»Transport ist Teilhabe«

Die Willy-Brandt-Gesamtschule organisiert Reittherapie für Schüler:innen mit Behinderung. Doch die Stadt Köln will den Bus zum Reitstall bald nicht mehr finanzieren. Damit steht das Projekt auf der Kippe

Liya steht in der Reithalle und nimmt den Zügel von Pferd Rasputin in die Hand. »Weißt du, wie du den richtig hältst?«, fragt die Reittherapeutin. Liya nickt und lächelt. Sie darf heute nicht reiten, weil sie eine Verletzung am Bein hat. »Aber das Pferd führen mag ich auch!«, sagt die 16-Jährige.

Liya hat das Downsyndrom und fährt jeden Dienstagmorgen als Teil einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung zur Reittherapie nach Dellbrück. Die Kinder gehen auf die inklusive Willy-Brandt-Gesamtschule, deren Angebot zum therapeutischen Reiten seit 2023 von der Pädagogin Nicole Haugner geleitet wird. Den Bus zum Dellbrücker Reitverein Kornspringer bezahlt bisher die Stadt Köln. Doch die hat der Schule nun mitgeteilt, dass sie die Kosten ab dem kommenden Schuljahr nicht mehr übernimmt. Damit steht die gesamte Reittherapie auf der Kippe: Eine Anreise mit den öffentlichen Verkehrs-mitteln ist laut Haugner sowohl zu anstrengend für die Kinder als auch zeitlich kaum organisierbar, weil sie viel länger dauert. Und die Eltern haben keine Kapazitäten, eine alternative Transportmöglichkeit zu organisieren.

Die Stadt begründet ihre Entscheidung mit der BASS, einer Sammlung von Schulvorschriften des Landes NRW. In einem darin enthaltenen sogenannten Runderlass aus dem Jahr 1987 heißt es, dass Schulträger nicht zu einer therapeutischen Reitveranstaltung verpflichtet seien und folglich auch keine »Mittel zur Durchführung des Reitens« bereitgestellt werden müssten. Die Vorschrift bezieht sich auf Förderschulen und Grundschulen. Die Willy-Brandt-Gesamtschule ist aber weder das eine noch das andere. Wieso fördert die Stadt auf einmal eine uralte Vorschrift zutage, obwohl sie den Bus zum Reiten schon seit drei Jahren bezahlt?

Die Kinder machen einen Ausflug wie andere Kinder auch — gemeinschaftlich und ohne Bewertung von außen Anne Schuster, Reittherapeutin

Auf Nachfrage der Stadtrevue antwortete die Stadt Köln, bei den durch das Gesetz abgedeckten Grundschulen handele es sich um »Schulen des gemeinsamen Lernens«. Auch die Willy-Brandt-Gesamtschule sei eine solche Ein-rich-tung, »die es zum Zeitpunkt der Bekanntgabe des Rund-erlasses 1987 in der Form noch nicht gab. Deshalb wurde der Runderlass hier analog angewandt«. Die Stadt schreibt, sie habe Verständnis für den »Unmut« Betroffener, aber aufgrund der Haushaltslage sei es »leider nicht vermeidbar, in vielen Bereichen freiwillige Leistungen einzustellen.« Auch die Fahrtkosten zweier weiterer Kölner Schulen, die thera-peutisches Reiten anbieten, wird die Stadt zukünftig nicht übernehmen. Die Transportfahrten aller drei Schulen haben insgesamt nach Angaben der Stadt im vergangenen Schuljahr rund 60.000 Euro gekostet — so viel also soll bald eingespart werden.

Im Gespräch mit der Stadtrevue zeigen sich viele -Eltern von Schüler:innen der Willy-Brandt-Gesamtschule entrüstet über die Maßnahme. Guido Reiferscheid, -Vater der 13-jährigen Emma, die wie Liya das Downsyndrom hat, sagt: »Die Stadt spart bei den Schwächsten und verursacht damit einen riesigen Schaden.« Eine Mutter, die anonym bleiben will, findet, die Entscheidung der Stadt Köln widerspreche deren Leitbild: »Inklusion darf nicht auf dem Konzeptpapier enden.« Und Ayten Balik, Mutter des 16-jährigen Teoman, sagt, der Bus sei »Teil des pädagogischen Konzeptes einer inklusiven öffentlichen Schule — und kein Privatvergnügen«. Auch Teoman hat das Downsyndrom. Sein nicht behinderter Bruder, erzählt Balik, bekomme die Fahrt zum Schwimmunterricht von der Stadt bezahlt. »Aber Teoman soll keinen Ausflug machen?« Balik sagt: »Transport ist Teilhabe.«

Die Schulleitung der Willy-Brandt-Gesamtschule Uta Goossens betont im Gespräch mit der Stadtrevue: »Dass die Stadt die Finanzierung des Busses einstellt, ist für uns bedauerlich, aber angesichts der Haushalts-lage nachvollziehbar.« Der didaktische Leiter der Schule Markus Brück sagt, man wolle versuchen, Spenden für einen Ersatzbus zu sammeln. Bis auf den Bus ist die gesamte Reittherapie aber schon spendenfinanziert. »Irgendwo hört die Spen-den-bereitschaft wahrscheinlich auf«, fürchtet Brück. 

Für die Kinder der Willy-Brandt-Gesamtschule wäre der Wegfall des Busses und damit wahrscheinlich auch der Therapiestunde ein großer Verlust. »Durch das Reiten  erfahren die Kinder Selbstwirksamkeit«, erklärt Reitthera-peutin Anne Schuster. Emotionale Bedürfnisse nach Nähe, Kontakt und Beziehung würden gestillt. »Das Schönste ist: Die Kinder empfinden das Reiten eher als Hobby als als Therapie«, sagt Schuster. »Sie haben nicht das Gefühl, beeinträchtigt zu sein, denn sie machen einen Ausflug wie andere Kinder auch — gemeinschaftlich und ohne Bewertung von außen.«  

Was diese Gemeinschaft für Liya bedeutet, merkt man ihr während der Reittherapie an. Nachdem sie Teoman auf dem Pferd durch die Halle geführt hat, legt sie ihrem Mitschüler behutsam die Hand auf die Schulter: »Komm, Teoman.« Jetzt sind andere Schüler:innen an der Reihe. Und die können das Reiten ebenso wenig abwarten. Emma zum Beispiel thront sichtlich stolz auf dem Pferd: »Ich sitze hier oben drauf!«, ruft sie strahlend. Ansonsten spricht Emma kaum, »aber das Reiten fördert ihren Sprachfluss«, sagt ihr Vater Guido Reiferscheid. »Außerdem ist Emma einsamer als andere Kinder.« Die Therapie helfe ihr, Anschluss zu finden.

Auch Liyas Familie hat diese Erfahrung gemacht: »Unsere Tochter erzählt manchmal, wie sich die Kinder gegenseitig beim Reiten unterstützen.« Liya sagt, sie fände es »schade«, wenn sie nicht mehr reiten könnte. Inzwischen neigt sich die Therapiestunde ihrem Ende zu. Die Kinder steigen in den Bus und winken zum Abschied. Vielleicht bleiben ihnen nur noch wenige Dienstage auf dem Reiterhof in Dellbrück. 

Wer an die Willy-Brandt-Gesamtschule für einen neuen Bus spenden möchte, kann sich an Nicole Haugner wenden unter nicole.haugner(at)wbgs-koeln.de

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