Rückkehr ins Land der Täter

Deutsche Geschichte und Demenzkranke bei den Filmfestspielen von Cannes

Halbzeit an der Croisette. Zwei Filme stechen bislang aus einem ansonsten recht unauffälligen Wettbewerb heraus, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Pawel Pawlikowskis konziser »Vaterland« über Thomas Manns Reise durch West- und Ostdeutschland im Sommer 1949, mit 82 Minuten Länge der kürzeste Film der Konkurrenz um die Goldene Palme, und Ryusuke Hamaguchis knapp 200 Minuten langer »Soudain«, der als Film über ein Heim für Demenzkranke in Paris beginnt, aber irgendwann nach Japan schweift und zudem den Kapitalismus als solchen und den momentanen Gesamtzustand der Welt in den Blick nimmt. Aber bleiben wir zunächst in Europa. Klaus Mann (August Diehl) sitzt auf dem Boden neben einem ungemachten Bett auf dem eine nackte Person liegt. Er telefoniert mit seiner Schwester Erika (Sandra Hüller), die noch in Kaliforniern ist, ihn aber bittet sie und ihren Vater in Frankfurt zu treffen. Im folgenden Gespräch wird die Entfremdung zwischen den beiden Kindern von Thomas Mann (Hanns Zischler) und ihrem Vater deutlich und zugleich ihre große Zuneigung zueinander. Klaus wird sich nicht aus Cannes, wo er im April in eine Pension gezogen war, Richtung Deutschland aufmachen. Er wird dennoch in »Vaterland« eine wichtige Rolle spielen.

Die erste Station von Thomas und Erika Mann ist Frankfurt, die Geburtsstadt Goethes, wo der Literaturnobelpreisträger zu dessen 200. Geburtstag mit dem Goethepreis geehrt wird. Von der Bevölkerung wird Thomas Mann auf seiner ersten Deutschlandreise nach dem Krieg wenig enthusiastisch aufgenommen, teilweise gar feindlich, und ein Journalist der Süddeutschen Zeitung fragt Mann, warum er denn unter den Nationalsozialisten nicht in die innere Emigration gegangen sei, statt in die USA auszuwandern. Manns trockene Antwort: »Dann wäre ich jetzt tot.« Ähnlich klar verhält sich Mann gegenüber den Enkeln von Richard Wagner, die ihn bitten, sich für die Wiederaufnahme der Festspiele in Bayreuth einzusetzen, während Erika auf dem gleichen Empfang ihrem Ex-Mann Gustaf Gründgens gar eine Ohrfeige gibt, als der Verständnis für seine Kollaboration mit den Nazis einfordert.

Mit Ex-Nazis bekommen es die Manns nicht zu tun, als sie in Weimar eintreffen, wo Thomas Mann ebenfalls über Goethe sprechen soll. Dennoch gibt es Ähnlichkeiten: Auch die neuen Machthaber im Osten wollen den weltberühmten Schriftsteller vereinnahmen, ihn zum Aushängeschild eines neuen Deutschlands machen. Doch Mann lässt sich nicht vor einen Karren spannen.

Zwischenzeitlich hat Vater und Tochter eine tragische Nachricht ereilt, die ihr konfliktbelastetes Verhältnis noch einmal zuspitzt: Klaus Mann hat in Cannes Selbstmord begangen. Was den Vater zunächst scheinbar unberührt lässt.

Geschickt tariert Pawlikowski, der auch zusammen mit Henk Handloegten das Drehbuch geschrieben hat, das familiäre Innen und das politische Außen der Geschichte aus. Wobei er nicht ganz verhindern kann, dass die starke Verdichtung der Erzählung dazu führt, dass einzelne Szenen forciert wirken. Das heißt nicht, dass Pawlikowski kurze Einstellungen wählen würde. Seine paradoxe Kunst liegt darin, mit den Mitteln des Slow Cinema, also mit oft langen, starren Einstellungen, trotzdem ökonomisch zu erzählen. Historische Fakten fielen der Verdichtung der Konflikte allerdings zum Opfer: Thomas Mann reiste in Wahrheit nicht mit seiner Tochter Erika nach Deutschland, sondern mit seiner Frau Katia, und Klaus Mann nahm sich das Leben bereits Wochen vor der Ankunft der Manns in Frankfurt. Trotz solcher Freiheiten ist Pawlikowski ein wahrhaftiger Film über die Manns und das unmittelbare Nachkriegsdeutschland gelungen.

Ryusuke Hamaguchi beginnt »Soudain« mit einer Utopie: Die Leiterin eines Pariser Heims für Demenzkranke ist neben einer Bewohnerin im sommerlichen Garten eingeschlafen. Ein Bild großer Ruhe und Harmonie. Überhaupt scheint es hier so ganz anders zuzugehen, als in einem normalen Altersheim: Die Bewohner:innen werden nicht nur verwahrt, sondern als vollwertige Menschen behandelt. Alles scheint darauf ausgerichtet, dass sie trotz ihrer schweren Erkrankung ihre Würde bewahren können.

Doch diese Utopie der Anfangsbilder kann natürlich nicht halten: Nicht alle aus dem Team teilen die progressiven Ansichten von Leiterin Marie-Lou (Virginie Efira), Geld ist natürlich auch ein Problem und fehlendes Personal. Um einmal den Kopf freizubekommen von der Arbeit geht Marie-Lou ins Theater und sieht dort ein Stück, das von den Theorien des radikalen italienischen Psychiatrie- und Gesellschaftskritiker Franco Basaglia beeinflusst ist. Marie-Lou ist begeistert und freundet sich mit der Regisseurin des Stücks an. Man könnte auch sagen, sie hat in der in Japan geborenen Mari (Tao Okamoto) eine Seelenverwandte gefunden. Doch die beiden haben wenig Zeit, ihre Beziehung zu vertiefen, denn Mari ist an Krebs erkrankt und hat nicht mehr lange zu leben. Vorher allerdings wird sie noch ihre Philosophie und ihre Erfahrungen als Theatermacherin in den Umgang mit den Demenzkranken in Marie-Lous Heim einbringen.

Das klingt in der Nacherzählung konstruiert, doch Hamaguchis zurückhaltender Stil und sein unendlich empathischer Blick auf die Menschen lassen das im Kino vergessen. Und wenn Mari mitten im Film einen gefühlt viertelstündigen Vortrag darüber hält, wie der Kapitalismus immer neue Ausschlussmechanismen produziert und überall die Geburtenraten sinken lässt, wirkt das zwar arg didaktisch, aber da hat Hamaguchi bereits selbst den hartleibigsten Zyniker weichgeklopft. Wenn dann das unvermeidliche Ende Maris und des Films kommt, ist man erschöpft, hat gerötete Augen und verlässt trotzdem glücklich das Kino.

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