Sérgio kann in Guinea-Bissau eigentlich nichts richtig machen. Vielleicht bleibt er auch deshalb so oft ein passiver Beobachter. Der portugiesische Ingenieur ist in die ehemalige westafrikanische Kolonie seines Landes gereist, um für eine NGO ein Gutachten zu erstellen. Von dem hängt ab, ob eine Straße durch ein ökologisch schützenswertes Gebiet gebaut wird. Die Straße könnte die wirtschaftliche Entwicklung des Landes stärken, die Abwanderung Jugendlicher vom Land in die Stadt mindern; auf der anderen Seite hätte sie negative Auswirkungen auf die Umwelt und die traditionelle Lebensweise einer ethnischen Minderheit.
Sérgio erzählt seiner neuen Bekannten Diára bei einer Autofahrt, dass ein lokaler Geschäftsmann ihm 150.000 Euro geboten habe, um das Gutachten zu beeinflussen. Natürlich habe er die Bestechung abgelehnt. Das tat Sérgio bestimmt aus Überzeugung, aber ebenso will er Diára mit seiner Geschichte beeindrucken — denn er hat sich in die ebenso hübsche wie geheimnisvolle Barbesitzerin verknallt, die bei jeder Begegnung eine andere Haarpracht zu tragen scheint. Mit ihrer Reaktion auf seine Geschichte hat er allerdings sicher nicht gerechnet: »Weißt du, was widerwärtig ist, Sérgio? Die Macht, die manche Leute haben, dass sie 150.000 Euro ablehnen können.« Ob er wirklich glaube, dass das Geld von der Weltbank und aus Europa, das sein Gutachten finanziert, sauber sei, fragt ihn Diára. Als white saviour sieht sie ihn sicher nicht.
Wie eine Femme fatale spielt Diára souverän mit Sérgio, auch wenn manchmal ihre eigene Verzweiflung durchkommt
Immer wieder verfängt sich Sérgio in solchen »unmöglichen« Situationen. Dennoch präsentiert sich ihm Guinea-Bissau als solch ein faszinierendes Land, dass er immer tiefer hineingezogen wird in den lokalen Alltag. Und das Publikum mit ihm. Dreieinhalb Stunden lang ist Pedro Pinhos »I Only Rest in the Storm«, und dennoch fällt es schwer, Abschied zu nehmen von der unglaublich vielfältigen und komplexen Welt, die er auffächert. Ohne Probleme könnte man sich eine Serie vorstellen, die direkt an den Film anknüpft.
Denn es gelingt Pinho geschickt, verschiedene Spannungsfäden durch den Film zu ziehen und miteinander zu verweben. Da sind die beschriebenen Spannungen, die aus der politischen Geschichte resultieren: Jede Begegnung Sérgios wird auch durch das Machtgefälle bestimmt, das zwischen dem weißen Europäer und den ehemals Kolonisierten besteht. Dieses wiederum spielt auch eine Rolle bei den sexuellen Spannungen: Einsam in der Fremde, angezogen vom regen Nachtleben der Hauptstadt Bissau und offen für Sex mit Frauen und Männern, springt Sérgio hin und her zwischen Opportunismus und schlechtem Gewissen. Und dann ist da noch das konventionelle Spannungselement eines Thrillers: Sérgios italienischer Vorgänger ist spurlos verschwunden. Er sei wahrscheinlich mit einer einheimischen Frau durchgebrannt, heißt es, doch es gibt auch dunklere Gerüchte. Sérgio glaubt, auch er könne Opfer eines Verbrechens werden.
Ebenso geschickt ist Pinho darin, das Publikum mit Sérgios Augen sehen zu lassen, den Augen eines Fremden. Manche Zusammenhänge erschließen sich sofort, anderes bleibt im Halbdunkel. Fasziniert beobachtet Sérgio die coole queere Community, die sich um Diáras Bar geschart hat. Seine Hautfarbe mag ihn privilegieren, aber er wird nie wirklich Teil von ihnen sein, ihre Codes verstehen. Oder wie Diára es gegenüber einem Freund formuliert: »Schau ihn dir an, wie er versucht hier reinzupassen, so tut, als wäre alles gut. Das ist irgendwie ein bisschen witzig.« Wie eine Femme fatale spielt Diára souverän mit Sérgio, auch wenn manchmal ihre eigene Verzweiflung durchkommt.
Die Wahl des Filmformats spielt für das immersive Erleben ebenfalls eine wichtige Rolle. »I Only Rest in the Storm« wurde im extremen Breitwandformat gedreht, was perfekt ist für die Aufnahmen in der Wüste, aber ungewöhnlich für einen Film, der nicht unwesentlich von langen Dialogsequenzen lebt. Doch dadurch, dass neben den sprechenden Figuren immer so viel zusätzlicher Kontext voller Farben und Leben mit im Bild ist, wird auch die sinnliche Überforderung miterzählt, die Sérgio erlebt. »I Only Rest in the Storm« überfordert auch das Publikum, aber in der besten Art und Weise, die dafür sorgt, dass man noch lange nach dem Kinobesuch über diesen einzigartigen Film nachdenkt.
(O riso e a faca) P/F/RUM/BRA 2025R: Pedro Pinho, D: Sérgio Coragem, Cleo Diára, Jonathan Guilherme
211 Min. Start: 28.5.







