Meine Frau weint

Angela Schanelec erweist sich einmal mehr als Ausnahmeerscheinung im deutschen Kino

Drei Tage im Leben von Thomas und Clara. Er arbeitet auf einer Baustelle, sie in einem Kindergarten. Sie haben sich voneinander entfremdet, durchleben eine Krise. Letztlich erzählt der neue Film von Regisseurin Angela Schanelec (»Music«) eine Art Kolportage-­Geschichte. Clara hat mit David einen Tanzkurs besucht, für den Thomas nicht zu haben war. Vermutlich haben sie eine Affäre begonnen. Als sie mit dem Tanzpartner aufs Land fährt, ereignet sich ein Unfall, bei dem David ums Leben kommt. Jetzt versuchen Thomas und Clara gemeinsam, das Ereignis zu verarbeiten, und driften dabei doch immer weiter voneinander weg. 

Thomas und Clara werden gespielt von dem Serben Vladimir Vulevic und der Französin Agathe Bonitzer. Ihre Akzente und ihre sehr weiche Aussprache bringen in die langen und ruhigen Einstellungen ein Element Brecht’scher Verfremdung. Zudem hat Schanelec die Räume in einem neutralen Weiß gehalten, was ebenfalls keinen Eindruck von Naturalismus entstehen lässt.

Das Kino von Schanelec ist von großer Humanität. Sie versöhnt in ihren Filmen die Gegensätze, umarmt ihre Figuren, Männer wie Frauen, als wollte sie sie beschützen. Die Arbeiterklasse, aus der Thomas und Clara stammen, zeichnet sie mit großer Würde. Sie liebt die Körperlichkeit der Schauspieler. Vulević trägt einmal Bonitzer — das schillernde Bild manifestiert Stärke und Verletzlichkeit und berührt unmittelbar. Thomas wirkt wie ein beschützen­der Riese der seelenverletzten Clara und ist dabei doch selbst verwundet. Dabei verleihen die grobkörnigen 16mm-Bilder dem Geschehen eine erdenschwere Materialität.

In den Filmen von Schanelec geht es oft um den Tod, vom Leben erzählt sie mit eigentümlicher emotionaler Gedämpftheit. Erhaben ist nicht nur die Trauer ihrer Figuren, sondern auch die Tragik, die alle erfasst. Ein Moment der Leichtigkeit berührt daher umso mehr, als die Figuren zu Leonhard Cohens »Lover, Lover, Lover« einen Tanz beginnen, der absurd und befreiend zugleich wirkt.

In diesen Film kann man sich mit allen Sinnen fallen lassen: »Meine Frau weint« ist eine Ausnahmeerscheinung im gegenwärtigen deutschen Kino.

F/D 2026, R: Angela Schanelec, D: Vladimir Vulević, Agathe Bonitzer, Birte Schnöink, 93 Min. Start: 11.6.

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