Die Leipziger Friedhofsverwalterin Michaela Kohlhaas hat Job und Wohnung aufgegeben, um obdachlos ein »Geschäft der Rache zu installieren und jene zu schädigen, die ihrerseits vor allem damit beschäftigt waren, andere zu schädigen«. Mit ihrem Planwagen zieht sie nach Lützen und Erlabrunn, stiehlt und bricht in ein Museumsschloss ein, bevor sie vorübergehend in die Datsche der sporadisch in der ersten Person von ihrem eigenen Weltschmerz berichtenden Ich-Erzählerin, die losen Kontakt zu Kohlhaas hat, zieht.
In der saturierten Datschenkolonie provoziert sie, in der Leipziger Innenstadt stinkt und pöbelt sie, wird sogar in einer Fernsehtalkshow befragt. »Ich habe gar keine Botschaft, sagte die Kohlhaas, ich habe eine Lebensweise.« Der finale Anlass für ihren Ausbruch war der vermögende Galerist Wenzel von Tronka auf der Neueröffnung der Tronkenburg, früher Kneipe im kommunalen Plattenblock, jetzt Bar, offenkundig in einer Tronka-Immobilie, »landesherrliches Privilegium«. Weitere Kleist-Zitate streut der Roman kursiviert ein.
Darüber hinaus bleibt irritierend schwammig und aszenisch, welche spezifisch heutigen und feministischen Motive Heike Geißlers Kleist-Überschreibung und ihre Protagonistin bewegen, jenseits von theoriesprachlichen Schablonen wie der abgelehnten »Erholung zur Reproduktion der Arbeitskraft«. Woher die Ich-Erzählerin das Wissen nimmt, um quasi-auktorial von Michaela Kohlhaas zu erzählen, bleibt offen, denn anders als bei Heinrich von Kleists Erzählerchronist gibt es bei Heike Geißler keine Reflexion der Quellen. Sprachlich geraten ihr manche Bilder schief, »eine Tapetenkleister- oder Honigfläche war ihr Inneres«, heißt es einmal.
Dennoch kann man sich von diesem Roman verschlingen lassen, seine Vorausdeutungen erzeugen Spannung. »Man würde die Kohlhaas verdächtigen, gezielt Blindgänger zur Explosion gebracht zu haben, um die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen«, heißt es, als Kohlhaas in einen munitionsbelasteten Wald zieht. Subtil gelingen Heike Geißler die Zuschreibungen, die ihre Heldin ertragen muss. Erwartbar die Vulgärbeschimpfungen, die Wünsche, »sie in ein Lager zu stecken«. Aber in den moderateren Diagnosen, »sie sei manisch«, »brauche professionelle Betreuung«, »müsse doch die Füße wieder auf den Boden der Realität kriegen«, fühlt man sich ertappt. Das könnte man selbst ihr auch vorwerfen, bei aller Sympathie mit dem Widerstand der Michaela Kohlhaas.
Fr 19.6., King Georg, 21 Uhr
Roman
Heike Geißler: »Michaela Kohlhaas«
Suhrkamp, 253 Seiten, 24 Euro







