Unglaublich, aber es scheint wahr zu werden: Das Schauspiel Köln zieht zurück an den Offenbachplatz — und das Depot 2 im Stadtteil Mülheim wird zum neuen Kooperationshaus von Freier Szene und Schauspiel Köln. Seit Mitte April steht die Geschäftsführerin fest: Anna Bründl, Theaterwissenschaftlerin und Kuratorin. Viele Jahre hat sie im Festspielhaus Hellerau Dresden gearbeitet, Schwerpunkt Tanz. Seit 2018 lebt sie in Köln. Wie rosig sind die Zukunftsaussichten — mit einem Musical-Betrieb direkt nebenan?
Lange hieß es, das Depot 1 auf dem ehemaligen Carlswerk Gelände in Mülheim sollte zum neuen Kooperationshaus für Köln werden. Nun ist es aber an den Musical Betreiber Apiro Entertainment vermietet, für die Szene bleibt das kleinere Depot 2 mit 240 Sitzplätzen. Sind die Visionen gescheitert?
Erstmal ist es eine großartige Nachricht, dass in Köln eine neue Struktur für die Freie Szene entsteht. Ich sehe es als Chance, dass man die Produktionslogiken von Stadttheater und Freier Szene an einem Ort zusammenbringt.
Wie wird er umgebaut und genutzt? Was passiert etwa mit dem neu eingerichteten Depot 3?
Auch das Depot 3 gehört zum neuen Kooperationshaus von Freier Szene und Schauspiel Köln. Darin entsteht ein Tanzstudio und ein Ort für Publikumsgespräche oder kleinere Aufführungen. Und dann gibt es Räume, die sich Musical und Kooperationshaus teilen, etwa das Foyer und Teile des Backstage-Bereichs. Der Carlsgarten wird weiterhin von uns betrieben, wir wollen, dass die Verbindung von Kunst, Community, Ökologie und Performance da weiter stattfindet.
Welche Herausforderungen liegen in der Nachbarschaft von Musical und neuem Kooperationshaus im Depot 2?
Erst einmal müssen wir Depot 1 und 2, die bisher zusammenhingen, auseinander dividieren, Garderoben und Technikbereiche etwa. Die größte Herausforderung ist, etwas zu koordinieren, das es so noch nicht gab: eine Kooperation zwischen Stadttheater und Freier Szene im gleichen Haus mit jemandem, der kommerziell Musical anbietet. Aber uns stehen Depot 2 und 3, eine Probebühne und eine kleines technisches Team für die Betreuung des Spielbetriebs der Freien Szene zur Verfügung. Das sind gute Voraussetzungen.
Erstmals werden in Köln Gruppen, die auf sehr hohem Niveau hier arbeiten und bisher stets an Orte außerhalb Kölns ausweichen mussten, hier ihre Arbeiten zeigen können
Anna Bründl
Wird das neue Haus auch als Probenort für die Freie Szene nutzbar sein?
Das ist ja etwas, das chronisch fehlt in Köln! An das Depot 2 ist auch weiterhin der Kupferzug als Probebühne angeschlossen, ein großer Raum mit etwa sieben Metern Höhe. Auch die Freie Szene kann ihn nutzen sowie Gruppen, die wir koproduzieren oder auch Festivals und Institutionen, mit denen wir kooperieren. Das ist eine wichtige Ressource, die wir hier zu guten Bedingungen anbieten.
Das neue Haus wird vermutlich ein begehrter Ort werden. Wer wird entscheiden, nach welchen Kriterien hier wer zum Zuge kommt?
Für mich ist klar, dass es einen Schwerpunkt auf Tanz und Performancekunst gibt, denn das war das eindeutige Ergebnis der AG Depotopia. Erstmals werden in Köln Gruppen, die auf sehr hohem Niveau hier arbeiten und bisher stets an Orte außerhalb Kölns ausweichen mussten, hier ihre Arbeiten zeigen können. Die sehr breit und weit gefächerte Szene, vor allem im Tanz, ist einfach unterrepräsentiert in Köln, und das soll sich ändern. Die Entscheidungen trifft ein gemeinsames Leitungsteam aus Intendanz Schauspiel Köln, der Geschäftsführung, also mir, und eine »Programmleitung Freie Szene«, die noch eingestellt wird.
Wird es weiterhin die vom Rat beschlossenen 500.000 Euro Produktionsgeld geben?
Oder werden davon auch die Mitarbeitenden bezahlt? Die 500.000 Euro Produktionsgeld sind gesetzt. Das Schauspiel Köln hat zudem ein eigenes Budget für die Arbeiten, die sie im Depot 2 zeigen und neu produzieren werden. Zudem werden etwa sechs Techniker:innen angestellt sein — Minimalbesetzung für einen Spielbetrieb für etwa zehn bis zwölf Veranstaltungen im Monat. Rund 45 Spieltage für die Freie Szene, rund 30 Tage für das Schauspiel sind angedacht. Eine Produktionsleitung wird die gemeinsamen Spielpläne von Freier Szene und Schauspiel Köln mit dem Musical abgleichen, das ist hochkomplex: An diesem Ort treffen nun viele unterschiedliche Interessen und Menschen aufeinander, die einiges vorhaben.
Wie würden Sie das Profil des neuen Koproduktionshauses beschreiben?
Es geht um Kunstformen, die den Körper ins Zentrum stellen. Das ist Tanz; das kann auch Performance sein; es kann Theater sein. Körper und Bewegungen sprechen eine eigene Sprache auf der Bühne und diese Form der body-based art interessiert mich sehr. Ich würde Größe und Arbeitsweise etwa mit dem Theater Rampe in Stuttgart, Residenz Leipzig oder dem Hoch X in München vergleichen: Ein Ort, der vor allem an die lokale Szene angebunden ist, aber auch den Blick über den eigenen Tellerrand wirft und sich immer wieder international ausrichtet, weil das insbesondere den Produktionslogiken einer vernetzten Freien Szene entspricht.
Werden Zwischenformen wie etwa der Zeitgenössische Zirkus, der in Köln floriert, ihren Platz finden oder auch freie Physical-Theater-Ensembles, wie etwa Kimchi Brot oder performing:group?
Wir sind offen für alle und werden herausfinden, was passt. Es ist auch eine begrenzte Ressource, es wird eine Auswahl stattfinden. Aber es wird ein Ort sein für professionell freischaffende darstellende Künstler:innen, die eine größere Bühne brauchen, die es für sie in Köln noch nicht gab. Zudem wird der Ort offen sein für Kooperationen mit Festivals, sie werden die neue Infrastruktur im Depot 2 ebenfalls nutzen können. Auch das hat bisher in Köln gefehlt. Und auch wenn es schade ist, dass das Depot 1 gerade nicht mehr zur Verfügung steht — immerhin eine der besten Tanzbühnen in Deutschland, wie ich finde —, ist das Depot 2 für viele Formate aus der freien Szene ein sehr guter Raum.
Könnt ihr euch eine künstlerische Zusammenarbeit mit dem Musicalbetrieb vorstellen?
Erstmal müssen wir uns besser kennenlernen und verstehen, was der andere macht. Aber wir nehmen eine große Offenheit von Frank Blase, dem Geschäftsführer von Apiro Entertainment, wahr. Wir wissen alle, wie wichtig die Zwischenräume im Theater sind: Foyers, Gesprächsorte, Bars, an denen man sich danach trifft, Aftershowpartys. Genau da müssen wir herausfinden, wie das Miteinander am besten funktioniert. Das wird echte Aufbauarbeit. Das Spannende ist, dass durch die besondere Situation dieser Interimsspielstätte, die so etabliert ist, dass man sie nicht aufgeben wollte, endlich die Möglichkeit entstanden ist, eine neue Struktur für die Darstellende Künste in Köln zu schaffen. Darauf hat die Szene lange gewartet und das ist angesichts der Kürzungsszenarien, die im Kulturbereich gerade allerorts drohen, eine herausragende Nachricht.








