Im Reich der Schneekönigin
Die drei bedeutendsten Filmfestivals Europas haben alle schon lange das Rentenalter erreicht. Die Berlinale feierte dieses Jahr ihren 75. Geburtstag und ist damit ein paar Jahre jünger als Venedig und Cannes, die 2025 zum 82. bzw. 78. Mal stattfinden werden. Wirklich gefeiert, etwa mit einer Filmreihe, wurde dieses Jubiläum in Berlin nicht. Vielleicht verständlich, war dies doch die erste Ausgabe unter der neuen Leitung der US-Amerikanerin Tricia Tuttle. Sie musste das glücklose und unfein vor die Tür gesetzte Leitungsduo Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek allein ersetzen und dürfte genug damit zu tun gehabt haben, den Eventtanker mit fast einer halben Million Kinobesuchen verteilt auf über 200 Filme wieder in ruhigere Fahrwasser zu bringen.
Das ist ihr gelungen, auch wenn es zu Beginn am verschneiten und eisigen Potsdamer Platz anders aussah. Tom Tykwers außerhalb des Wettbewerbs gezeigter Eröffnungsfilm »Das Licht« sollte offenbar den Zeitgeist einfangen und das deutsche Kino hervorheben, das im Wettbewerb sonst vor allem durch Koproduktionen vertreten war. Doch das 162-minütige Epos wurde national wie international verrissen, wenn nicht gar belächelt. Und gleich zu Beginn, sah es aus, als ob die diesjährige Berlinale erneut von Antisemitismus-Vorwürfen überschattet würde, als der BDS-Unterstützerin Tilda Swinton in der Eröffnungsgala der Ehrenbär verliehen wurde. Doch beides bestimmte in der Folge nicht den Diskurs, vielleicht auch weil sich der Wettbewerb als einer der besten der letzten Jahre herausstellte.
Weder hatte man den Eindruck, dass Filme lediglich wegen ihres (politischen) Themas ausgewählt wurden noch wegen der Stars, die in ihm zu sehen sind, wie in den Kosslick-Jahren (2001-2019), noch wie unter Chatrian, dass der Wettbewerb ein wenig geliebtes Aushängeschild ist, weil der Festivalleiter seine cinephilen Vorlieben vor allem in dem von ihm gegründeten – und von Tuttle wieder abgeschafften – Nebenwettbewerb Encounters auslebte.
Die Spanne des Wettbewerbs reichte dabei von Hélène Cattets und Bruno Forzanis »Reflet dans un diamant mort« bis zu »Timestamp« von Kateryna Hornostaj. Ersterer ist eine Reflektion über die Wunsch- und Traummaschine Kino auf der Basis von Genreversatzstücken vor allem des italienischen Genrekinos der 60er und 70er Jahre, die kaum weniger »meta« sein könnte. Der Reiz des Films resultiert daraus, dass er zugleich den kindlichen und kindischen Wunsch bedient, ein Kino nur aus den coolsten und geilsten Momenten zu konstruieren und gerade dadurch eine Abstraktheit erreicht, über die Bild-, Medien- und Filmtheoretiker sicher lange Traktate schreiben könnten.
Der Wettbewerb der Berlinale 2025 war einer der besten der letzten Jahre
Der Film könnte kaum weiter entfernt sein vom Dokumentarfilm »Timestamp«, der zeigt, wie in der Ukraine selbst in Frontnähe versucht wird, Kinder und Jugendlichen den Schulbesuch zu ermöglichen – unterbrochen von Luftalarmen und Gedenkminuten, teilweise in halb zerstörten Schulen oder per Zoom. »Timestamp« setzt auf reine Beobachtung, es gibt keine Interviews, doch mit Hilfe der Musik wird immer wieder trotz des Horrors des Krieges auch die Hoffnung betont, die einem Film über Kinder fast automatisch eingeschrieben ist.
Einer der besten Filme des Wettbewerbs verbindet beide Elemente: formalen Mut und politisch-gesellschaftliche Relevanz. Huo Mengs »Living the Land« spielt in der südchinesischen Provinz im Jahr 1991, wobei es wirkt, als finde die Handlung Jahrzehnte früher statt, so rückständig ist das Dorf, in dem Protagonist Li Chuang lebt. Der Zehnjährige wächst ohne seine Eltern auf, sie haben das Dorf verlassen, um ihr Glück in Shenzhen, der ersten Sonderwirtschaftszone des Landes zu suchen. Und so wird Chuang von Verwandten aufgezogen, in einer von Landwirtschaft geprägten Umgebung, in der das Leben immer noch stark durch den Wandel der Jahreszeiten bestimmt ist und durch andere zyklische Ereignisse wie Geburten, Tode und Hochzeiten. In oftmals atemberaubenden Totalen und mit fast ethnografischem Blick werden Rituale und Feste der kleinen Gemeinschaft eingefangen, während Chuang zu einem stillen Beobachter der kleinen persönlichen Dramen und zwischenmenschlichen Konflikte wird. »Living the Land« ist eine Ode an die Widerstandsfähigkeit der einfachen Landbewohner, die die Geschichte nur oberflächlich vergessen zu haben scheint.
Mit dem Goldenen Bär zeichnete die Jury um den US-Regisseur Todd Haynes »Dreams« aus, den dritten Teil einer Trilogie des norwegischen Regisseurs Dag Johan Haugerud, deren erste beiden Teile letztes Jahr auf der Berlinale (»Sex«) und in Venedig (»Love«) gezeigt wurden. Alle drei Filme werden im April und Mai vom Verleih Alamode in die deutschen Kinos gebracht, dann mehr dazu.
Ein silberner Bär ging indirekt auch nach Köln
Ein Silberner Bär ging zumindest indirekt auch nach Köln. Das kreative Team von Lucile Hadžihalilovićs »La tour de glace« wurde mit dem Preis für die herausragende künstlerische Leistung in einem Film ausgezeichnet. Der Film ist eine deutsch-französische Koproduktion unter Beteiligung der Kölner Firma Sutor Kolonko. Hadžihalilović, die auch das Drehbuch geschrieben hat, erzählt von der 16-jährigen Jeanne, die aus einem Kinderheim in den Bergen in eine Stadt abhaut und durch Zufall in einem Filmstudio Unterschlupf findet. Dort wird tagsüber Hans Christian Andersens Kunstmärchen »Die Schneekönigin« verfilmt. Jeanne ist fasziniert von der Schneekönigin bzw. deren divenhafter Darstellerin (Marion Cottillard), die sie in eine Welt zwischen Realität und Traum zieht. Kamera, Ausstattung, Musik, alles verbindet sich hier perfekt, um das Abgleiten Jeannes in eine ebenso kalte wie verführerische Märchenwelt erfahrbar zu machen. Wie alle oben genannten Filme ist »La tour de glace« ein Kinofilm im emphatischen Sinne, der ein Großteil seiner Wirkkraft nur auf der großen Leinwand entfalten kann.
In den nächsten Jahren wird Berlin sicher nicht mit Cannes oder Venedig mithalten können, was Glamour und große Namen im Wettbewerb anbelangt – diese Erwartung an Tricia Tuttle wäre auch unfair. Aber das ist vielleicht auch nicht schlimm, wenn solch großes Kino wie »La tour de glace« oder »Living the Land« den Wettbewerb bestimmt. Zumal die Berlinale in ihrem 75. Jahr in einer Hinsicht besser dasteht als ihre etwas älteren Konkurrenten: In einer Zeit, in der die Besucherzahlen für das reguläre Kinoprogramm immer weiter zurückgehen und auf allen Kontinenten Nationalismen auf dem Vormarsch sind, gelingt es dem größtem Publikumsfestival weltweit weiterhin Hunderttausende ins Kino zu locken und unsere globale Realität in einer Tiefe und Differenziertheit darzustellen (oder diese zu transzendieren), wie es die Nachrichten oder gar Social Media niemals können werden.