»Der Deutzer Bahnhof hat für uns eine schreckliche Geschichte«, sagt Robert Wernicke, Vorsitzender des Vereins Sinti Allianz NRW. Von dem Bahnhof aus wurden sein Großvater und Urgroßvater Josef und Michael Wernicke 1940 mit rund tausend weiteren Sinti und Roma deportiert. Im Kölner NS-Dokumentationszentrum gibt es Fotos von beiden, die die Nazis vor ihrer Deportation anfertigten. »Die Fotos kriminalisieren meine Verwandten«, sagt Robert Wernicke. »Sie waren aber keine Kriminellen, sondern ganz normale Kölner. Und das sind wir bis heute.« Seine Kollegin Nancy Friske erklärt: »Wir wollten die Täterperspektive umdrehen, so wie es eigentlich gehört.« Als Teil des Projektes »Deutz Tief — Gleis ins Vergessen« haben die beiden zwölf Biografien von Menschen aus den Communities der Sinti, Roma und Jenischen recherchiert, die von Deutz aus deportiert wurden oder davor flüchten konnten.
Zu den auf einer Website aufbereiteten Geschichten gelangt man über einen QR-Code, der auf einer neuen Gedenktafel im Bahnhof Deutz abgebildet ist. Der Code führt auch zu mehreren Podcast-Folgen, in denen Friske und Wernicke zum Beispiel über fortwährenden Rassismus sprechen. Auch die biografischen Geschichten wollen beide noch vertonen. »Wir nennen das Take away-Museum, weil die Inhalte für viele Menschen niedrigschwellig zugänglich sind«, sagt Friske, deren Familie ebenfalls in der NS-Zeit verfolgt wurde.
In diesem Projekt -können wir selbst -entscheiden, welche Familiengeschichten wir wie erzählen Nancy Friske, Sinti Allianz NRW
Das Material für die Gedenktafel haben Friske und Wernicke seit September recherchiert, finanziert wurden sie von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft und vom Bund. Die beiden haben Bücher gewälzt, Archive besucht und mit Nachfahren von Deportierten gesprochen. Und sie haben die Geschichten ihrer eigenen Großeltern aufgearbeitet. »Das Besondere ist: Es ist ein Projekt von uns über uns«, sagt Friske. Oft werde über die Communities gesprochen, aber nicht mit ihnen. »In diesem Projekt können wir selbst entscheiden, welche Familiengeschichten wir wie erzählen.«
In Zeiten eines erstarkenden Rassismus ist das Projekt nicht ungefährlich. »Die Stiftung hat uns zu besonderen Schutzmaßnahmen für die Übergabe der Gedenktafel geraten«, erzählt Wernicke. Weil es sich um eine öffentliche Veranstaltung handele, sei Vorsicht geboten. »Gleichzeitig ist das paradox: Wir sollen uns von der Polizei bewachen lassen, gegenüber der viele von uns ein historisch bedingtes Misstrauen haben.« Wernicke fragt sich, wie es aussehe, wenn ein polizeiliches Großaufgebot die Veranstaltung begleite. »Dann wirken wir wieder, als müssten wir besonders überwacht werden«, glaubt er.
Am 11. Juli wird die Gedenktafel der Öffentlichkeit vor dem Deutzer Bahnhof übergeben. Es gibt Redebeiträge, Musik, Kulinarisches und eine Ausstellung in der Bahnhofshalle. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen und können sich vor Ort mit Initiativen über lokale Erinnerungskultur austauschen.
Sa 11.7., Ottoplatz 7, 12–19 Uhr







