»Sirens Call« lässt sich Zeit und zieht einen trotzdem schnell rein. Una (Gina Rønning), eine Meerjungfrau in menschlicher Gestalt, driftet durch die USA, als wäre alles ein bisschen zu trocken, zu laut, zu falsch. New York, Florida, Portland: keine Etappen, eher Reibungsflächen. Ihr Körper macht nicht mit, die Luft sowieso nicht. Erst durch ihre Begegnung mit der jungen Moth (Moth Rønning-Botel) und einer Meervolk-Community im Nordosten der USA kippt etwas. Plötzlich geht es weniger um die Frage, wer sie ist, als darum, mit wem und in welchem Umfeld sie existieren kann.
Miri Ian Gossing und Lina Sieckmann, beide Absolventinnen der Kunsthochschule für Medien Köln, folgen in ihrem hybriden Regiedebüt, teils Sci-Fi, teils Dokumentarfilm, über die Meervolk-Subkultur keiner klassischen Dramaturgie. Körnige 16mm-Bilder, flirrende Farben, Wassermotive, Off-Stimmen, Interviews, inszenierte Momente — alles gleitet ineinander. Der Film interessiert sich nicht für klare Linien, sondern für Übergänge. Für Körper, die sich entziehen. Für Identitäten, die nicht stillhalten. Für Realitäten, die gemacht sind.
Das funktioniert vor allem dann gut, wenn »Sirens Call« seinen Figuren Raum gibt. Die Merfolk-Community ist kein exotischer Blickfang, sondern ein politischer Ort. Hier wird über Traumata gesprochen, über Begehren, über das Bedürfnis, sich selbst neu zu erfinden. Ohne Pathos, ohne pädagogischen Ton. Gleichzeitig bleibt »Sirens Call« bewusst sperrig. Manche Passagen ziehen sich, verlieren Fokus, kreisen um sich selbst. Hier wird nicht geglättet, sondern das Schöne im Unfertigen gesucht.
Dass das Ganze aus einem Kölner Kontext kommt, passt ziemlich gut. Gossing und Sieckmann arbeiten mit ihrem Kollektiv seit Jahren zwischen Kunst und Film, zwischen Subkultur und Theorie. Produziert von der Firma filmfaust, die mit Cem Kayas »Liebe, D-Mark und Tod« und zuletzt Mehmet Akif Büyükatalays »Hysteria« auf sich aufmerksam gemacht haben, steht »Sirens Call« genau dort, wo es hingehört: an einer Schnittstelle, an der neue Bilder für gesellschaftspolitische Debatten entstehen. Am Ende bleibt kein geschlossenes Statement, sondern eine Haltung: Dass Identität nichts Festes ist, dass Zugehörigkeit verhandelbar bleibt. Und dass es vielleicht mehr Sinn ergibt, sich treiben zu lassen, als krampfhaft irgendwo anzukommen.
D/NL 2025, R: Miri Ian Gossing, Lina Sieckmann, D: Gina Rønning, Moth Rønning-Botel, 121 Min., Start: 30.4.






