Das Museum Ludwig in Köln besitzt eine der größten Sammlungen amerikanischer Pop-Art. Das Museum wird heuer 50 Jahre alt, die USA 250 Jahre. Die US-Regierung vermarktet dieses Jubiläum als »250 Jahre Freiheit«. Kitschige Postkartenbilder dieser Freiheit haben wir alle im Kopf: großartige Natur, weites Land und — Indianer.
Wie aber solche Postkarten-Motive entstanden sind und wie man heute mit ihnen umgehen muss, zeigt der elfte Teil der Ausstellungsreihe HIER UND JETZT. Arbeiten der indigenen Künstlerinnen Wendy Red Star (Stamm: Apsáalooke), Marie Watt (Senaca Nation) sowie Jingle-Dress-Tänze von Acosia Red Elk (Umatilla) umspielen Fotochrome der Detroit Publishing Company, die vielfach Grundlage populärer Postkarten um 1900 waren. Zusammen bilden sie die »Memories from Turtle Island«, die der Ausstellung den Titel geben. Die USA werden auf einer eigenen Schöpfungsgeschichte basierend von einigen indigenen Gruppen als Schildkröteninsel bezeichnet.
Der erste Raum eröffnet mit einem wandgroßen, postkartenartig-stilisierten Selbstporträt der Fotografin Wendy Red Star. Im Folgenden sind zwei Dutzend Fotochrome der Detroit Publishing Company (bis 1905 Detroit Photographic Co.) ausgestellt. Fotochrome sind Schwarz-Weiß-Fotografien, die durch einen speziellen Prozess koloriert und so als Postkarte oder Poster vervielfältigbar wurden. Das Museum erwarb 2024 200 dieser Fotografien aus der Zeit um 1900. Darauf festgehalten sind viele Orte, deren Namen man selbst dann kennt, wenn man noch nicht da war: Grand Canyon und der Yellowstone Nationalpark etwa. Die Landschaften sind zumeist menschenleer und erwecken durch die Kolorierung einen idyllischen Eindruck.
Allerdings ist jedes menschliche Wissen zwangsläufig begrenzt
Die dargestellte Leere ist nicht ursprünglich, sondern bereits Folge der europäischen Kolonialisierung: Schätzungen zufolge sind 95 Prozent der indigenen Bevölkerung seit der europäischen Ankunft 1492 allein durch Epidemien umgekommen. Dennoch, viele indianische Gruppen überlebten und mit ihnen die Namen und Geschichten dieser Orte. Die Ausstellungstexte machen die lokalen Geschichten anschaulich. Was geschah dort, was zeigt das Bild?
Den zweiten Ausstellungsraum hat Marie Watt mit der ortsspezifischen Installation »Thirteen Moons« gestaltet, bestehend aus gerollten Deckeln von Tabakdosen. Diese Zinnscheiben sind zu »Jingles«, Schellen, geformt und mit Bändern zu raumgreifenden Skulpturen gefasst. Dreizehn Monde, die von der Decke hängen und berührt werden müssen, um zu klingen. Die Schellen wurden erstmals bei einem Heilungsritual der Ojibwe um 1900 verwendet. Obwohl indigene Zusammenkünfte zwischen 1883 und 1978 verboten waren, wird der Jingle Dress-Tanz bis heute bei intertribalen Zusammenkünften aufgeführt. Die preisgekrönte Jingle-Dress-Tänzerin Acosia Red Elk, mit der Marie Watts häufig zusammenarbeitet, tanzt in der Ausstellung, wie im Video zu sehen.
Im letzten Raum liegt Wendy Red Stars »Foe Manuscript« aus (er ist auch über ihre Homepage abzurufen). In einem langen Text reflektiert sie pointiert über ihre Position als zeitgenössische Künstlerin, die durch ihre Zugehörigkeit zu einer indigenen Gruppe quasi automatisch in die Rolle einer widerständigen, kritischen Akteurin der Kunstwelt gedrängt wurde. Ihre Kunst sei jedoch auf Beziehungen angelegt und entstamme ihrer Herkunft und Geschichte. Sie brauche keine Institutionen und müsse keine Identität performen. Das Werk bestünde, weil die Herkunft, Abstammung (engl. lineage) fortbesteht. Das wäre genug.
Doch ist das auch genug für uns? An der Wand gegenüber denken die Kuratorinnen Miriam Szwast und Santi Grunewald über ihre Ausstellungskonzeption nach, nennen ihr Unbehagen, nicht genug zu wissen oder zu wenig zuzuhören. Allerdings ist jedes menschliche Wissen zwangsläufig begrenzt. Nach der ästhetischen Erfahrung der klingenden Installation im Raum zuvor wirkt dieser Raum nun wie ein Arbeitsplatz, an dem eine intellektuelle Anstrengung erfolgen muss: lesen, nachdenken, Erinnerungen bearbeiten.
Schön wäre gewesen, in dieser Durchgangssituation weitere Kunstwerke erleben zu können — oder wenigstens bequemere Sitzgelegenheiten, um wirklich sich im Hier und Jetzt niederzulassen.
Museum Ludwigbis 8.11.; Di–Do 11–18 Uhr, Fr–So 10–20 Uhr







