Es ist ein Kalauer der Kölner Verkehrspolitik: der Radschnellweg von Köln nach Frechen. Auf der 8,4 Kilometer langen Route sollte man in 22 Minuten von der Innenstadt über Lindenthal und Marsdorf bis zum Frechener Bahnhof radeln können. Ein Meilenstein für die nachhaltige Mobilität im Kölner Westen und eines der ersten Projekte seiner Art in Nordrhein-Westfalen — das jedenfalls war die Idee, als die Planungen 2013 anliefen. Doch zunächst passierte auf der Strecke mehr als zehn Jahre gar nichts. Und dann wurde das einstige Vorzeige-Projekt im vergangenen Jahr auch offiziell stillgelegt.
2021 hatte das NRW-Verkehrsministerium einen neuerlichen Nachweis für die Wirtschaftlichkeit des »RS 6«, der mit bis zu 80 Prozent vom Land finanziert werden soll, eingefordert. Hintergrund waren gestiegene Baukosten in Folge der Corona-Pandemie und neue bundesweite Richtlinien zur sogenannten Nutzen-Kosten-Analyse von Radschnellerbindungen. Unter den veränderten Bedingungen war die Verbindung von Köln nach Frechen, für die ursprünglich 38,2 Mio. Euro für den Bau und 1,4 Mio. Euro für die Planung veranschlagt worden waren, nicht mehr förderfähig. Das mussten Stadt Köln und der Landesbetrieb Straßen NRW, mittlerweile gemeinsam zuständig für den Radschnellweg, vor einem Jahr zerknirscht einräumen. Zwar beteuerte die Stadtverwaltung seinerzeit, dass das Projekt nicht eingestampft werde. In der Kölner Politik und in Verkehrsinitiativen rechnete aber kaum jemand mehr damit, dass der Radschnellweg noch kommen würde.
Für uns war überraschend, dass in das Thema noch mal Bewegung gekommen istChristoph Schmidt, ADFC
Doch dann gab die Stadtverwaltung Ende April bekannt, dass das Projekt mittlerweile wieder auf einen positiven Nutzen-Kosten-Faktor komme. Denn erneut hat sich die Berechnungsgrundlage verändert. Das NRW-Verkehrsministerium unter Minister Oliver Krischer (Grüne) habe »kurzfristige Möglichkeiten zur Anpassung der Methodik identifiziert«, hieß es in einer Stellungnahme im Kölner Verkehrsausschuss. Die Wirtschaftlichkeit der bereits geplanten Radschnellverbindungen in NRW, die sich etwa an eingesparten Emissionen oder sinkenden Unfallzahlen bemisst, war daraufhin im März erneut geprüft worden. Das Ergebnis für die Route nach Frechen: Die Planung könne »auf dieser Grundlage fortgesetzt werden«. In der Kölner Stadtverwaltung geht man davon aus, dass man »mit der Entwurfsplanung Anfang 2027 starten kann«.
»Für uns war es überraschend, dass in das Thema noch mal Bewegung gekommen ist«, sagt Christoph Schmidt. »Ich gehe davon aus, dass es wieder realistisch ist, dass der Radschnellweg kommt.« Für den Vorsitzenden des ADFC Köln eine überfällige Entwicklung. Schmidt betont die Bedeutung von Radpendlerrouten, um den Autoverkehr in der Kölner Innenstadt zu reduzieren. »Der Verkehrsmix bei Pendlern ist wesentlicher schlechter als in der Innenstadt. Das bedeutet aber auch: Köln hat im Pendlerverkehr ein riesiges Potenzial.« Derzeit seien vielen Menschen, deren Wohnort nicht ans ÖPNV-Netz angebunden ist, aufs Auto angewiesen. »Das Angebot für Radpendler ist schlecht. Dementsprechend wird es schwach genutzt«, sagt Schmidt. Radschnellwege sollen das ändern. Für die Verbindung Köln-Frechen, die an Universität, Uni-Klinik, Rheinenergiestadion und dem Gewerbegebiet Marsdorf entlangführt, rechnet der Landesbetrieb Straßen NRW mit bis zu 6.300 Radfahrten pro Tag — mehr als fünfmal so viele wie derzeit.
Christoph Schmidt hofft, »dass wir jetzt schnell eine Entscheidung treffen«: Kommt der Radschnellweg nach Frechen oder nicht? Der Schwebezustand habe für »völligen Stillstand auf einer wichtigen Pendlerachse« gesorgt. Denn in den vergangenen Jahren konnten an der Strecke keine Verbesserungen für Radfahrer vorgenommen werden, ohne die finanzielle Förderung des Landes zu gefährden. »In dem Moment, in dem man etwas an der Strecke optimiert, wird der Kosten-Nutzen-Faktor schlechter«, erklärt Schmidt. Doch liegt für die Route einmal ein positiver Förderbescheid vom Land vor, kann man sie in Abschnitte untergliedern — und mit ersten Arbeiten beginnen. Auf diese Möglichkeit hat die Kölner Stadtverwaltung jüngst ausdrücklich hingewiesen.
Christoph Schmidt vom ADFC ist zwar erfreut über die jüngste Entwicklung beim »RS 6«. Aber er verweist auch auf eine Untersuchung des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie, nach der der Autoverkehr in Köln auf ein Drittel des heutigen Niveaus sinken und dieses Drittel wiederum zu drei Viertel ohne fossile Brennstoffe betrieben werden müsse, damit Köln bis 2035 klimaneutral ist. »Und wir diskutieren jetzt seit über zehn Jahren über eine Verbindung für Radpendler in eine einzige Nachbarstadt.«







