Das große Gähnen der Erlösung

Father John Misty, der ernste Unernste unter der Singer/Songwritern, kommt nach Köln

Es gibt Musiker, die schreiben Songs wie Tagebucheinträge, und es gibt Musiker, die schreiben Songs wie Kommentare zu der Tatsache, dass es Tagebücher gibt. Father John Misty gehört entschieden zur zweiten Kategorie. Schon deshalb war Joshua Tillman, wie der 45-Jährige mit bürgerlichem Namen heißt, immer eine etwas irritierende Figur im amerikanischen Folk- und Indie-Kosmos: ein Singer/Songwriter, der seine Profession permanent karikiert und auseinandernimmt. Einer, der Pathos nicht vermeidet, sondern es ausstellt wie ein Objekt hinter Glas. Das macht seine Musik manchmal anstrengend, oft brillant und in ihren stärksten Momenten zu einer durchaus überraschenden Diagnose spätkapitalistischer Empfindsamkeit.

Mit seinem vor anderthalb Jahren erschienenen, bislang letzten Album »Mahashmashana« (Sub Pop / Bella Union) hat Tillman diese Methode noch weiter getrieben. Das Album klingt zunächst überraschend warm, beinahe entspannt. Die Arrangements gleiten häufig in weiche Streicherflächen, gedämpfte Bläser, lässige Rhythmusgruppen hinein. Es gibt Momente, in denen man an die orchestrale Westküsten-Melancholie der frühen 1970er denkt, an Harry Nilsson oder an die eleganten Produktionen eines Van Dyke Parks. Gleichzeitig liegt über allem jene spezifische Ironieschicht, in die sich  ­Father John Misty seit seinem Durchbruch mit »Fear Fun« (2012) hüllt. Die Songs tun nie so, als könnten sie noch naiv an Authentizität glauben.

›Mahashmashana‹ ist Musik aus einer Welt, 
in der Erlösung nur noch als Pose zirkuliert, aber dennoch ein Bedürfnis bleibt

Der Titel selbst verweist auf einen hinduistischen Begriff für einen großen Verbrennungsplatz. Das klingt erst einmal nach kalkulierter Mystifizierung, nach jener spirituellen Semantik, die im west­lichen Popbetrieb gern als Dekor verwendet wird. »Mahashmashana« ist Musik für eine Welt, in der Erlösung nur noch als Pose zirkuliert, aber dennoch ein Bedürfnis bleibt. Musikalisch interessant dabei ist vor allem die Spannung zwischen klassischem Songwriting und dekonstruktiver Geste. Tillman schreibt oft harmonisch konservativ: Viele Songs bewegen sich in vertrauten Kadenzmustern, mit klassischen Auflösungen und tradi­tioneller Spannungsdramaturgie. Gleichzeitig sabotiert er die emotionale Eindeutigkeit durch Text und Vortrag. Seine Stimme bleibt kontrolliert, fast überkontrolliert. Wo andere Singer/Songwriter Intimität herstellen wollen, erzeugt Tillman Distanz. 
 

Das hat viel mit seiner Biografie zu tun. Joshua Tillman stammt aus einer streng evangelikalen Fami­lie in Maryland, eine Herkunft, die sein Werk bis heute grundiert. Die frühen religiösen Erfahrungen erscheinen bei ihm allerdings nicht als einfache Befreiungserzählung. Anders als viele amerikanische Künstler seiner Generation ersetzt er die Religion nicht schnöde durch Lifestyle, Therapie oder politische Gewissheiten. Seine Songs handeln vielmehr von der Leerstelle, die nach dem Verlust verbindlicher Sinnsysteme bleibt. 

Dass Tillman als Schlagzeuger mit den Fleet Foxes bekannt wurde, wirkt im Rückblick fast ironisch. Fleet Foxes standen für eine Art erneuerte pastorale Folk-Ästhetik: harmonischer Mehr­stimmengesang, Naturbilder, eine gewisse eskapistische Selbstergriffenheit. Tillman war dort der Mann im Hintergrund, bevor er sich als Father John Misty neu erfand — mit Bart, weißem Anzug und der Aura eines heruntergekommenen Gurus. Diese Selbststilisierung war von Anfang an doppeldeutig. Einerseits parodierte sie die messianischen Gesten des Rock. Andererseits ... funktionierte sie erstaunlich gut.

Dieses Achselzucken beschreibt seinen Stellenwert innerhalb der Folk-Szene. Father John Misty ist kein Traditionalist und auch kein Revivalist. Er benutzt Folk als historisches Materiallager. Das unterscheidet ihn von der Authentizitätssehnsucht vieler Americana-Produktionen der letzten Jahre. Während dort häufig eine Rückkehr zum Echten imaginiert wird — zur Kleinstadt, zum Handwerk, zur Gemeinschaft —, beschreibt Tillman die Unmöglichkeit dieser ersehnten Rückkehr.

Auf »Mahashmashana« klingt Joshua Tillman nun wie jemand, der verstanden hat, dass auch die Pose irgendwann altert. Der große Spötter des Indie-Folk entdeckt die Erschöpfung als ästhetische Form. Das Ergebnis ist kein makelloses Album. Manche Songs verlieren sich in ihrem eigenen Reflexionsspiel, manche Pointen kommen eine Sekunde zu spät. Aber vielleicht passt genau das zu ­dieser Musik: Sie misstraut jeder Form von Vollendung.

stadtrevue präsentiert
Konzert
Di 9.6., Carlswerk Victoria, 19 Uhr
 

Mach mit: Gemeinsam sichern wir unabhängigen Journalismus für Köln!
→ Ja, ich abonniere die Stadtrevue!
→ Ja, ich erwerbe einen Anteil der Stadtrevue-Genossenschaft!

Komm in unser Kollektiv!

Wir suchen eine:n neue:n Kolleg:in für unsere Anzeigenabteilung. → Jobs im Stadtrevue-Verlag

 


Aboprämie

Hol dir ein Stadtrevue-Abo und such dir eine Prämie aus! z.B. …

Tagnacht – Kölns Gastro-Guide. Essen, Trinken, Ausgehen in Köln: alle Küchen, alle Veedel! Hol dir ein Abo und erhalte als Prämie die tagnacht 2025/26 gratis dazu. 

Stadtrevue abonnieren →

Alle Prämien ansehen →

Unsere Magazine

tagnacht – Kölns Gastro-Guide: Essen, Trinken, Ein­kaufen, alle Küchen, alle Veedel, die besten Adressen der Stadt. 
ansehen / bestellen →


Raum 5 – Der Design Guide für Köln/Bonn: Neues und Schönes, Porträts und Tipps sowie 300 Design-Adressen. 
ansehen / bestellen →


alma — Das Kölnmagazin für Studis: Alles, was wichtig ist für den Durch­blick an der Uni und das Leben in der Stadt.
ansehen / bestellen →


kurzundklein – Ein ganzes Jahr Köln mit Kindern: Akti­vi­täten und Aus­flüge, Familien­politik, Stadt­leben, Adressen. 
ansehen / bestellen →


weiter! — Aus- und Weiter­bil­dung in Köln und der Region: Der Pocket-Guide mit rund 200 Adressen und vielen nütz­lichen Infos.
ansehen / bestellen →