»Real Americans« eilt sein Ruf voraus. 2024 wurde Rachel Khongs zweiter Roman in den USA veröffentlicht und zum »Instant New York Times Bestseller«. Im Februar erschien das mehr als 500 Seiten dicke Familienepos in einer Übersetzung von Tobias Schnettler auf Deutsch und bleibt ein page turner, der überrascht. Khong spannt in drei Teilen und drei Stimmen über drei Generationen hinweg einen Bogen von Maos Kulturrevolution ins Amerika der Zukunft und fragt danach, was das sein soll, ein real american. Ein wichtiges Buch in einer Zeit, in der die rassistische Politik der MAGA-Bewegung wenig Raum für Spekulation lässt, wen die amerikanische Rechte als real american betrachtet.
Aber zurück zur Prosa. Khongs Roman beginnt im Stil des »Great American Novel«: Die in Florida geborene Lily Chen studiert Kunstgeschichte und arbeitet als unbezahlte Praktikantin um die Jahrtausendwende für ein Online-Reisemagazin in New York. Bei einer Firmenfeier lernt sie Matthew kennen, den Erben des Pharmaimperiums Maier. Eine vorsichtige Liebesgeschichte entwickelt sich zwischen den zwei Menschen mit den eklatant unterschiedlichen Einkommen: »Er sah auf seine Armbanduhr. Sie war golden und tickte leise. Es war ernüchternd, daran zu denken, wie teuer sie gewesen sein mochte. Ein Jahr meiner Miete — vielleicht noch mehr.«
Was Cinderella- und Sex-and-the-City-artig startet, entwickelt sich zunächst zu einer Art Bourgeoisie-Voyeurismus aus Lilys Perspektive. Nachdem sie gefeuert wird, zieht sie zu Matthew und wird zur Ehefrau des privilegierten Superreichen. Als sie ihn auf eine Geschäftsreise nach Peking begleitet, um mehr über ihre Wurzeln zu erfahren, bringt die amerikanische Lily mit dem »Gesicht, das die Leute fragen ließ: Woher kommst du?« in einem chinesischen Krankenhaus ein weißes Baby zur Welt. Das Falsche, meint sie. Wie kann es sein, dass Lily, die Tochter chinesischer Eingewanderter, dieses hellhaarige Baby mit Matthews Augen gebärt? Die merkwürdige Ähnlichkeit zwischen Matthew und seinem Sohn — »dieser blonde, blauäugige all-American boy« — bleibt in den weiteren beiden Teilen des Romans das zentrale Thema. Aber in seiner Form entwickelt sich »Real Americans« zu Spekulativer Fiktion. Khong beschreibt, was inzwischen fast realistisch greifbar wirkt, ergänzt mit einer Prise magischem Realismus.
›Real Americans‹ startet Cinderella- und Sex-in-the-City-artig, und entwickelt sich dann zu einer Art Bourgeoisie-Voyeurismus
Der zweite und dritte Romanteil rahmen Lilys Geschichte generational ein. So wird erst aus Perspektive ihres Sohns Nick im Jahr 2021, dann aus Sicht ihrer Mutter Mai im Jahr 2030 stückweise erkundet und aufgedeckt, was das multinationale Pharmaunternehmen der Maiers mit dem ultraamerikanischen Aussehen Nicks zu tun haben könnte. Denn den Grundstein für die rätselhaften Elemente im Leben von Lily und Nick legte die ambitionierte und wissbegierige Mai schon vor ihrer Auswanderung aus China in die USA, als sie in den 60er Jahren an der Universität in Peking am Genom von Lotuspflanzen forschte. »Ich wollte die DNA der Pflanze verstehen, die Anweisungen selbst, die ihr sagten, wann und wie sie sich reparieren sollte — wie sie aufblühen und sich schließen, wie sie Jahrhunderte, sogar Jahrtausende ruhen konnte. Konnten wir die DNA lesen wie eine Sprache?«
Und: »Wenn ich nachts träumte, dann von der Doppelhelix und ihrer Eleganz, wie eine Leiter, über die ich hinaufsteigen würde — an einen anderen Ort, irgendwohin«, erklärt Mai rückblickend und stellt in ihrem Teil der Erzählung immer wieder den kollektivistischen Gedanken Chinas dem Individualismus der USA gegenüber. Dieser Roman, in dem es nicht nur um Gengut, sondern auch um Prägung geht, um Liebe und intergenerationale Bemühungen, stellt so die uralte Frage danach, wie ein Mensch wird, wer er ist. Ist es die Sprache, die er spricht, das Umfeld, in dem er aufwächst, sind es seine Entscheidungen oder kommt es doch am Ende darauf an, ob er wie ein großer handsome all-american aussieht?
Lesung
Fr 26.6., Comedia, 19.30 Uhr
Roman
Rachel Khong: »Real Americans«
KiWi, 528 Seiten, 24 Euro







