der Patient ins Koma, und möglicherweise wird er nicht mehr erwachen. Für Alexandra, die zuvor so selbstsicher war, ist danach nichts mehr sicher: Hätte sie weitere Untersuchungen anordnen müssen? Was soll sie der verzweifelten Mutter sagen? Je mehr die Hoffnung für den Patienten abnimmt, umso dringender das Bedürfnis, Verantwortung von sich weisen zu können.
Der internationale Verleihtitel von »Nachbeben«, »Second Victim«, nimmt Bezug auf das »Second Victim Phänomen« (SVP), das in der Medizin die psychische Belastung von Ärzt*innen und Pflegenden bezeichnet, die nach schlimmen Erlebnissen oder Fehlern in der Patientenbehandlung ihrerseits traumatisiert sind. Zinnini Elkingtons Drama erfüllt diesen Begriff schmerzhaft mit Leben. Wie in vielen Krankenhausdramen und -serien der letzten Jahre geht es dabei auch um die Kritik an einem Gesundheitssystem, dessen Unterfinanzierung die Mitarbeitenden enorm unter Druck setzt und Fehler geradezu provoziert. Die Systemkritik steht hier indes nicht im Mittelpunkt. Stattdessen geht es letztlich um den Umgang mit den Grenzen, die uns Menschen gesetzt sind: um die Akzeptanz der eigenen Fehlbarkeit und damit, dass trotz allem, was Medizin und Medizintechnik heute können, der Tod in letzter Konsequenz doch unbeherrschbar bleibt.
Elkington findet dafür eine Filmsprache, die atmosphärisch mit den Schauplätzen arbeitet und die Hektik des Krankenhausalltags ebenso suggestiv einfängt wie die ruhigen Momente, in denen es um Angst, Trauer und das Ringen mit Schuld geht. Dabei kann sich die junge Regisseurin auf ein herausragendes Darsteller-Ensemble verlassen, das angeführt von Özlem Saglanmak und Trine Dyrholm die Zuschauer*-
innen auf eine wahre emotionale Tour de Force mitnimmt.
DK 2025, R: Zinnini Elkington, D: Özlem Saglanmak, Trine Dyrholm, Mathilde Arcel Fock, 92 Min. Start: 7.5.






