1:0 für den Diktator?

Eine Museumsführung, die für Furore sorgt: Der Düsseldorfer Kunstpalast macht es mit den ­»Grumpy Guide« möglich. Zwei Autorinnen wagten den Selbstversuch

Ein Museum bietet Führungen an, und Zeitungen von Albanien bis Japan berichten darüber. Der Grund für die Berichterstattung: Der Kunstvermittler führt, anders als man es sonst von langatmigen Führungen ehemaliger Akademiker*innen kennt, die Besucher*innen passiv-aggressiv und mürrisch durch die Sammlung. Das Ganze ist nicht nur eine Führung, sondern gleich eine Performance — eine Experience. 

Museen müssen bekanntlich immer größere (An-)Reize schaffen, um ein breites Publikum anzu­sprechen und sie nicht nur unbeteiligt am Screen, sondern auch physisch (und mit gekauften Tickets) in die Ausstellungen zu locken. Das Museum Ludwig setzt derzeit auf eine immersive, insta­gramable Retro­spektive von Yayoi Kusama. In der National Gallery of Art in Washington vermitteln Ü70-­Kurator*innen die Sammlung in Gen Z-Slang. Das Getty Museum in LA sucht die Bestätigung von Seelöwen, die ihre Kunst­kritik auf einer Skala von »Brüll« bis »Gröhl« formulieren. Der Düsseldorfer Kunstpalast wirbt seit Juni letzten Jahres mit dem von Künstler Carl Brandi performten »Grumpy Guide«.

Der Erfolg gibt dem Kunstpalast recht: Die Grumpy-Guide-Touren sind zuverlässig ausge­bucht. Mit »Humor und einer Prise Selbst­ironie«, soll das Angebot all jene ansprechen, »die sich nicht mit Hochkultur-Klischees identifizieren, aber trotzdem neugierig auf Kunst sind«, lässt Kunstpalast-Direk­tor Felix Krämer sich in der Pressemitteilung zitieren. Wer ist gemeint? Nicht-Akademiker*innen? Leute, die Nickeloden geguckt haben statt KIKA? Diejenigen, die als Kinder ihren nicht-mutter­sprachlichen Eltern den Papier­kram über­setzen mussten? Das Publikum, welches sich mit uns auf die Führung im Februar einließ, sah eher nach einem aus, das sich schon immer pudelwohl im Museum gefühlt hat: Vater, Mutter, Kind, vollständig bei Peek & Cloppen­burg eingekleidet. Dazwischen einige junge Pärchen, die genauso aussahen. Eben die 3 % FDP-Wählerschaft, die es noch in NRW gibt.

Die Grumpy Guide-Figur Joseph Lange­linck stellt den Besuchenden fordernde Fragen, scheucht sie herum, wirft ihnen böse Blicke zu

Wie aus dem Nichts spawnte der Guide und drehte wie ein Aasgeier seine Runden. Wort­los und mit strengem Blick beschwor er die noch verträumten Besucher*innen, sich um ihn zu scharen. Es war so folternd, weil lachhaft, doch ein lautes Loslachen wäre unpassend. Es hätte einmal Blickkontakt mit dem Grumpy Guide gereicht und es wäre aus mit uns gewesen — wie mit dem armen Legionär in »Das Leben des Brian«. Die Grumpy-Guide-Figur Joseph Langelinck stellt den Besucher*innen fordernde Fragen, scheucht sie herum, wirft ihnen böse Blicke zu. Er warte auf niemanden, macht Lange­linck deutlich, bevor er los­sprintet. 

Mal ging Langelinck an einem Werk kommentar­los vorbei. Ein ander Mal nahm ihn ein Werk emotional so sehr in Beschlag, dass er sich in Rage redete. Doch eigent­lich wird die Kunst für ihn zur Neben­sache: Am leiden­schaft­lichsten spricht er über die Vor­züge der Disziplin. Auch Vorwürfe gibt es einzu­stecken: Hinter Fun Facts seien die Leute her, nicht hinter ernsthafter Aus­ein­ander­setzung mit Kunst. Sie wollen sich vor anderen als gebildet stilisieren, statt sich Bildung tat­säch­lich anzueignen. Chapeau, gut erkannt, 1:0 für den Diktator.

Nebenbei erwähnte Lange­linck, dass er Nachfahre eines ehe­maligen Direktors der Düssel­dorfer Gemälde­galerie sei. Das klingt nach Nepotismus-Klischee, denn »in der Kunst­branche arbeiten ja nur Leute aus feinem Hause«. Es sind aber in Wirk­lich­keit vor allem Menschen aus der Arbeiter*innen-Klasse, die in immer schlechter bezahlten Jobs den Laden am Laufen halten ... Wie bitte? Keiner hat uns nach unserer Meinung gefragt? Ach so, Verzeihung.

Ein kunst­historisches Vorbild des Grumpy Guide wird schnell erkenn­bar: Ende der 80er Jahre entdeckte die US-amerikanische Kon­zept­künst­lerin Andrea Fraser das Format der Museums­führung als Ort der Institutions­kritik. Mal als Galeristin, mal als museale Kunst­vermittlerin vermischte sie kunst­historische Erkennt­nisse mit falschen Fakten, verlor sich in persön­lichen Abschweifungen. Die Führung wurde Farce und die Farce zum Raum für Kritik über das Wissens­system Kunst. Fraser nahm den institutionellen Habitus, der entscheidet, was über Kunst zu wissen und zu denken sei, ins Visier. Brandis Grumpy Guide ist dagegen bloß eine Karikatur: ein aus der Zeit gefallener Pseudo-Aristokrat, der unwillig ist, das eigene Welt­bild zu hinter­fragen. Ein Gate­keeper, der sich selbst aus der Zukunft ausge­sperrt hat. 

Obwohl das Kunst­palast-Format behauptet, selbst­ironisch mit Klischees zu brechen, erfüllte die Führung an jenem Abend exakt diese: Der Guide schwärmte vom nackten White Cube, vom Raum, in dem man Immen­dorff genießen kann — ohne die Stühle, die »da auch noch rumstehen«. Er verglich das Display der Glas­samm­lung mit einem Sozial­kauf­haus. Design­objekte bezeichnete er als Trödel und Ramsch. Moment mal: Werden hier etwa rechte Talking Points ver­harm­lost und institutionell auf­geladen unter dem Deck­mantel des »Humors« präsentiert? 

Diese Art von Experience nennt der Kunst­palast im Presse­portal »erfrischend anders«. Was ist denn eigent­lich so »erfrischend« und »anders« daran, sich für 28 Euro von einem Kunst­vermittler anschnauzen zu lassen? Ist es deutsch-bürger­liche Unter­tanen­mentalität, die sich als Lust an der Erniedrigung zeigt? Die Mittel­schicht glaubt sich näher an den Super­reichen als am Prekariat und sucht einen Aus­gleich zur vermeint­lichen Über­legen­heit, so wie der DAX-Manager ab und an eine Domina bezahlt, um mal wieder etwas zu fühlen. Und so wie das sogenannte Bildungs­bürgertum, das sich  seine nötige Prise Selbst­vertrauen durch stunden­langen Konsum von Reality-TV sichert.

Der Kunde ist König, dem langweilig geworden ist und der sich nun bei amerikanischen Restaurant­ketten wie »Dick‘s Last Resort« allzu gern vom Personal anschnauzen lässt. Authentischer geht das nur beim Köbes in der Kölner Altstadt. Diese Dynamiken durchbrechen die Überl­egen­heits­logik jedoch nicht. Sie bestärken sie. Joseph Langelinck mag einen zwar anbrüllen, so bleibt er doch der Dienst­leister, der für das zahlende Publikum den Hampel­mann machen darf. Der Kunst­palast will am Puls der Zeit sein und offen­bart sich dabei als erstaunlich reaktionär. Der Guide ist nicht mehr Begleiter, sondern stilisiert sich im wahrsten Sinne des Wortes als Füh­rer durch die Geschichte. Frisch aus den Sammlungs­räumen und Richtung Ausgang wandelnd grinst das Publikum zufrieden, rot-bäckig und ein bisschen verklärt: Der Führer hat geliefert wie bestellt. Statt Frage­zeichen im Gesicht ein unaus­gesprochenes »Endlich sagt es mal einer«.

Grumpy Guide-Führungen
6 × im Juni und Juli. Tickets solange der Vorrat reicht 
Museum Kunstpalast, Ehrenhof 3–5, Düsseldorf

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