Im Sportinternat überstrahlt das junge Boxtalent Camille alle anderen Athleten. Er ist wendig, schnell und ausdauernd im Einstecken von Prügel, bevor er seine Gegner meist mit einem Knockout besiegt. Was innerhalb des Rings gilt, setzt sich in Umkleidekabine und auf Pausenhof wie Schulfluren fort. Ansehen und Respekt sind an Stärke und Überlegenheit gebunden. Und muss man doch einmal ein paar Tränen vergießen, dann allein beim Hören eines besonders herzzerreißenden Lieds.
Im neben dem Internat gelegenen Wald gelten andere Regeln. Die Körper, die gerade noch eingeölt vor der Mobilkamera zur Schau gestellt wurden, lockern sich und lassen sich treiben. Seit der Kindheit füttern Camille und sein bester Freund und Boxkamerad Matteo junge Füchse und beobachten sie bei ihren Sprüngen zu den an Ästen baumelnden Fleischstücken. Bei einem dieser Streifzüge stürzt Camille zehn Meter in die Tiefe. Der Freund kann ihn retten und die Verletzungen sind nach einer Notoperation überraschend schnell ausgeheilt. Aber der Körper gehorcht ihm nicht mehr. Panikattacken überkommen ihn, begleitet von Zittern und Schmerzen, für die es keine physiologische Ursache gibt. Möglicherweise hat der Unfall bei Camille ein Trauma wiedererweckt.
Für Verletzlichkeit ist in der Welt des Boxens kein Platz — »Schmerzen gehören zum Spitzensport«, heißt es vom Trainer. Camille, eindrucksvoll verkörpert von Samuel Kircher, versucht seine Angst zu verbergen und findet Wege, dem Training zu entfliehen. In der Gruppe gerät er immer mehr zum Außenseiter, Verachtung schlägt ihm entgegen und gefährdet seine Freundschaft zu Matteo. Emanzipativer Gegenpol zur Testosteron-Bubble ist einzig die Taekwondo-Athletin Yas, die von Wettbewerb nicht viel hält. Sie geht zum Trompete spielen in den Wald.
»Wild Foxes«, das Debüt des belgischen Filmemachers Valéry Carnoy, verbindet den harten Körperfilm mit dem psychologischen Drama. Auf der Tonspur treiben leicht sägende Streicherklänge den Puls an. Der Plot folgt einer klassischen Dramaturgie von Aufstieg, Fall und Wiederaufstehen. Doch in keinem Sportfilm war Letzteres so sehr mit der Diagnose eines systemischen Versagens verbunden. Carnoy zeichnet das Porträt einer patriarchalen, fast kriegerischen Ordnung, die tief in die Körper wirkt.
(La danse des renards) B/F 2026, R: Valéry Carnoy, D: Samuel Kircher, Faycal Anaflous, Jef Cuppens, 94 Min. Start: 7.5.






