Zweifel säen

In einem Wettbewerb mit vielen guten, aber wenigen herausragenden Filmen hat die Jury des Filmfestivals von Cannes einen würdigen Gewinnerfilm gefunden

Buhrufe nach Vorführungen in Cannes gab es auch in der Vergangenheit, so viel gebuht wie dieses Jahr wurde allerdings selten in der 79-jährigen Geschichte des Festivals – jedoch gleich zu Beginn der Filme. Und zwar jedes Mal, wenn das Logo des französischen Bezahlsenders Canal+ im Vorspann auftauchte – was nicht nur bei so gut wie jedem französischen Film der Fall war, sondern auch bei vielen internationalen Koproduktionen, etwa auch bei Volker Schlöndorffs »Heimsuchung«. Kein Wunder, steckt Canal+ doch satte 170 Millionen jährlich in die Spielfilmförderung.
 

Was war passiert? Kurz vor dem Festival hatten 600 Filmschaffende in einem offenen Brief gegen den zunehmenden Einfluss des rechtskonservativen Milliardärs Vincent Bolloré auf die französischen Medien gewarnt, der der größte Anteilseigner von Canal+ ist und sich anschickt, mit UGC auch noch eine der größten Kinoketten des Landes komplett zu übernehmen. Die Unterzeichnenden, darunter unter anderem Juliette Binoche und Arthur Harari, Drehbuchautor von »Anatomie eines Falls« und selber mit einem Regiewerk im diesjährigen Wettbewerb von Cannes vertreten, warnen in ihrem Brief vor einer möglichen »faschistischen Übernahme der kollektiven Imagination« des Landes. Drastische Worte, als Reaktion goss Canal+ weiter Öl ins Feuer. Dessen Chef Maxime Saada sagte in Cannes, der Sender werde zukünftig auf eine Zusammenarbeit mit den Unterzeichnern verzichten. Was natürlich zu weiteren Solidarisierungen in der Branche führte – auch international. Mittlerweile haben den Brief Schauspieler und Regisseure wie Javier Bardem, Mark Ruffalo und Yorgos Lanthimos unterzeichnet.
 

Dass Canal+ einer faschistischen Agenda zuarbeiten würde, ließ sich im Programm von Cannes (noch) nicht feststellen. Bestes Beispiel dafür ist der von Canal+ unterstütze »Notre Salut«, in dem Swann Arlaud, einer der Erstunterzeichner des offenen Briefs, den Franzosen Henri Marre spielt, der im Zweiten Weltkrieg während der Zeit des Vichy-Regimes Karriere macht. Als Nationalist und überzeugter Anhänger des mit den Nazis kollaborierenden Marschall Pétain ist Marre ebenso Ideologe wie rational agierender Bürokrat, der seiner Aufgabe, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, seine volle Aufmerksamkeit widmet.
 

Regisseur und Drehbuchautor Emmanuel Marre erzählt in »Notre Salut« die Geschichte seines eigenen Urgroßvaters, der in seiner Familie, wie er selber sagt, als »gescheiterter Idealist« galt. Er meistert in seinem Film die schwierige Aufgabe, zugleich Interesse an der Figur Henri Marre zu erwecken, ohne ihn zugleich sympathisch werden zu lassen. Vor allem bekommt man einen Einblick in innere Mechanik dieses seltsamen Vichy-Regimes, das versuchte, Frankreich über eine ideologische Anpassung an Nazideutschland zu retten. Die Jury verlieh am Ende des Festivals Emmanuel Marre den Preis für das beste Drehbuch.
Schon seit vielen Jahren sind historische Themen sehr prominent im Wettbewerb von Cannes vertreten.

Weitere Beispiele aus diesem Jahr: László Nemes erzählt in »Moulin« eine Geschichte aus der französischen Résistance während des Zweiten Weltkriegs, Lukhas Dhont in »Coward« von einer schwulen Liebe in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, Ira Sachs geht zurück zur AIDS-Krise im New York der 80er Jahre, James Gray situiert seine Mafiageschichte »Paper Tiger« zur gleichen Zeit in der gleichen Stadt, über den Thomas-Mann-Film »Vaterland« wurde an dieser Stelle bereits berichtet – Regisseur Pawel Pawlikowski wurde für seine Leistung in Cannes verdient mit dem Regiepreis ausgezeichnet.
 

Die beiden Hauptgewinner des Festivals spielen allerdings in der näheren Gegenwart – ebenso wie »Das geträumte Abenteuer« der Deutschen Valeska Grisebach, der den Jurypreis erhielt (zu diesem Film mehr in der Stadtrevue zum Filmstart).
 

Der einzige Film aus dem Wettbewerb mit einem klaren Bezug zu einem aktuellen weltpolitischen Großkonflikt war »Minotaur« von Andrei Swjaginzew, der mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, so etwas wie der Silbermedaille des Festivals. Der in Frankreich lebende Russe erzählt von einer Unternehmerfamilie in einer russischen Provinzstadt. Vater, Mutter und Sohn leben in einer prachtvollen modernen Villa an einem See. Ein privilegiertes Leben, doch Gleb verdächtigt seine Frau, eine Affäre zu haben – was heimliche Nachforschungen auch schnell bestätigen. So weit, so bekannt aus Claude Chabrols »Die untreue Frau« (1969), der Swjaginzew und seinem Ko-Drehbuchautor Simon Lyashenko als Inspiration diente. Den eigenen politischen Dreh bekommt der Film durch den Ukraine-Krieg. Der Film spielt im Jahr der russischen Invasion 2022. Gleb wird als Unternehmer mit hineingezogen in die Mobilmachung für den Krieg – zugleich ermöglichen ihm die neuen Verhältnisse, seine privaten Probleme gewaltsam zu lösen, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.
 

Das ist mit kühler Präzision brillant inszeniert, aber letztlich wirkt der Ukraine-Bezug aufgesetzt, die Geschichte ließe sich auch ohne ihn erzählen. Dass in Russland das Recht des Stärkeren gilt, hat Swjaginzew schon besser in »Leviathan« gezeigt, das war 2014, dem Jahr, in dem Russland den Donbass besetzte.
Wesentlich länger im Gedächtnis bleibt der Gewinnerfilm des diesjährigen Festivals von Cannes: »Fjord« von Christian Mungiu, der bereits 2007 für »4 Monate 3 Wochen 2 Tage« mit einer Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Renate Reinsve und Sebastian Stan spielen darin ein Ehepaar, das mit seinen fünf Kindern aus Rumänien in einen kleinen Ort an einem idyllischen norwegischen Fjord zieht. Sie kommt aus dem Ort, er ist Rumäne, beide sind tief religiös und erziehen ihre Kinder zum Glauben. Als die älteste Tochter der Familie eines Tages mit blauen Flecken zur Schule kommt, wird eine Lehrerin misstrauisch und schaltet das Jugendamt ein. Schnell geben zwei der Kinder scheinbar zu, von ihren Eltern geschlagen zu werden. Alle Kinder werden daraufhin zu Pflegeeltern gegeben – inklusive eines Säuglings –, zumindest bis vor einem Gericht die Schuldfrage geklärt ist. Den Eltern droht nicht nur, ihre Kinder zu verlieren, sondern auch eine Gefängnisstrafe.
 

Mungiu zeigt keine Tätlichkeiten der Eltern gegenüber ihren Kindern im Bild, dennoch überwiegt zunächst das Misstrauen. Doch mit dem schnellen und entschiedenen Agieren der Behörden tauchen auch immer mehr Fragen auf: Wann wird aus einer körperlichen Berührung ein Schlag? Ist ein Wegschubsen, um ein Kind vor Gefahr zu schützen, Gewalt? Wie präzise können sich die Kinder in Norwegisch ausdrücken? Spielen Vorurteile gegen strenggläubige Menschen eine Rolle dabei, dass bereits beim allerersten Verdacht von Misshandlung im säkularen Norwegen die volle Staatsmacht eingesetzt wird? Kinder haben schließlich ständig blaue Flecken vom Spielen und Herumtollen.
 

Mungiu geht es nicht darum, Schuldige zu finden, sondern Zweifel zu sähen. Sind staatliche Institutionen auch in den aufgeklärtesten und wohlhabendsten Ländern Westeuropas keine neutralen Agenten, sondern in ihrem wohlmeinenden Paternalismus auf einem Auge vielleicht nicht blind, aber doch arg kurzsichtig? Mit potentiell dramatischen Folgen für Minderheiten.
 

Stärker wäre Mungius Denkspiel, wenn die norwegische Seite weniger »vorbildlich« dargestellt würde. Man kann sich kaum vorstellen, dass der Kinderschutz dort so wenig zu tun hat, dass hier bereits auf kleinste Verdachtsfälle so entschieden und mit derartig kalter Konsequenz reagiert wird. Aber vielleicht äußert sich in dieser reflexhaften Kritik an »Fjord« auch ein westeuropäischer Abwehrmechanismus gegen jegliche Infragestellung von außen (Osteuropa). Und wie oft werden auf Festivals Filme ausgezeichnet, die in weniger entwickelten Ländern als denen Westeuropas spielen und dort den mangelnden Schutz religiöser, sexueller oder anderer Minderheiten anklagen, zwar oft von einheimischen Regisseur:innen gedreht, aber nur durch Gelder aus Frankreich, Deutschland usw. ermöglicht. Dass dieser Blickwinkel hier mal umgedreht wird, sollte man aushalten können. Es ist auch nicht so, dass Mungiu nicht auch Kirche und Staat in seiner rumänischen Heimat scharf kritisiert hätte, in Filmen wie dem erwähnten »4 Monate 3 Wochen 2 Tage« und »Jenseits der Hügel« (2012) etwa. Insofern ist »Fjord« als einer der wenigen Filme des diesjährigen Cannes-Wettbewerbs, der noch zu vielen Diskussionen einladen wird, ein verdienter Gewinner der Goldenen Palme.

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