Kalk gegen Dortmund

Das Migrationsmuseum »Selma« soll nun doch in Kalk entstehen — stark verkleinert. Ist Köln noch der richtige Standort?

Richtig glücklich war mit dem Vorschlag niemand: Das Museum »Selma«, das die Geschichte der Migration in Deutsch­land erzählen soll, sollte an den Neumarkt ziehen und sich das dortige Gebäude mit dem Rauten­strauch-­Joest-Museum und dem Schnütgen-Museum teilen. Diese Idee zogen der Träger­verein Domid und die Stadt Köln aus dem Hut, weil der vorgesehene Standort in den Hallen Kalk nicht mehr infrage kam — zu schlecht ist der Zustand der Industrie­halle, zu stark sind die Bau­kosten gestiegen. 33 Mio. Euro fehlen dem von Bund und Land geförderten Projekt.

Doch kaum hatte der Rat im März für die Not­lösung am Neu­markt gestimmt, hatte sich der Plan schon wieder zerschlagen: Für eine Umsetzung am Neu­markt, so die Bezirks­regierung Köln, wäre wohl ein neues Vergabe­verfahren nötig. Das aber wäre im Rahmen des bestehenden Förder­antrags nicht möglich. Domid machte nun die Rolle rückwärts: Selma soll doch nach Kalk — in einer stark verkleinerten Variante.

Wir prüfen aktuell, ob eine reduzierte Variante im Rahmen des bewilligten Antrags möglich istTimo Glatz, Domid

»Selma soll kein Ort der Vitrinen sein, sondern des Austauschs, eingebunden ins Veedel«, sagt Elizaveta Khan, Vorsitzende des Integrations­hauses gegen­über den Hallen Kalk. Dorthin hat die Initiative »Selma bleibt«, die als Reaktion auf die Neumarkt-Pläne gegründet wurde, zur Presse­konferenz geladen. Viel kölsche Prominenz ist gekommen, um Unterstützung für das Migrations­museum am Stand­ort Kalk zu demonstrieren, darunter Kabarettist Wilfried Schmickler oder Kultur­veranstalter Jan Kraut­häuser. »Der Druck muss so groß werden, dass die Stadt nicht mehr davon weg kann«, so der Historiker Fritz Bilz.

Es fallen alle denk­baren Argumente für Kalk: Hier wäre das Museum an dem Ort, an dem die Arbeits­migration ihren Ursprung hatte, und es wäre ein Anker für die gemein­wohl­orientierte Stadt­ent­wick­lung im Viertel, ja im gesamten Rechts­rheinischen.

Auch aus der Politik kommt Unter­stützung. »Die Frage des Standorts ist nicht banal, die Nach­bar­schaft in Kalk hat zum Konzept des Museums beitragen«« so ­Brigitta von Bülow (Grüne) im Kultur­ausschuss. Nun müsse die Stadt Domid unter­stützen, die kleinere Lösung in Kalk zu verwirk­lichen, fordern alle demo­kratischen Fraktionen — obwohl Lorenz Deutsch (FDP) Bedenken hat und sagt: »Dass es mit einer Verkleinerung auch zu einer deutlichen Kosten­einsparung kommt, erschließt sich mir nicht.« Die Halle müsse ja trotzdem saniert werden, der Zeitdruck sei hoch. Liegen Antrags­unterlagen und Nutzungs­konzept zum Jahres­ende nicht vor, verfallen die Förder­mittel. Zwar beauf­tragte der Rat die Verwaltung im Mai, sich bei Bund und Land für eine Verlängerung der Förder­frist ein­zu­setzen. Doch die wurde vom Bund schon einmal um ein Jahr verlängert.

»Wir prüfen aktuell, ob eine reduzierte Variante im Rahmen des bewilligten Antrags möglich ist«, sagt Timo Glatz von Domid. Falls ja, werde man ein Konzept entwickeln und Planungs­mittel beantragen. »Es wird bedeuten, dass wir stark ins Raum­programm eingreifen müssen.« Hält Glatz eine Frist­verlängerung für realistisch? »Entscheidend ist, dass viele sich hinter das Projekt stellen, auch auf Bundes­ebene.« 

Glatz betont, dass Kalk dem Träger­verein am Herzen liege. Dabei gab es bei Domid früher andere Vor­stellungen. Der Verein fertigte Pläne für ein Museum, das als »Brücken­schlag zwischen den Kulturen« in eine Fuß­gänger­brücke über den Rhein zwischen Bastei und Rhein­park integriert war; auch der Ebertplatz war im Gespräch. Wäre also ein anderer Standort nicht besser, wenn in Kalk nur eine Mini-Variante möglich ist? »Wir sind an die Halle 70 in Kalk gebunden, etwas anderes ist innerhalb der Förder­mittel nicht möglich«, sagt Glatz. Wäre das anders, könnte das Museum nicht nur außerhalb von Kalk entstehen, es könnte auch in Hamburg oder München sein. Schließ­lich geht es um die bundes­weite Migrations­geschichte.

Auch Essen war bereits als Standort im Gespräch, im besonders stark von Arbeits­migration geprägten Ruhrgebiet. Wie blickt man dort auf die Debatte? Die Haushalts­lage sei auch bei ihnen angespannt und eine belastbare Aussage deshalb schwer möglich, teilen SPD-Politiker aus Dortmund, Gelsenkirchen und Duisburg mit, die dort in den Stadträten jeweils die stärkste Fraktion anführen. In Gelsenkirchen und Dortmund aber zeigt man sich angetan von der Idee. Ruhrbergbau, Stahl­industrie — die Geschichte der Migration sei »tief in der Stadtgesellschaft verankert«, so Carla Neumann-Lieven, SPD-Fraktions­chefin in Dortmund. Das Museum »würde hier auf echten Resonanz­boden treffen.« Sollte die Stadt sich als alternativen Standort anbieten? »Die Diskussion sollten wir führen. Eine Stadt wie Dortmund sollte nicht warten, bis sie gefragt wird.« 

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