Kino und Krieg

Das Filmfestival Visions of Iran bietet Raum für Austausch in schwierigen Zeiten

Kino in Zeiten des Krieges. Darf man das? Oder muss es vielleicht gerade jetzt sein? Vor dieser Frage standen die Organisatoren des Festivals Visons of Iran, die Mitte Juni eine Auswahl von Filmen aus einem Land zeigen, zu dem auch in Deutschland jeder eine Meinung zu haben scheint, auch wenn es kaum jemand aus eigener Erfahrung kennt.

Die Ereignisse der letzten ­Monate haben neue Flüchtlinge geschaffen, zwar nicht so zahlreich wie aus ­Syrien oder Afghanistan, aber auch in Köln bekommt die iranische Exilgemeinschaft neue Mitglieder, die durch das Erlebte, die Flucht, den Mangel an Nachrichten über Freunde und Verwandte in der Heimat oft traumatisiert sind, berichtet Festivalleiter Amin ­Farza­nefar. Zu viel ­Social-Media-Konsum kann die Sorgen verstärken, ein Kinobesuch dagegen ­vielleicht für ein paar Stunden ­Abwechslung sorgen, für Unterhaltungen und Austausch mit anderen Iranern unterschiedlicher Generationen, aber auch mit am Land interessierten Deutschen, die das Festival seit Jahren schätzen.

Bei manchen Filmen könnte allerdings eine Triggerwarnung angebracht sein, vor allem bei »The Killer and the Savage«, einem der fraglos ungewöhnlichsten, aber auch brutalsten Filme, die ­jemals im Iran gedreht wurden. Vom ersten Moment an verleiht Regisseur Hamid Nematollah dem Geschehen eine bedrohliche Atmo­sphäre. Die Figuren, die sich in ­einer mondänen Wohnung treffen, wirken elegant, aber auch sinister. Ein Waffendeal soll durchgeführt werden, geht jedoch mehr als schief. Irgendwann verblutet ein Beteiligter mit zerschlagenem Schädel auf dem Teppich und ­einer weiblichen Geisel wird der Schädel rasiert, bevor sie im Bad angekettet wird.

Und wie das mit Filmen aus einem autoritär regierten Land wie dem Iran so ist, ist man versucht, den Gewaltexzess als Ausdruck der Zustände im Land zu ­interpretieren, als Reflexion über unterdrückte Aggression, die sich irgendwann unweigerlich einen Weg nach außen sucht.

»The Killer and the Savage« ist kein Film, um sich von der grau­samen Realität abzulenken, aber ein eindrucksvolles Werk, das geschickt Genremuster variiert. So wie auch »Sunshine Express« von Amirali Navaee, der eine Gruppe Menschen zeigt, die auf eine Zugreise zu einer mystischen Insel ­geschickt werden, wo sie einen Preis gewinnen können. Vorher bekommen sie von einer unerkannt bleibenden Autorität Rollenanweisungen, sollen sich verstellen, andere werden, Auf­gaben übernehmen. Ein Spiel mit Täuschungen beginnt, das zunehmend ins Surreale abdriftet, die Beschreibung »kafkaesk« liegt nahe. Auch hier ist man versucht, das Geschehen als Allegorie zu verstehen, darüber, wie in einem totalitären System Komplizenschaft erzeugt wird, wie Menschen dazu gezwungen werden, Rollen einzunehmen, um sich zu schützen, um ein halbwegs normales Leben führen zu können.

Erstaunlich, dass diese Filme tatsächlich im Iran gedreht werden konnten, dass die Kulturwächter des Regimes entweder blind für unterschwellige Botschaften sind oder es ihnen egal ist. Auffällig jedoch, dass nicht nur diese Filme praktisch ausschließlich in Innenräumen spielen, was einerseits eine klaustrophobische Stimmung erzeugt, andererseits auch ganz praktisch ermöglicht, Dreharbeiten vor der staatlichen Überwachung zu verbergen.

Das war im Fall von »Roya« dringend angeraten, der in einem besonders berüchtigten Innenraum spielt: dem Evin-Gefängnis in Teheran, in dem Regimekritiker gefangen und gefoltert werden. Regisseurin Mahnaz Mohammadi weiß aus eigener Erfahrung, was hier passiert und reflektiert ihre traumatischen Erlebnisse nun in einem inhaltlich und stilistisch ambitionierten Psychothriller, in dem die Grenzen zwischen Realität und Fantasie zunehmend verschwimmen. Eindringlich wird zu Beginn des Films mit subjektiver Kamera vermittelt, was die Titel­figur Roya im Gefängnis erlebt und erleidet, im Folgenden verlässt sie die Zelle, vielleicht aber auch nur in ihrem Kopf. Die Folgen der Traumatisierung sind vielfältig, für Roya wie für die iranische Gesellschaft, nicht zuletzt davon erzählen die Filme der diesjährigen Visions of Iran.

Mi 10.6.– So 14.6., Filmforum im Museum Ludwig
Infos: iranian-filmfestival.com

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